Bild: Benjamin Eckert
Hayrettin Saraçoğlu hat bei dem Attentat von Hanau seinen Bruder verloren - und sein Sicherheitsgefühl.

Wenn Hayrettin Saraçoğlu über seinen Bruder Fatih spricht, strahlt sein Gesicht für einige Momente auf, als würde die Erinnerung ihn kurz zurückholen, als könne er ihn gleich in den Arm nehmen. Manchmal lässt er diese Fantasie zu, erzählt Hayrettin. Er sieht seinen Bruder in jedem jungen Mann auf der Straße, an jeder Ecke. Es seien seine glücklichsten Momente. Danach sackt er direkt wieder in sich zusammen, als habe der Tod seines Bruders jede Kraft genommen.  

Hayrettins Frau, Derya Saraçoğlu, wirkt sehr kontrolliert. Sie schiebe ihre Gefühle beiseite, sagt sie, jemand müsse sich ja um die Familie kümmern. Das Paar hat drei Kinder, die Älteste ist zwölf, die Jüngste vier Jahre alt. „Aber nach diesem Gespräch kann ich wahrscheinlich drei Tage nicht aufstehen.“ 

Saying their names: Die Angehörigen sprechen über die Opfer des Hanauer Anschlags

Am 19. Februar 2020 erschoss ein rechtsextremistischer Attentäter neun ihm unbekannte Menschen, tötete anschließend seine Mutter und beging dann Suizid. 

Ein halbes Jahr später haben wir mit den Angehörigen der Ermordeten gesprochen – um an die Verstorbenen und ihre Familien zu erinnern. Und auch, um die Familien zu fragen, ob es etwas gibt, das Deutschland ihrer Meinung nach im Umgang mit Rassismus begreifen muss. Mit allen Angehörigen haben wir je etwa zwei Stunden gesprochen und das Gesagte in Protokollen verdichtet. Diese wurden von den Angehörigen gegengelesen und autorisiert. 

Vom 19. August 2020 an, genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag, werden wir jeden Tag eines der Protokolle veröffentlichen – in der Reihenfolge, in der wir die Gespräche geführt haben. 

Einen Überblick aller bisher erschienenen Texte findest du hier.

Hayrettin: "Ich bin acht Jahre älter als Fatih. Als meine Mutter mit ihm schwanger war, habe ich auf ihren Bauch gedeutet und gesagt: ‚Er soll Fatih heißen.‘ Ich mochte die Bedeutung des Namens. Fatih ist jemand, der Türen öffnet, der Dinge schafft und sich das Leben erobert. So einen Bruder habe ich mir gewünscht. Und so einen Bruder habe ich bekommen. Ich war so stolz auf ihn."

Derya: "Ungefähr eine Woche vor dem Anschlag hat er uns angerufen und gesagt ‚Ich habe es geschafft. Meine Firma kommt ins Fernsehen. Von jetzt an wird nur noch verdient.‘ Fatih hatte sich selbstständig gemacht, als Kammerjäger. RheinMainTV hat einen Beitrag mit ihm gedreht, über Schädlingsbekämpfung. Wir saßen zusammen und dachten 'Jetzt zahlt sich die ganze harte Arbeit endlich aus.'" 

Hayrettin: "Mein Bruder war jemand, der viele Ideen hatte, der viel wollte. Er hat mich auch immer angetrieben, hat mich gefragt, was ich aus meinem Leben machen will. Aber Fatih wusste auch, wie man das Leben genießt. Wir sind gern zusammen trainieren gegangen, dann in die Sauna und hinterher gut Essen, Steak und so was. Er wusste immer, wo es wirklich gut ist, wo die Qualität stimmt.  

Er hat uns gezeigt, wie man lebt."

Hayrettin legt den Kopf auf die Tischplatte, es fällt ihm schwer, weiter zu sprechen. Derya schaut ihren Mann an, man sieht, wie gerne sie ihm helfen würde - und dass es sie gleichzeitig alle Kraft kostet, die sie hat, nicht selbst zusammenzubrechen. 

Derya: "Es ist sehr schwer für meinen Mann. Und mit meinem Mann. Wir verlassen die Wohnung fast gar nicht mehr, wir haben ständig Angst, Hayrettin noch mehr als ich." 

