Bild: Benjamin Eckert
Vaska Zlateva über ihren Cousin Kaloyan Velkov, der ihr bei dem Anschlag in Hanau genommen wurde.

Vaska Zlateva kommt direkt von der Arbeit zum Gespräch. Ihren Job am Frankfurter Flughafen hat sie verloren, inzwischen arbeitet sie bei Lidl an der Kasse. Vaska ist ganz in weiß gekleidet. Sie ist erschöpft.

Kaloyan war Vaskas Cousin, er war zwei Jahre jünger als sie. Die gebürtige Bulgarin lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Kaloyan kam 2018. Sie waren Freunde. Sie unterstützten sich. Sie konnten gemeinsam 'ihre Sprache' sprechen, wie Vaska sagt. Er war für sie da, sie hörten sich zu. 'Jetzt ist da niemand mehr', wird sie später sagen.

Saying their names: Die Angehörigen sprechen über die Opfer des Hanauer Anschlags

Am 19. Februar 2020 erschoss ein rechtsextremistischer Attentäter neun ihm unbekannte Menschen, tötete anschließend seine Mutter und beging dann Suizid. 

Ein halbes Jahr später haben wir mit den Angehörigen der Ermordeten gesprochen – um an die Verstorbenen und ihre Familien zu erinnern. Und auch, um die Familien zu fragen, ob es etwas gibt, das Deutschland ihrer Meinung nach im Umgang mit Rassismus begreifen muss. Mit allen Angehörigen haben wir je etwa zwei Stunden gesprochen und das Gesagte in Protokollen verdichtet. Diese wurden von den Angehörigen gegengelesen und autorisiert. 

Vom 19. August 2020 an, genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag, werden wir jeden Tag eines der Protokolle veröffentlichen – in der Reihenfolge, in der wir die Gespräche geführt haben. 

Einen Überblick aller bisher erschienenen Texte findest du hier.

"Das letzte Mal habe ich mit meinem Cousin am 19. Februar um 21:48 Uhr telefoniert. Wir wollten an dem Samstag mit Freunden nach Frankfurt fahren, in ein Restaurant wo es Live-Musik geben sollte. Um 21:57 Uhr war Kaloyan tot.  

Kaloyan hat mit seiner Mutter im gleichen Haus gelebt wie ich, er im dritten Stock, ich im zweiten. Im Januar sind wir noch mit unseren Kindern und einer Freundin nach Gran Canaria geflogen. Wir hatten ein schönes Hotel gebucht, fünf Sterne, abends gab es Unterhaltung für die Kinder, sie haben die ganze Zeit getanzt. Wir hatten eine schöne Zeit."

Vaska und Kaloyan wohnten in Erlensee, etwa 7 Kilometer von Hanau entfernt. Kaloyans Frau und sein Kind lebten eine Zeit lang mit ihnen dort, kehrten aber wieder zurück nach Bulgarien. Kaloyan wollte bleiben.

"In Bulgarien sind wir zusammen aufgewachsen, unsere Väter sind Brüder, wir waren Nachbarn. Kaloyan hat immer alle gegrüßt, hat mit den Leuten gelacht. Und er hat immer gegessen. Er liebte es, zu essen, egal was du ihm gegeben hast. Gekocht hat er aber nie. Ich erinnere mich an ein einziges Mal, das ist schon Jahre her. Sein Bruder war in Deutschland zu Besuch. Er hat für uns Fleisch mit Kartoffeln und Tomatensoße gekocht. Danach hatten wir alle Bauchschmerzen."

Kaloyan Velkov

Kaloyan (gesprochen: Kaojan) war 33 Jahre alt, als er am 19. Februar von einem rassistischen Attentäter in Hanau erschossen wurde. Er lebte zum Zeitpunkt der Tat zwei Jahre in Deutschland. Er stand seiner Cousine sehr nah, sie lebten im selben Haus, er zog zu ihr, als er beschloss, nach Deutschland zu kommen. Kaloyan hinterlässt einen achtjährigen Sohn. 

Vaska lacht laut und liebevoll, wenn sie von Kaloyan erzählt. Wenn sie von der Tatnacht spricht, klingt sie fassungslos und gleichzeitig resigniert. 

"Am 19.2. hat mich um Mitternacht ein Freund angerufen. Er hat erzählt, dass in Hanau geschossen wurde. Online habe ich gesehen, dass das 'La Votre', wo Kaloyan gearbeitet hat, einer der Tatorte war. Ich habe mir ein Taxi genommen und bin hingefahren. Bis fünf Uhr morgens stand ich dort, ich habe den Polizisten immer wieder Bilder von Kaloyan gezeigt. Niemand hat mir gesagt, dass er tot ist.

Ich habe ihn bestimmt 60 Mal angerufen. Ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Normalerweise ist Kaloyan beim Facebook-Messenger immer online, der Punkt neben seinem Namen ist fast immer grün. Seit diesem Abend nicht mehr.

