Bild: Jeremy Perkins/Unsplash
Elfmal kam die Polizei, das Jugendamt nahm die Kinder aus der Familie.

Erst als er seinen Sohn weinen hörte, ließ er von ihr ab. Ließ sie los, seine eigene Frau, und dachte sich: "Oh, Scheiße."

Timo war von der Arbeit nach Hause gekommen, schlecht gelaunt, ein paar Spielsachen lagen im Wohnzimmer herum. Nichts Weltbewegendes, sagt er heute. Eine Frechheit, dachte er damals. Timo raunte seine Frau Sarah an, die Mutter seiner drei Kinder. Sie diskutierten, stritten, wurden immer lauter – dann explodierte er. 

Packte sie an den Haaren. Schüttelte sie. Schrie sie an. Holte aus. Schlug zu. Mit der Faust ins Gesicht.

Dann hörte er seinen Sohn schreien. "Oh, Scheiße." Wenig später klingelte die Polizei. Zum elften Mal in zwei Jahren. 

Jede Stunde wird in Deutschland eine Frau Opfer von häuslicher Gewalt. Das geht aus dem Jahresbericht des Bundeskriminalamts hervor. 114.393 weibliche Opfer von Partnerschaftsgewalt sind dort für 2018 erfasst. Eine andere Zahl in der Statistik: 93.813. So viele männliche Tatverdächtige wurden im selben Jahr registriert.

Timo, 36, Lackierer bei einem großen Autohersteller, ist einer von ihnen. Im Videotelefonat mit bento hat er über eine Perspektive gesprochen, die selten öffentlich thematisiert wird: die der Täter.

Der Mann hat weiche, runde Gesichtszüge. Freundliche Augen, Teddybär-Lächeln. Es fällt nicht schwer, sich den "guten Timo" vorzustellen, von dem er erzählt: den hilfsbereiten, herzlichen Pfälzer, den, der gerne lacht, spielt und andere unterhält.

Der "böse Timo", sagt er, ist herrisch und aggressiv, ständig unzufrieden, und vor allem: blind für Grenzen. 

Sobald er über diesen Teil seines Wesens spricht, ändert sich sein Gestus. Dann fasst er sich verlegen an den Hinterkopf, kommt ins Stocken und macht lange Pausen. "Es fällt mir schwer, über das Thema zu reden", sagt er. "Ich schäme mich sehr."

Häusliche Gewalt ist ein schambesetztes Thema. Für die Opfer. Aber auch für die Täter. "Sofern ein Mann kein Psychopath ist, sind ihm seine Gewaltausbrüche unangenehm", sagt Karim Kerbache, Sozialarbeiter. "Weil sie zeigen, dass er sich nicht kontrollieren kann."

Karim Kerbache ist beim Arbeiter-Samariter-Bund Bonn angestellt und betreut eines von rund 80 Täterprogrammen in Deutschland. Er sagt: "Die Männer brauchen einen Rahmen, in dem sie sich trotz Scham öffnen können."

Timo erzählt von seiner Kindheit. Ein prügelnder, alkoholkranker Vater. Eine überforderte Mutter. Ein unruhiger, aggressiver Junge. Diagnose: ADHS. Mit sieben Jahren geben ihn die Eltern ins Heim. Keine schöne Zeit, sagt Timo, eine "Rivalitätszeit". Sieben Jahre, eine Lehre: "Der Stärkere gewinnt." Mit 14 kommt er in die Obhut des Vaters. Fängt an zu trinken. Kriegt Schläge. Mit 17 wird er rausgeschmissen.

"Häusliche Gewalt ist in der Regel antrainiert", sagt Kerbache. Nicht alle, aber viele Täter seien in jungen Jahren Opfer gewesen. 

„Wer in der Kindheit lernt, mit Konflikten gehaltreich umzugehen, nimmt das oft mit ins Erwachsenenleben.“
Karim Kerbache

Timo erzählt weiter. Vom Umzug in eine Sozialwohnung. Von seiner Ausbildung und den vier Jahren bei der Bundeswehr. Von Drogenexzessen und falschen Freunden, Schlägereien und Anzeigen. Und von einer Schicksalsbegegnung am Neujahrstag 2007: Sarah*.

Sie ist 17, er 24, als sie sich kennenlernen. Ein Jahr später heiraten sie. 2012 und 2014 werden ihre Söhne geboren. 2016 folgt die Tochter. Ein Schreikind. "Dann ging’s los", sagt Timo. "Mit meinen Aggressionen."

Was können Männer tun, um ihre Aggressionen zu kontrollieren?

Der Sozialarbeiter Karim Kerbache sagt, ein Klassiker gegen die Aggression sei Sport, aber auch eine Zigarette auf dem Balkon, Duschen gehen, Wasser ins Gesicht spritzen oder mit dem Hund spazieren. 

