Bild: Yannic Pöpperling
18 Rapper haben gemeinsam einen Song aufgenommen. Wir haben mit zwei der beteiligten Musiker gesprochen

"Ich rapp' für meinen Bruder, denn ich könnte auch das Opfer sein /

Falscher Ort, falsche Zeit - da hilft dir auch nicht tapfer sein"

Diese Zeilen klingen hochaktuell, stammen aber von 2001. Afrob rappte sie auf dem Track "Adriano (Letzte Warnung)", auf dem sich insgesamt 14 Rapper und Sänger unter dem Namen Brothers Keepers gegen Rassismus und rechte Gewalt positionierten. Anlass des Songs war der Tod von Alberto Adriano, der im Juni 2000 in Dessau von drei Neonazis ermordet worden war. (SPIEGEL)

Zwanzig Jahre und viele Nazimorde später hat sich die deutsche Rapszene wieder für einen Track gegen rechte Gewalt zusammengetan. Mit "Bist du wach?" erinnern insgesamt 18 Künstler und eine Künstlerin an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau am 19. Februar, bei dem zehn Menschen ermordet wurden. (SPIEGEL)

Der Bezug zum Brothers Keepers-Song wird auch im Text klar: "Es gab schon lange eine letzte Warnung / Sie wird ignoriert in den letzten Jahren" singt die Frankfurter R'n'B-Künstlerin Rola. 

"Ich hab sofort an Adriano gedacht, als ich die Anfrage bekam, den Song mit aufzunehmen" sagt sie zu bento. 2001 war sie elf Jahre alt, deswegen habe sie nicht alle Hintergründe verstanden. "Ich weiß aber noch, dass der Song damals alle berührt hat." 

Hanau habe aber auch erneut klargemacht: "Es war keine letzte Warnung, man muss dauernd warnen."

„Wenn die Farbe meiner Haut sie triggert / Nichts Neues, so war es schon immer / Egal, wie lange wir schon hier sind, Digga / Kämpfen wir gegen das Schimpfwort 'N****'“
Rola auf "Bist du wach?"

Organisiert wurde das Projekt vom Hanauer Rapper Azzi Memo. Er war vom Anschlag persönlich betroffen: Der ermordete Ferhat Unvar war sein Cousin, weitere Opfer waren Freunde von ihm. Die Arbeit an dem Song war für ihn auch eine Art, das Trauma zu verarbeiten, sagt er zu bento. 

Auch Rola hat Hanau noch stärker getroffen als andere rechte Anschläge. "Sonst passiert sowas weiter weg. Aber jetzt war es hier um die Ecke, das sitzt noch tiefer." Auch der genaue Anschlagsort habe zu diesem Gefühl beigetragen. "Dadurch, dass ein großer Teil der Hiphop-Kultur in Shishabars stattfindet, betrifft es einen nochmal mehr", sagt sie.

„Ich dachte, meine Söhne wären sicher hier / 33 Jahre in diesem Land, was ist passiert? / Kalte Luft verursacht kalte Menschen / In meinem Zimmer hängt ein Poster von Balotelli“
Milonair auf "Bist du wach?"

"Es war extrem schwer, meine ganzen Emotionen in acht Zeilen zu packen", sagt Memo. Aber er wollte den Song nicht alleine machen, sondern möglichst viele verschiedene Stimmen dabeihaben, aus vielen verschiedenen Nationen. "Um zu zeigen, dass Rassismus alle angeht." Und auch, weil so viele verschiedene Fanbases und Communitys zusammenkämen und sich dadurch noch mehr Menschen mit dem Song identifizieren könnten.

Memo ist stolz darauf, dass die Rapszene sich zusammengefunden hat und so ein klares Zeichen setzt. "Ja, bei uns geht es auch oft um Schmuck, Autos und solche Sachen. Aber wir können auch ernsten Themen eine große Reichweite verschaffen."

„Kein Platz für Rassismus, ich halte dagegen, solange ich lebe und atme / Zehn Menschen verloren ihr Leben, doch bleiben bestehen, im Herzen 'ne Narbe“
Azzi Memo auf "Bist du wach?"

"In erster Linie wollen wir mit dem Track den Familien der Opfer beistehen. Zeigen, dass wir mitfühlen, dass wir da sind", sagt Memo. Die Erlöse des Songs gehen an die Amadeu-Antonio-Stiftung, die einen Hilfsfonds für die Angehörigen der Opfer eingerichtet hat. "Geld bringt niemanden zurück, aber es kann andere Sorgen lindern. Gerade jetzt in der Coronakrise sind viele Jobs bedroht, es ist das Mindeste was wir tun können", sagt Memo.