„Mein Cousin stand als fünfter oder sechster auf der Liste der Toten, die von der Polizei vorgelesen wurde: Kaloyan Velkov ist tot.“

Ich bin zu Kaloyans Mutter gefahren und habe gesagt, dass ihr Sohn im Krankenhaus ist. Und dass es schlimme Nachrichten geben könnte. Ich konnte ihr nicht sagen, dass er tot ist. Was wenn sie einen Zusammenbruch gehabt hätte? 

Wir sind zusammen in die Stadt gefahren und haben mit der Polizei gesprochen. Meine Tante spricht kein Deutsch, ich habe übersetzt. Aber immerhin waren wir nicht alleine zuhause, als sie es erfahren hat. Sie wollte danach nicht mehr in Deutschland bleiben, sie ist ein paar Tage später zurück nach Bulgarien.

Tagelang haben wir von niemandem etwas gehört. Erst am sechsten Tag kamen die Polizei und der Ausländerbeirat und haben uns gefragt, ob wir Hilfe brauchen.

Ob wir Hilfe brauchen?

Wir waren sechs Tage lang alleine. Wir sind nicht aus Hanau, wir wussten nichts von den Demos, wir wussten nicht, was passiert.

Vaska Zlateva

(Bild: Benjamin Eckert)

Niemand hat mich in diesen ersten Tagen gefragt, ob ich zu essen oder trinken habe, niemand hat gefragt, was mit meinen Kindern ist. Ich musste mich um meine Tante kümmern. Sie wollte nicht aus der gemeinsamen Wohnung mit Kaloyan herauskommen. Sie hat ständig gesagt: 'Mein Sohn kommt gleich. Mein Sohn kommt gleich.'"

Kaloyans Leiche wurde einige Tage nach den Anschlägen nach Bulgarien ausgeflogen. Der Ausländerbeirat der Stadt Hanau hat seiner Familie bei der Organisation des Transports und der Beerdigung geholfen. Kaloyan wurde in der Nähe seiner Familie, in Mesdra begraben.

"Sein Sohn Aleksander hat es am zweiten Tag nach seinem Tod erfahren. Eine Psychologin hat ihm gesagt, dass sein Papa jetzt schläft und oben bei den Engeln ist. Dass er ihn liebt und immer bei ihm sein wird. Er ist acht Jahre alt.

Letzten Monat, als ich in Bulgarien zu Besuch war, waren Aleksander und ich zusammen auf dem Friedhof. Wir haben Kerzen und Blumen hingebracht. In Bulgarien bringen wir den Toten auch immer Essen und Trinken an ihr Grab. Wir hatten Cola und Wasser dabei. Aleksander hat gesagt: 'Hier ist Papas Kopf und hier sind seine Beine. Hier muss die Cola hin.' Und als ich ein bisschen davon auf das Grab gegossen habe, hat er gesagt: 'Nein, Papa braucht noch ein bisschen mehr.' Also habe ich ihm mehr gegeben."

„Vorgestern hat er mir ein Bild von Kaloyan geschickt. Wortlos, ohne Kommentar. Ich habe ihm ein Herz zurückgeschickt. Was soll ich einem acht Jahre alten Kind schon sagen?“

Kaloyan war sehr zufrieden hier in Deutschland. Sein Leben bestand aus Arbeit und Sport. Er wollte hierbleiben, er wollte gut Deutsch lernen, vielleicht irgendwann den Job wechseln und mehr Geld verdienen. Sich selbstständig machen."

Im 'La Votre' hat Kaloyan laut Vaska nur ab und zu ausgeholfen. Eigentlich sei er LKW-Fahrer gewesen.

"Nach dem, was am 19. passiert ist, musste ich aus meiner Wohnung raus. Ich konnte dort nicht mehr wohnen, ich war so traurig. 40 Tage nach dem Anschlag bin ich ausgezogen. Fast drei Monate lang habe ich Medikamente genommen und musste psychisch behandelt werden. 

Ich konnte nicht mehr arbeiten, dann kam Corona und ich habe meinen Job verloren. Ganz Deutschland weiß, was mit meinem Cousin passiert ist. Trotzdem wurde mein Arbeitsvertrag nicht verlängert. 

Die Bar "La Votre" in der Hanuer Innenstadt, einer der Tatorte des 19. Februar, in der auch Kaloyan gestorben ist. 

(Bild: Benjamin Eckert)

Die erste Stadträtin von Erlensee, Bergit Behr, hat sofort reagiert und mir eine neue Wohnung besorgt. Sie hat mir auch geholfen einen neuen Job zu finden. Ich bin ihr sehr dankbar. Ich bin alleinerziehend mit zwei Kindern. Ich bin mit der Situation nicht klargekommen.