​Man müsse schauen, welche Möglichkeit dem Einzelnen helfe. All diese Dinge könnten aber ein Ventil sein, um negative Energie abzubauen.

Ziel sei nicht, gar nicht erst wütend zu werden. Wut sei ein völlig normaler, legitimer Zustand, so Karim Kerbache. In der Täterberatung gehe es darum, diese Wut nicht länger gewaltsam auszuleben. 

Neben den 80 Täterprogramme in Deutschland verweist der Experte auch auf andere Wegen, um sich helfen zu lassen: zum Beispiel durch Psychotherapien, Familienberatungsstellen, Erziehungs- oder Paarberatung.

Statistisch sind die meisten Männer, die Gewalt gegen ihre Partnerinnen ausüben, zwischen 30 und 39. "In dem Alter haben viele Paare Söhne und Töchter im Kleinkindalter", erklärt Kerbache. Zusätzliche Stressoren seien das. "Vorher war es einfacher, sich zurückzuziehen. Mit Kindern wird das schwierig."

Timo ist überfordert. Er findet zuhause keine Ruhe mehr, das macht ihn aggressiv. Er trinkt wieder mehr, nimmt wieder Drogen, Speed, um wach zu bleiben. Das macht ihn noch aggressiver. Wohin mit der Wut? "Auf der Arbeit konnte ich sie nicht rauslassen", sagt er. "Das hätte mich den Job gekostet." 

Also wird Sarah zu seinem Ventil.

Ihr fühlt er sich überlegen. "Ich war Alpha, sie Beta", so Timo. "Wer nicht macht, was ich sage, der kriegt halt seine Schläge. So habe ich damals gedacht." Er prügelt und schüttelt und erniedrigt sie, keine Woche vergeht ohne einen Gewaltausbruch. Nur eine Emotion fühlt er dabei: Hass. Auf seine Frau? "Nein. Auf mich selbst."

Er hasse seine Aggressivität. Seine Ungeduld. Seine ständige Unzufriedenheit. Er hasse das Gefühl, nichts wert zu sein. Seine jüngeren Geschwister, ein Bruder, eine Schwester, seien vom Vater weniger geschlagen worden, von der Mutter mehr geliebt. Hätten nie Gewaltprobleme gehabt, Häuser gebaut. Wie ein Versager fühle er sich neben ihnen. "Und das habe ich an meiner Frau rausgelassen."

Immer wieder rufen Nachbarn die Polizei, Sarah ist mehrfach wegen Prellungen und blauer Flecken im Krankenhaus. Timo spürt, wie ihre Angst vor ihm wächst. Trotzdem trennt sie sich nicht. "Weil sie immer den guten Timo in mir gesehen hat", sagt er. Und weil sie ihm immer wieder geglaubt hat.

Nach jedem Ausbruch entschuldigt er sich. Macht Versprechungen. Fühlt sich erbärmlich. Würde sich am liebsten selbst schlagen. Doch konkrete Maßnahmen, um sein Verhalten zu ändern, ergreift er nicht. "Ich habe mich mit meinem Problem sehr alleine gefühlt", sagt er. 

„Jeder hat gesagt: Du musst dich ändern. Aber keiner sagte mir, wie.“
Timo

Er fühlte sich hintergangen von Freunden und Familie, blockte ihre Appelle ab.     

Hilfsprogramme für Täter sind im Umgang mit häuslicher Gewalt noch nicht besonders verbreitet. 

Das Projekt von Karim Kerbache gibt es seit 2016, es ist das einzige im Einzugsgebiet Bonn und Rhein-Sieg. 965 Fälle von häuslicher Gewalt erfasste die Bonner Polizei dort im vergangenen Jahr. In Kerbaches wöchentlicher Gruppentherapie sitzen 15 Männer.

Als Timo mit einer Beratung beginnt, ist seine Familie bereits zerrissen. Im April 2018, nach Polizeibesuch Nummer elf, nimmt das Jugendamt dem Paar die drei Kinder. Weil Timo zwar nie die Kleinen, aber ständig seine Frau schlägt. Und weil sie nicht von ihm loskommt, ein typisches Muster in gewalttätigen Beziehungen.

Der Verlust der eigenen Kinder legt offenbar einen Schalter um. "Dann war nix mehr mit Gewalt", sagt er. 

Kein einziges Mal sei er seither handgreiflich geworden. Um einem Prozess zu entgehen und seine Kinder zurückzubekommen, stimmt er außerdem einer gerichtlichen Auflage zu: einem Täterprogramm in Landau.

Fünf Einzelgespräche hat Timo, dazu 25 Gruppentermine. 25 Mal im Stuhlkreis sitzen, von Juni 2018 bis heute, mit einer Handvoll Männern, die seine Erfahrungen nachvollziehen können, ihn nicht verurteilen und ihm Tipps geben. Dort, sagt er, habe er gelernt, zu "denken wie ein Mensch". Er meint damit: Kein Alpha und Beta, sondern eine gleichberechtigte Partnerschaft. Zumindest gelegentliches Helfen im Haushalt. Und: Verantwortung zu übernehmen.

