Bild: Benjamin Eckert
Çetin Gültekin über seinen Bruder Gökhan Gültekin, den er beim Anschlag in Hanau verloren hat.

Çetin Gültekin, der Bruder des erschossenen Gökhan Gültekin, gestikuliert viel in diesem Gespräch. Er rauft sich die Haare, seine Hände ringen miteinander und es wirkt, als wolle sein ganzer Körper seiner Wut und seiner Fassungslosigkeit Ausdruck verleihen.

Manchmal erhebt er seine Stimme, er will, dass etwas passiert in diesem Land, dass die Bürger verstehen, was ihn umtreibt: Der Rechtsruck, die verbale Brandstiftung, die Hetze, die es bis in den Bundestag schafft. Aber Angst, sagt er, habe er nicht. "Was soll man mir noch nehmen?" fragt er.

Saying their names: Die Angehörigen sprechen über die Opfer des Hanauer Anschlags

Am 19. Februar 2020 erschoss ein rechtsextremistischer Attentäter neun ihm unbekannte Menschen, tötete anschließend seine Mutter und beging dann Suizid. 

Ein halbes Jahr später haben wir mit den Angehörigen der Ermordeten gesprochen – um an die Verstorbenen und ihre Familien zu erinnern. Und auch, um die Familien zu fragen, ob es etwas gibt, das Deutschland ihrer Meinung nach im Umgang mit Rassismus begreifen muss. Mit allen Angehörigen haben wir je etwa zwei Stunden gesprochen und das Gesagte in Protokollen verdichtet. Diese wurden von den Angehörigen gegengelesen und autorisiert. 

Vom 19. August 2020 an, genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag, werden wir jeden Tag eines der Protokolle veröffentlichen – in der Reihenfolge, in der wir die Gespräche geführt haben. 

Einen Überblick aller bisher erschienenen Texte findest du hier.

"Mein Bruder hat unsere Familie zusammengehalten. Es müsste mir peinlich sein, er war acht Jahre jünger als ich, aber er hat sich um alles gekümmert, er war unser Optimist.

Gökhan hatte einen schlimmen Unfall, im Jahr 2006, als er noch in der Ausbildung war: Ein Linienbus hat eine Kurve zu schnell genommen und eine Telefonzelle unter sich begraben. In dieser Telefonzelle war mein Bruder. Er war danach ein Jahr im Uniklinikum, seine Ausbildung musste er abbrechen, es war ein Wunder, dass er das überlebt hat."

"Mein Bruder hat das als seine zweite Chance gesehen. Er ist danach gläubig geworden, er wollte etwas Gutes aus seinem Leben machen. Er hat immer allen geholfen, er wollte ein Zeichen setzen, deshalb hat er gebetet, Geld gespendet, unsere Eltern unterstützt. Er hat wirklich geglaubt, dass ihm das zweite Leben von Gott geschenkt wurde.“

Çetin schüttelt den Kopf, während er das sagt, als sei er wütend auf sich selbst, dass auch er ein kleines bisschen daran geglaubt hat, dass das Leben seines Bruders unter einem besonderen Schutz stünde.

"Und jetzt durften wir uns noch nicht mal richtig von ihm verabschieden. Ich habe mir die Bilder angesehen, nach seiner Autopsie. Das war ein Fehler. Wenn ich die Augen schließe, habe ich sie vor mir. Es gibt ein Foto, darauf sieht man die Hand des Pathologen – und in der Hand das Herz meines Bruders. Ich werde das nie vergessen."

Çetin spricht mit immer größerem Nachdruck, wird lauter, als wolle er sicher gehen, dass wirklich jeder ihn durch diesen Text sprechen hört.

"Als der Anschlag in Halle passiert ist, bei dem der Täter in die Synagoge reinwollte, da haben alle gesagt 'So etwas darf nie wieder passieren'. Einen Monat später hat Tobias schon wirre Anzeigen bei der Bundesanwaltschaft gestellt. Ich habe die Politiker hier in Hanau gefragt, wie es möglich ist, dass der nicht kontrolliert wurde. Wie jemand Waffen besitzen kann, der so etwas schreibt. Und sie haben mir geantwortet 'Wissen Sie, wie viel wirres Zeug jeden Tag bei uns ankommt?' Soll mich das etwa beruhigen? Dass überall stapelweise Briefe herumliegen, in denen detailliert beschrieben wird, wie man uns töten kann? Und Politiker nennen das 'wirres Zeug'?"

Ich glaube fest daran, während wir hier sitzen und reden, liegt schon irgendwo der nächste Brief vom nächsten Täter. Und während wir hier in Hanau Proteste organisieren und um das Gedenken unserer Toten kämpfen, weiß irgendwer schon, welche die nächste Stadt sein wird, deren Namen auf einmal jeder kennt. 

Dafür schäme ich mich. Denn was muss denn noch passieren? Wann stehen die Leute denn hier auf den Straßen? Wann werdet ihr endlich wütend? Ich glaube auch, dass ich ganz oben auf einer Abschussliste von Rechten stehe, weil ich solche Sätze sage. Aber ich werde damit nicht aufhören, ich werde für meine Familie kämpfen. 

Ich muss mich jetzt um meine Mutter kümmern – mein Vater hat den Tod meines Bruders nicht verkraftet, er ist ein paar Wochen später auch gestorben. Für meine Mutter ist das alles unerträglich, sie fragt jeden Tag, was ich mache, was ich tue, damit diese Tat aufgeklärt wird, damit wir eine neue Wohnung bekommen, damit Gökhan Gerechtigkeit widerfährt.

Wissen Sie, mein Bruder hätte das alles hier besser gemacht. Er war organisierter als ich, er hat Verantwortung übernommen. Aber ich werde Briefe schreiben und protestieren und den Menschen sagen, wie es ist: Im Bundestag, bei der AfD, sitzen Rassisten – natürlich nicht alle, aber einige. Und bei der Polizei sitzen Rassisten und bei den Behörden und so weiter. Und wenn sich daran nichts ändert, dann kommt der nächste Anschlag. Und dann werden wieder alle sagen, dass sowas nie wieder passieren darf. Und ich sterbe lieber beim Versuch, das zu ändern, als nichts zu tun."


Gerechtigkeit

"Warum sollte hinter dem Vorhang nicht jemand sein, der mich töten will?"
Hayrettin Saraçoğlu hat bei dem Attentat von Hanau seinen Bruder verloren - und sein Sicherheitsgefühl.

Wenn Hayrettin Saraçoğlu über seinen Bruder Fatih spricht, strahlt sein Gesicht für einige Momente auf, als würde die Erinnerung ihn kurz zurückholen, als könne er ihn gleich in den Arm nehmen. Manchmal lässt er diese Fantasie zu, erzählt Hayrettin. Er sieht seinen Bruder in jedem jungen Mann auf der Straße, an jeder Ecke. Es seien seine glücklichsten Momente. Danach sackt er direkt wieder in sich zusammen, als habe der Tod seines Bruders jede Kraft genommen.  

Hayrettins Frau, Derya Saraçoğlu, wirkt sehr kontrolliert. Sie schiebe ihre Gefühle beiseite, sagt sie, jemand müsse sich ja um die Familie kümmern. Das Paar hat drei Kinder, die Älteste ist zwölf, die Jüngste vier Jahre alt. „Aber nach diesem Gespräch kann ich wahrscheinlich drei Tage nicht aufstehen.“