Wir sind sauer. Ich wohne hier, meine Kinder sind hier geboren, sie gehen hier zur Schule, sie sprechen nur Deutsch und Englisch, fast kein Bulgarisch. Ich arbeite hier und zahle meine Steuern, meine Miete, meine Versicherungen. Ich war zufrieden. Und dann kommt ein Mann und macht uns allen Angst.

Kaloyans Familie möchte mit Deutschland nichts mehr zu tun haben. Sein Vater hat die 30.000 Euro, die die Eltern der Opfer bekommen haben, nicht einmal genommen. Er wollte nicht."

Den Angehörigen der Opfer wurden vom Bund schnelle finanzielle Hilfe aus den Fonds für Härteleistungen zugesagt. Ehepartner und Kinder bekamen einen Betrag in Höhe von 30.000 Euro, Geschwister 15.000 Euro. Laut bento-Informationen hat Kaloyans Vater keinen Antrag auf die 30.000 Euro gestellt, obwohl ihm das Geld zustünde. 

"In Bulgarien kann es auch passieren, dass jemand umgebracht wird, wenn es Konflikte gibt. 

„Wie kann es sein, dass jemand neun Menschen umbringt, die unschuldig sind, die er nicht kennt?“

Der Täter hat sechs Mal auf Kaloyan geschossen. Sechs Mal. Wie kann jemand so voller Hass sein? Auf ein Tier schießt du einmal, vielleicht zweimal, wenn du es töten willst. Tobias hat sechs Mal auf meinen Cousin geschossen.*

Ich möchte, dass so etwas nie wieder passiert. Ich möchte, dass Menschen nicht so einfach an Waffen kommen. Ich möchte wissen, wo die Polizei am 19.2. war. 

Wenn ich zuhause meine Musik zu laut aufdrehe, klopft sofort die Polizei bei mir. Wenn ich falsch parke, kriege ich eine Strafe. Wie kann es sein, dass jemand im Internet seinen Hass veröffentlicht und niemand tut etwas?

„Ich habe sehr viel Vertrauen verloren. Ich habe das Gefühl, jeden Tag könnte etwas Schlimmes passieren.“

Gott gibt den Menschen Liebe, keinen Hass. In solchen Momenten hilft es mir nur zu beten. Und meine Kinder geben mir Kraft. 

Ich bin Zeugin Jehovas. Wir glauben an die Auferstehung. Ich glaube, dass Kaloyan irgendwann wieder bei uns sein wird. Ich habe zuhause ein Bild von ihm. Wenn ich traurig bin und weinen muss, sagt mein kleiner Sohn zu mir: 'Mama, du musst stark bleiben. Du weißt, er kommt irgendwann wieder.'

Kaloyan war immer sehr positiv. Wenn ich einen schlechten Tag hatte, hat er an meiner Tür geklopft und gefragt: 'Was ist heute wieder mit dir los? Warum bist du traurig?' Ich konnte ihm alles erzählen. Er hat mir immer geraten: 'Mach dir keine Sorgen. Du schaffst das.'

(Bild: Benjamin Eckert)

Ich möchte, dass er wiederkommt. Und mit uns lebt. Manchmal rede ich mir ein, dass er gar nicht tot ist. Ich sitze dann zuhause und habe keine Lust mit irgendjemandem zu reden. Viele sagen mir: Du musst weitermachen, so ist das Leben. Aber so ist das Leben nicht. 

Ich wünsche mir, dass wir am 19. immer alle zusammenstehen. Viele sagen mir, ich muss weitermachen. Aber ich kann nicht einfach weitermachen. Ich möchte, dass wir uns erinnern."


*Aufgrund der laufenden Ermittlung konnte die Staatsanwaltschaft bento keine Informationen darüber geben, wie oft auf Kaloyan Velkov geschossen wurde. 


Gerechtigkeit

"Ich glaube, dass vieles anders gelaufen wäre, wenn die Opfer andere Namen hätten"
Armin und Dijana Kurtović sprechen über ihren in Hanau ermordeten Sohn, Hamza Kurtović

Armin Kurtović will Antworten: Warum musste sein Sohn sterben? Warum haben die Behörden den Täter nicht kontrolliert? Warum wurde immer noch niemand zur Rechenschaft gezogen? Im Gespräch fixiert er sein Gegenüber mit klaren, blauen Augen, sein ganzer Körper scheint unter Spannung zu stehen, als sei er bereit, jeden Moment aufzuspringen. Immer wieder fragt er: „Wo sind wir denn hier? In einem Bananenstaat?“ - und klopft dabei mit dem Zeigefinger auf den Tisch. Für ihn ist sein Sohn nicht nur Opfer eines rassistischen Anschlags geworden – sondern auch von Behördenversagen.

Dijana Kurtović sitzt still neben ihrem Mann und seiner Wut. Ihr Blick geht oft ins Leere. Nur selten schaltet sie sich in das Gespräch ein, etwa wenn es um die Frage geht, was für ein Mensch Hamza war.