Bild: dpa / Franz-Peter Tschauner
"Naturkatastrophen kommen überraschend"

Die Bundesregierung veröffentlicht ein Papier mit Ratschlägen zum Vorratskauf (bento) und das Internet reagiert so, wie es zu erwarten war: mit Häme.

bento entwirft eine typische Einkaufsliste für jedes Bundesland (Facebook) und Twitter läuft über vor Hamster-Gifs und Kalter-Kriegs-Erinnerungen.

Aber was, wenn man sich wirklich in einer Katastrophensituation wiederfindet? Wenn plötzlich die alltäglichsten Dinge nicht selbstverständlich, die grundlegendsten Bedürfnisse nicht erfüllt sind?

Es müssen ja keine Zombies sein, die dich am Einkauf hindern, oder ein Sharknado, der vor deiner Haustür tobt. Eisige Nächte mit sehr viel Schnee reichen aus, um Apokalypse-Szenarien heraufzubeschwören. Dann wirken Hamsterkäufe nicht mehr lächerlich.

Vor elf Jahren am Freitagabend eines kalten Novemberwochenendes ging Nicole zur Videothek. (Damals lieh man tatsächlich noch DVDs aus.) Auf dem Weg durch das verschneite Steinfurt bemerkte sie, wie in einem Elektroladen der Strom ausfiel. Witzig, dachte sie, gerade im Elektroladen. Dann war das ganze Städtchen dunkel.

Was Nicole, heute 35 Jahre alt, zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Unter dem Gewicht von Eis und Schnee der vergangenen Tage waren einige Strommasten eingestürzt, weite Teile des Stromnetzes im Münsterland waren tot.

Nach ungewöhnlich hohen Schneefällen rief der Wetterdienst im November 2005 das Münsterländer Schneechaos aus: Die Kreise Steinfurt und Borken waren von Stromausfall betroffen, es galt Katastrophenalarm.
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(Bild: dpa / Franz-Peter Tschauner)
Was macht man, wenn der Strom weg ist? Nicht nur im eigenen Haus, sondern auch bei den Nachbarn, und deren Nachbarn, im Supermarkt, überall?

"Man kann sich gar nicht vorstellen, was das bedeutet", sagt Nicole. Am nächsten Tag, so erinnert sie sich heute, ging sie erst mal mit großem Rucksack zum Supermarkt und kaufte Batterien, Konserven und Brot. Aber ohne Strom keine Kasse.

"Die Mitarbeiter waren mit Block und Taschenrechner unterwegs und haben jeden einzelnen Kunden beim Einkauf begleitet." Und zum Glück hatte sie noch Bargeld zu Hause – denn Kartenzahlung fiel natürlich auch weg.

Nicole, 35, musste drei Tage ohne Strom leben(Bild: Nicole / bento)

Das Wochenende im eingeschneiten Steinfurt beschreibt Nicole mit einem Wort: kalt. Keine Heizung, kein warmes Wasser. "Wenigstens hatten wir noch einen Campingkocher im Keller. Abends haben wir mit Taschenlampe im Mund Ravioli gekocht." Immerhin kein Hunger: mit Konserven und Nudeln war für das Nötigste gesorgt. "Aber länger als eine Woche hätte ich das nicht durchgehalten."

Doch schlimmer noch als die Kälte war das Gefühl, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein: "Das Telefonnetz war zusammengebrochen, das Internet ging auch nicht. Wir hatten keine Ahnung, wann wir wieder Strom haben, wie es weitergeht." Zum Glück hatte sie ihr kleines batteriebetriebenes Radio aufbewahrt. So erfuhr sie immerhin von dem Auffanglager, wo die freiwillige Feuerwehr warmes Essen und erste Hilfe anbot.

Auch in Ochtrup war im Winter 2005 der Strom weg. Autoscheinwerfer beleuchten die dunklen Straßen.(Bild: dpa / Rolf Vennenbernd)

Am Montag kam er wieder, der Strom. Erst mittags für eine Stunde, abends dann endgültig. Endlich Heizung, endlich Telefon.

Die drei Tage im Ausnahmemodus haben Nicole geprägt: Um für kommende Katastrophen gewappnet zu sein, habe sie immer einen kleinen Vorrat zu Hause, erzählt sie. Konserven, Nudeln, Mehl, Zucker, zwei Kästen Wasser, Knäckebrot und mit Wasser kochbare Gerichte wie Kartoffelbrei.

Sie rechne nicht mit einem Chemieunfall oder einem Terroranschlag, aber "Naturkatastrophen kommen überraschend". Seit sie eine Tochter hat, bedeutet ihr eine sichergestellte Versorgung umso mehr. Auch einen neuen Gaskocher, einen Katolytofen als Notheizung und eine Campinglampe hat sie sich angeschafft – für den Notfall.

Aber sollte die Regierung wirklich die Bevölkerung mit Tipps zum Hamsterkauf verunsichern?

"Das Papier ist nicht neu, es wurde nur überarbeitet. Ich habe es mir nach dem Schneechaos damals auch geholt." Es sei wichtig, dass jeder weiß, wie man sich in einer Katastrophensituation helfen kann. Panikmache erkennt sie dabei nicht.

Ganz im Gegenteil, sie ist erstaunt über manche Kommentare auf Facebook. "Aussagen wie 'Dann bestell ich mir halt 'ne Pizza' sind sinnfrei.”

Ihre Empfehlung für alle, die wissen wollen, was ein Leben ohne Elektrizität bedeutet: nur einen Tag auf alles Elektronische zu verzichten. Wenn dann auch noch die ganze Stadt lahmliegt, ist Pizzamangel wohl das kleinste Problem.


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