Hayrettin: "In der ersten Nacht nach dem Anschlag stand ich die halbe Nacht am Fenster und habe geschaut, ob sich in den Gärten etwas bewegt, ob jemand kommt, um uns zu töten. Auch jetzt denke ich manchmal, jemand stehe hinter dem Vorhang, in meiner eigenen Wohnung. Es fällt mir immer schwerer, Realität und Angst auseinanderzuhalten. Aber warum sollte da nicht jemand sein, der mich töten will – das war bei Fatih schließlich auch so. Der hat auch nur einen Freund zum Hotel gebracht, und dann wurde er erschossen. Einfach so."

Derya: "Seit ich vor ein paar Jahren entschieden habe, Kopftuch zu tragen, wurden wir immer mehr angefeindet. Und jetzt, seit mein Mann es nicht mehr schafft, sich den Bart zu rasieren, weil er zu traurig ist, ist es noch schlimmer. Die Menschen halten uns für Islamisten. Der Unterschied ist: früher haben wir die nicht ernst genommen. Jetzt haben wir Angst, dass da noch so einer dabei ist. Das ist auch der Grund, warum mein Mann nicht mehr arbeiten geht."

Hayrettin: "Als Busfahrer hat man mit so vielen Menschen zu tun, die ganze Zeit. Man wird bepöbelt – und man darf nicht wütend werden, sondern muss immer höflich bleiben, sanft." 

Derya lächelt bei dieser Beschreibung. 

Derya: "Genau so war mein Mann, immer höflich, nicht nur als Busfahrer, er war einfach immer fröhlich." 

Hayrettin: "Aber ich könnte das heute nicht mehr. Früher, wenn mich jemand wirklich wüst beschimpft hat, habe ich einfach die Polizei gerufen. Einmal kamen sie und haben gefragt, ob sie den Fahrgast rauswerfen sollen. Ich habe gesagt 'Passt schon, ich nehme ihn noch mit.' Und dann hat er weiter gemacht. Da habe ich die Polizei mit Lichthupe zurückgeholt, die haben den Mann rausgeworfen – und der hat auf der Straße weiter getobt. Ich frage Sie: Wer ist besser für Deutschland? Jemand wie mein Bruder, der hier friedlich lebt und Steuern zahlt und Arbeitsplätze schaffen will? Oder jemand wie der, der glaubt, Deutschland zu verteidigen? 

Deutschland ist so ein schönes Land und es gibt hier viele gute Menschen. Aber ich sage es ihnen ehrlich, es fühlt sich manchmal an, als habe dieses Land nichts aus seiner Geschichte gelernt. So wirkt es auf uns, wenn wir nicht verteidigt werden, wenn man uns nicht schützt. Ich fange schon an, mich zu fragen, ob Deutschland uns einfach loswerden will. Was wollen die machen? Uns alle umbringen?"

Derya: "So denkt mein Mann mittlerweile. Ich sehe das anders. Ich bin hier geboren, Deutsch ist die Sprache, in der ich denke und spreche, ich sehe nicht ein, warum ich nicht hierhergehören sollte. Aber wir können auch nicht immer nur kämpfen. Wir sind am Ende unserer Kräfte. Dieser Mann, ich will seinen Namen nicht sagen, hat unser Leben zerstört. Mein Mann und sein Bruder waren sich so nah. Seit Fatihs Tod ist Hayrettin nicht mehr derselbe Mensch, die Trauer hat ihn so verändert. Ich weiß nicht, wie viele Ehen so etwas überleben. 

Dieser Mensch hat uns nicht nur Fatih genommen. Er hat mir auch meinen Mann genommen und unseren Kindern ihren Vater. Ich kann nur beten, dass wir das überstehen."  


Gerechtigkeit

"Ich erschrecke immer noch, wenn ich seinen Namen unter denen der Verstorbenen sehe"
Serpil Temiz Unvar über ihren Sohn Ferhat, der ihr bei dem Anschlag in Hanau genommen wurde.

Serpil Temiz Unvar wirkt verloren, als wir sie in Hanau treffen. Die meiste Zeit schaut sie ins Leere. Blickkontakt sucht sie nur, wenn sie Antworten möchte. Antworten, die ihr niemand geben kann. 

"Warum ist mein Sohn tot?"

Es gibt Momente, in denen scheint sie nicht fassen zu können, dass Ferhat nicht mehr da ist. Dass er getötet wurde von einem rassistischen Attentäter. Und dann gibt es Momente, in denen fordert sie: Aufkärung. Veränderung. Eine bessere Zukunft.