Bild: Hendrik Schmidt/dpa

Als der Attentäter von Halle am Mittwochmittag aus seinem Auto stieg, um zu morden, parkte er nicht irgendwo. An Jom Kippur, dem wichtigsten jüdischen Feiertag, stieg er direkt vor einer Synagoge aus. Stephan Balliet wollte das Gotteshaus stürmen. Der Angriff auf die Gläubigen scheiterte, Balliet tötete eine Passantin und einen Mann in einem Dönerimbiss, mehrere weitere Menschen verletzte er. 

Eine antisemitische Tat bleibt es dennoch. "Er hat sich den Anschlagsort und den Tag ja ganz bewusst ausgesucht", sagte der Extremismusexperte Matthias Quent dem SPIEGEL, "das spricht dafür, dass die antisemitische Position im Vordergrund stand." Auch ein im Internet kursierendes Manifest, das Ermittler nach ersten Erkenntnissen für authentisch halten, stützt diese Annahme: Darin erklärt der Täter, so viele "Nichtweiße wie möglich" töten zu wollen, "Juden bevorzugt".

Der antisemitische Angriff geschah in Halle. Was macht das mit jungen Jüdinnen und Juden in Ostdeutschland?

Chaim*, 27 Jahre, Student aus Leipzig

„Ich kenne den Osten schon lange, daher bin ich über die Tat nicht überrascht.“

Antisemitische Übergriffe sind hier Alltag, in meinem Bekanntenkreis kann jeder von Vorfällen berichten. Ich selbst bin 2015 aus lsrael zum Studium nach Leipzig gezogen. Und habe mittlerweile meine eigenen Erfahrungen mit Judenfeindlichkeit im Osten gemacht.

Bei einem Studentenjob fragte mich zum Beispiel mein Chef, woher ich komme. Als ich Israel sagte, scherzte er, wenigstens sei ich kein Islamist. Am Tag darauf hatte jemand zwei Hakenkreuze ins Materiallager geschmiert. Ich habe direkt wieder gekündigt.

Bei einem anderen Vorfall vor zwei Jahren saß ich im Regionalzug zwischen Gera und Leipzig. Ein Neonazi stieg dazu, er war besoffen und direkt zu erkennen an seinen eindeutigen Tattoos. Er ging auf mich zu, beschimpfte mich und zückte ein Messer. Die Polizei sagte mir am Telefon nur, ich müsse bis zum nächsten Zughalt in einer halben Stunde warten. Zum Glück waren andere Gäste da, die mir beistanden. Die kamen allerdings aus dem Westen.

Und so ist es hier in Ostdeutschland leider oft. Viele Menschen sind zwar sehr nett, aber es gibt diese kleine Minderheit:

„Diese wenigen Rechten im Osten sind sehr laut – alle anderen werden dann immer sehr leise.“

Auch in die Polizei habe ich nicht wirklich Vertrauen. Sie hatten den Neonazi dann zwar festgenommen, ihn aber schon am nächsten Tag wieder laufen lassen. Eine Freundin wurde ebenfalls schon mal attackiert. Am nächsten Tag traf sie ihre Angreifer im Supermarkt wieder. 

Ich habe also immer erwartet, dass irgendwann etwas Größeres passiert – dass zum Beispiel jemand mit einem Messer in eine Synagoge rennt. Was mich nun schockiert hat, ist wie viele Waffen der Angreifer horten konnte! Ich habe mir das Video angesehen, er hatte eine Maschinenpistole und Granaten dabei.

Wir können wirklich Gott danken, dass er die Gemeinde in Halle nicht stürmen konnte. Es war wirklich ein Wunder. Es gilt jetzt, stark zu bleiben. Ich habe von vielen Freunden aus der Gemeinde gehört, die sich nicht verstecken wollen und am Freitagabend zum Schabbat in die Synagoge gehen wollen. Das Ziel des Angreifers war es, uns zu schwächen. Also bleiben wir stark.

*Chaim heißt eigentlich anders, möchte aber aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. 

Rosa Julie, 26 Jahre, Dresden

(Bild: Privat)

Der Tag des Anschlags war schrecklich. Wir in der Gemeinde hatten große Angst. Die Lage war unübersichtlich, wir wussten nicht, ob auch in Dresden Gefahr droht. Abends habe ich ständig online geschaut, ob es neue Informationen gibt.

Über Bekannte habe ich erfahren, dass auch Freunde von mir aus Berlin in der Synagoge in Halle ausharren mussten. Als klar war, dass ihnen nichts passiert ist, war ich sehr erleichtert. Ich habe das Video gesehen, wie sie im Bus tanzen und singen und habe mich gefreut, dass es ihnen gut geht. Mit einigen von ihnen habe ich schon sprechen können. Sie haben erzählt, dass sie noch nie so große Angst hatten. Aber auch, dass wir jetzt erst recht gegen Antisemitismus kämpfen müssen. 

Polizei und Politik sind in der Verantwortung:

„Die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen müssten viel höher sein!“

Sie müssen überall und ständig bewacht werden. Gefährder müssen früher erkannt werden, wir brauchen noch mehr Aufklärung über Antisemitismus in den Schulen. Es ist wichtig, dass man den Hass früh einfängt. 

Ich bin in Freiburg aufgewachsen und habe in Berlin gearbeitet, in Dresden bin ich erst seit etwa einem Jahr. Ich kann deshalb nur schwer einschätzen, ob der Antisemitismus im Osten schlimmer ist als im Westen. Ich bekomme aber mit, dass die Angst unter Jüdinnen und Juden hier noch größer ist. Es gibt hier eine größere Polarisierung und mehr Rechtsradikale, die fester verwurzelt sind. Man sieht Leute mit Nazi-Tattoos auf der Straße. Aber ich glaube, so ein Angriff könnte überall passieren. 

Wir müssen überall mehr gegen Antisemitismus tun. Selbst bin ich nie angegriffen worden, aber ich bin mit Angst vor Angriffen aufgewachsen und mit dem Wissen, dass wir um Anerkennung kämpfen müssen. So schlimm der Anschlag war, ich empfinde im Moment ein Gefühl von großer Hoffnung. Wir erfahren eine Welle an Solidarität, viele sind bereit dazu, gegen Hass zu kämpfen.


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