"Viele Täter rechtfertigen oder entschuldigen anfangs ihr Verhalten", sagt Kerbache. "Ein wichtiger Teil von Täterprogrammen ist deshalb, den Männern ihre Verantwortung zu verdeutlichen." Dass sie nicht mehr wütend werden, sei dagegen kein Ziel der Täterarbeit. "Es geht vielmehr darum, dass die Männer ihre Wut nicht mehr gewaltsam ausleben."

Noch drei Sitzungen, dann hat Timo das Programm beendet. Er streckt eine Mappe ins Bild, darin zahlreiche Arbeitsblätter, die ihm helfen sollen, gewaltfrei zu bleiben. Vor allem einen Zettel findet er wertvoll: Seinen "Notfallplan". Fünf Schritte sind darauf notiert

Timos Notfallplan

"Das Schema hilft mir sehr", sagt Timo. Auch sonst habe er von dem Programm profitiert. Zufriedener und ausgeglichener sei er geworden. Er sagt: "Ich habe den bösen Timo aktuell sehr gut unter Kontrolle."

Das sehen offenbar auch die Behörden so: Ihre dreijährige Tochter haben Timo und seine Frau mittlerweile zurück.

Die Söhne, fünf und sieben Jahre, sind noch immer im Heim. Über Weihnachten dürfen sie nach Hause. "Darauf freue ich mich extrem", sagt Timo. Teddybär-Lächeln. Lange Pause. Dann sagt er leise, er habe kürzlich eine Mitteilung vom Jugendamt erhalten.

Sein älterer Sohn verhalte sich auffällig aggressiv. 


Uni und Arbeit

"Man ist auch immer ein bisschen Hobbypsychologe"
Patrick arbeitet als Taxifahrer in Berlin. Im Interview erzählt er, warum er täglich ins Auto steigt.

Zwei Glühwein, drei Glühwein, Taxi-App. In der Weihnachtszeit verzichten viele Menschen nicht nur häufiger auf ihr Auto, sondern auch mal auf die Bahn – schnell nach Hause und den Rausch vom Weihnachtsmarkt ausschlafen. 

Patrick arbeitet als Taxifahrer in Berlin und hat gerade im Dezember viel zu tun. 

Im Interview erzählt der 29-Jährige, wie er mit betrunkenen Fahrgästen umgeht und weswegen er glaubt, einmal einen Drogendeal beobachtet zu haben. 

bento: Wie kommt man dazu, in Berlin als Taxifahrer zu arbeiten?

Patrick Chaudhury Nyekogulu: Ich bin gelernter Berufskraftfahrer, mir ist diese Arbeit also nicht ganz fremd. Die Fahrten durch ganz Europa sind mir aber irgendwann zu viel geworden. Gerade, wenn man darüber nachdenkt, mal eine Familie zu gründen. Anfang des Jahres wollte ich mein Fachabi nachholen und Maschinenbau studieren. Das Taxifahren war ein attraktiver Nebenjob. Als mir der Matheanteil im Studium zu hoch wurde, bin ich als Vollzeitkraft eingestiegen.

bento: Was für Gäste fahren denn so bei dir mit?

Patrick: Ich bin nicht bei einem klassischen Taxiunternehmen angestellt, sondern bei einem Fahrdienst, den man über eine App ordert. Deshalb ist die Altersstruktur niedriger, im Schnitt zwischen 20 und 40 Jahren. Ich bin in ganz Berlin unterwegs. Durch die unterschiedlichen Bezirke und Uhrzeiten ist der Job sehr vielfältig. Ach, und fast hätte ich die Guthabenkids vergessen.

bento: Die Guthabenkids?

Patrick: Die schicken sich gegenseitig Guthabencodes, mit denen sie kurze Strecken gratis fahren dürfen. Ohne das Einverständnis der Eltern dürfen wir die manchmal gar nicht befördern, weil sie erst 14 Jahre alt sind.

bento: Zu welcher Uhrzeit fährst du am liebsten?

Patrick: Nachts, weil die Menschen dann lockerer drauf sind und eher das Gespräch suchen. Im Feierabendverkehr wollen alle schnell nach Hause. Viele vertrauen mir ihre Sorgen an. Da ist alles dabei: Liebeskummer, Stress in der WG, Krankheit. Man ist auch immer ein bisschen Hobbypsychologe. Gut, dass ich immer viel Domian gehört habe.

bento: Wie viele Fahrten machst du pro Schicht?

Patrick: Das kommt darauf an, wie viel los ist. Es sind am Tag zwischen 12 und 25 Fahrten. Jetzt zur Weihnachtszeit läuft das Geschäft besonders gut.