Bild: Benjamin Eckert
Iulia und Niculescu Păun haben bei dem Attentat von Hanau ihren Sohn verloren.

Iulia und Niculescu Păun betreten den Raum Hand in Hand, es wirkt, als läge in dieser kleinen Geste die Möglichkeit, einander Mut zuzusprechen für diesen Termin, an dem sie alles noch einmal erzählen müssen: Von dem Abend, an dem Vili Viorel nicht nach Hause kam, von der Suche nach ihm, von dem Moment der Gewissheit – und von dem Verdacht, dass ihr Sohn ein Held war.  

Vili Viorel wurde in seinem Auto in der Kesselstadt getötet – in einem Stadtteil von Hanau, zu dem er eigentlich keinerlei Verbindung hatte. Vor seinem Tod hat er mehrfach versucht, die Polizei anzurufen, das zeigen seine Handydaten. Seine Eltern gehen davon aus, dass er den Täter vom ersten Tatort aus der Innenstadt mit dem Auto in die Kesselstadt verfolgt hat, um der Polizei zu sagen, wo er ist. Und um ihn aufzuhalten. Es gibt Videos von Überwachungskameras, die darauf hindeuten, dass Vili sich mit seinem Wagen dem Täter in den Weg gestellt hat. 

Iulia Păun spricht selten und wenn, lässt sie ihren Mann übersetzen – ihr Deutsch ist noch nicht fließend und es fällt ihr schwer, überhaupt über den 19. Februar zu sprechen. Während des ganzen Gespräches laufen ihr die Tränen über die Wangen. Niculescu ist ein sanfter Mann, der selbst an einem Tag wie diesem oft lächelt.

Saying their names: Die Angehörigen sprechen über die Opfer des Hanauer Anschlags

Am 19. Februar 2020 erschoss ein rechtsextremistischer Attentäter neun ihm unbekannte Menschen, tötete anschließend seine Mutter und beging dann Suizid. 

Ein halbes Jahr später haben wir mit den Angehörigen der Ermordeten gesprochen – um an die Verstorbenen und ihre Familien zu erinnern. Und auch, um die Familien zu fragen, ob es etwas gibt, das Deutschland ihrer Meinung nach im Umgang mit Rassismus begreifen muss. Mit allen Angehörigen haben wir je etwa zwei Stunden gesprochen und das Gesagte in Protokollen verdichtet. Diese wurden von den Angehörigen gegengelesen und autorisiert. 

Vom 19. August 2020 an, genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag, werden wir jeden Tag eines der Protokolle veröffentlichen – in der Reihenfolge, in der wir die Gespräche geführt haben. 

Einen Überblick aller bisher erschienenen Texte findest du hier.

Niculescu: "Vili war unser einziges Kind. Wir wollten mehr Kinder, aber es hat leider nicht funktioniert. Wir haben ihm alles gegeben, all unsere Liebe, all die Wärme.

Wir alle haben immer viel gearbeitet. Iulia und ich arbeiten in einem Lager, wir fangen sehr früh an und kommen am frühen Nachmittag nach Hause. Vili hat manchmal bis abends zehn Pakete ausgefahren. Deshalb haben wir uns selten gesehen.

Als ich zum letzten Mal mit Vili in der Stadt war, wollten wir zusammen zum Friseur. Er hatte aber noch etwas in der Bank zu erledigen, also bin ich schon mal vorgegangen. Und während ich da saß, beim Friseur, kam er dazu und hat mich von hinten umarmt. Er war sehr fröhlich, und hat mich gefragt: 'Leben wir jetzt immer so, Papa?'

Manchmal denke ich, es ist meine Schuld, dass das alles passiert ist. Ich bin 2015 aus Rumänien nach Deutschland gegangen. Ich habe Iulia und Vili gesagt, dass es hier gut ist, und sie sind ein Jahr später nachgekommen."

Manchmal fallen Niculescu eher englische als deutsche Worte ein – weil Vili mit seinem Vater Englisch geübt hat.

Iulia: "Vili konnte viele Sprachen, Italienisch, Französisch, Spanisch. Er wollte eigentlich studieren."

Niculescu: "Dieser Mann, ich will nicht sagen, was er gemacht hat, ich will auch seinen Namen nicht aussprechen – warum hat er das getan?"

Jedes Mal, wenn in einem Satz die Worte "erschossen" oder "ermordet" fallen müssten, windet sich Niculescu und vermeidet sie, als würde die Realität wahrhaftiger, je öfter man sie ausspricht.

Niculescu: "Ich verstehe nicht, warum die Aufklärung dieser Tat so lange dauert. Warum niemand mit uns spricht. Wo ist dieser Generalbundesanwalt, warum können wir nicht mit ihm sprechen – ist der Gott?

Wissen Sie, ich fände es gut, wenn alles aufgeklärt würde. Wir haben gehört, dass man Vili vielleicht ein Denkmal setzen will, am Kurt-Schumacher-Platz, wo er in seinem Auto lag. Das fänden wir schön. Oder sie könnten den Platz umbenennen.

Wir haben jetzt nichts mehr, keine Zukunft. Der einzige Grund, weshalb wir aufstehen, ist Vilis Mausoleum. Wir bauen es für ihn, in unserer Heimat, in Rumänien. 

Niculescu zeigt Fotos von dem Mausoleum, das er im Namen seines Sohnes baut: Ein mannshoher Tempel im Stil der griechischen Antike.

Wir haben uns daran geklammert, das ist unser Strohhalm. Aber ich will auch, dass mein Sohn niemals vergessen wird.

Was Vili wahrscheinlich gemacht hat, das war sehr mutig. Ich bewundere ihn einerseits, ich respektiere das. Für Deutschland ist er damit doch ein Held. 

Aber für uns war er nur unser Kind. Alles, was wir uns wünschen, ist, dass er eine andere Entscheidung gefällt hätte. Dass er zu uns nach Hause gekommen wäre und sich nicht in Gefahr gebracht hätte."

Iulia: "Wenn ich ihm noch eine Sache sagen könnte, dann wäre es: Ich liebe dich so sehr, bitte komm nach Hause. Oder lass uns tauschen. Ich wäre gern tot, wenn er dafür leben könnte."


Gerechtigkeit

"In der Hand hielt er das Herz meines Bruders"
Çetin Gültekin über seinen Bruder Gökhan Gültekin, den er beim Anschlag in Hanau verloren hat.

Çetin Gültekin, der Bruder des erschossenen Gökhan Gültekin, gestikuliert viel in diesem Gespräch. Er rauft sich die Haare, seine Hände ringen miteinander und es wirkt, als wolle sein ganzer Körper seiner Wut und seiner Fassungslosigkeit Ausdruck verleihen.

Manchmal erhebt er seine Stimme, er will, dass etwas passiert in diesem Land, dass die Bürger verstehen, was ihn umtreibt: Der Rechtsruck, die verbale Brandstiftung, die Hetze, die es bis in den Bundestag schafft. Aber Angst, sagt er, habe er nicht. "Was soll man mir noch nehmen?" fragt er.