Azzi Memo

(Bild: Generation Azzlack)

Er habe auch ein wenig Sorge gehabt, aufgrund der Coronakrise mit dem Song nicht durchzudringen, sagt Memo. "Aber innerhalb von drei Tagen hatten wir je eine Million Plays bei YouTube und Spotify. Ich bin froh, dass die Menschen Hanau nicht vergessen haben."

Dabei ist der Song ganz anders, als sonst Hits funktionieren. Keine eingängige Melodie, kein Refrain. Achteinhalb Minuten, 16 aneinandergereihte Parts auf einen simplen Beat mit ein wenig Klavier. Viel Wut, auf Rassismus, auf die AfD, auf die wegschauende Gesellschaft. Und eine gewisse Verzweiflung darüber, dass es nicht besser wurde in den letzten Jahren, nach den letzten Anschlägen, sondern eher schlimmer.

„Irgendwann fragen die Enkel, 'Was ist passiert? / Wo standest du, als die Nazis marschierten?' / Wuchsen und langsam den Staat korrumpierten / Wir hab'n nur zugeseh'n / Dachten, wir könnten nix unternehm'n“
Kool Savas und NKSN auf "Bist du wach?"

Wie schon bei den Brothers Keepers sind fast alle an "Bist du wach?" Beteiligten selbst von Rassismus betroffen. Der Song ist nicht nur die Positionierung einer Musikszene. Er ist die wütende Anklage von andersgemachten Menschen aus verschiedenen Generationen. 

"Es kann nicht sein, dass wir immer noch dafür kämpfen müssen", sagt Rola. "Wir sind alle hier aufgewachsen, machen Musik auf Deutsch. Trotzdem werden wir von einigen Menschen nie als zugehörig akzeptiert werden." Eigentlich mache sie keine politische Musik. Aber nach Hanau habe sie das Gefühl gehabt, Stellung beziehen zu müssen. Laut zu werden, gegen den ihrer Wahrnehmung nach immer schlimmer werdenden Rassismus in Deutschland. 

Wie Rola sind die meisten Rapper auf "Bist du wach?" nicht für politische Musik bekannt. Das hört man dem Track auch an. Was ihn aber keinesfalls schlechter macht: Sie rappen nicht, um ein politisches Statement zu setzen oder Lösungen zu fordern. Sie rappen, weil sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. 

„Zwanzig Millionen mit Migrationshintergrund / Im Fadenkreuz von NSU 2.0 / Parallel dazu wird jeder achte Wähler zum Mörder / Celo 3-8-5, deutsches Kulturerbe, wenn ich sterbe“
Celo auf "Bist du wach?"

Rola sagt, dass es wichtig sei, Rassismus immer wieder deutlich zu benennen, um ihn der weißen Mehrheitsgesellschaft bewusst zu machen. "Wenn man wortwörtlich nicht in dieser Haut steckt, kann man das Ausmaß gar nicht mitbekommen. Auch wenn man glaubt, dafür sensibilisiert zu sein." 

So ähnlich sich "Adriano (Letzte Warnung)" und "Bist du wach?" sind, hat sich doch einiges verändert. 2001 war Deutschrap ein Nischenphänomen, heute ist er die wichtigste Jugendkultur in Deutschland. 

Das weckt auch bei Rola die Hoffnung, dass die Wirkung diesmal nachhaltiger ist. "Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dieser Kampf irgendwann zu Ende ist. Dass die nachfolgenden Generationen es schaffen, den Hass zu besiegen." 


Uni und Arbeit

Pfarrerin über Ostern im Internet: "Online wird der Glaube beliebig"
Nina-Maria erzählt im Interview, wie sie in der Coronakrise Gottesdienste feiert. Und warum das zugleich Chance und Gefahr ist.

Nina-Maria Mixtacki sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, neben ihr liegen bunte Kissen, über ihr hängen ein paar Lampions. "Gottesdienst im Erker", heißt das Video, das sie am vergangenen Sonntag bei YouTube hochgeladen hat. Die 31-Jährige ist Pfarrerin in Mittweida, einer Kleinstadt in Sachsen. Seit das Coronavirus die Menschen in Deutschland zwingt, zu Hause zu bleiben, hat sich ihre Arbeit verändert: Gottesdienste in der Kirche sind verboten, stattdessen muss Nina-Maria auf YouTube und Instagram ausweichen, auch an Ostern.

Im Interview erklärt die Pfarrerin, warum die Umstellung auch eine Chance ist. Und warum man nach Corona trotzdem aufhören sollte, Gottesdienste im Schlafanzug zu streamen.

Nina-Marias "Gottesdienst im Erker" bei YouTube