Bild: Marc Röhlig
Heute vor fünf Jahren trat Ägyptens Diktator Husni Mubarak zurück. Hamid, 26, erinnert sich.
Was die Revolution für mich bedeutet

Den 25. Januar verbinde ich mit dem Sieg über ein diktatorisches Regime, über Husni Mubarak, denn an dem Tag begann in Ägypten der Aufstand. Mehr als zwei Wochen lang gingen wir auf die Straße, am 11. Februar trat Mubarak schließlich zurück. In diesen Tagen der Revolution waren alle Menschen im Land gleich. Es gab keine Unterschiede zwischen Muslimen und Christen, zwischen reich und arm. Jeder von uns fühlte sich als Teil des Teams Ägypten. Doch heute scheint das alles längst vergessen.

Wer ist Hamid?

Der Kairoer gehört zu einer Gruppe junger Demonstranten, die sich vor dem Arabischen Frühling 2011 gegen den ägyptischen Staat auflehnten. Er hat sich bei der Oppositionsbewegung "Wir sind alle Khaled Said" engagiert und in der Ultraszene des Fußballklubs Al-Ahly. Hamid wurde mehrmals eingesperrt und gefoltert. Seit Ägypten von Abdel Fattah al-Sisi regiert wird, werden Oppositionelle deutlich härter verfolgt. Hamid hat sich daher zurückgezogen. Wir haben seinen Namen anonymisiert.

Wie ich mich engagiere

Ich gehörte zu den ersten, die auf dem Tahrirplatz in Kairo dabei waren. Und zu den ersten, die festgenommen wurden: Am 28. Januar 2011, genannt "Tag des Zorns", wurden Freunde und ich mitten in der Nacht aufgegriffen. Ich wurde in ein Lager des Geheimdienstes gebracht und gefoltert. Sie verpassten mir Stromschläge und schlugen mich mit Knüppeln. Insgesamt blieb ich für anderthalb Monate in Haft. Meine linke Hand kann ich seitdem nicht mehr richtig bewegen, auf meinem Rücken habe ich Foltermale.

Wie ich unterdrückt wurde

Trotz Knast bedeutet mir die Revolution viel. Als nach Mubarak eine Militärführung die Macht übernahm, gingen wir auch gegen sie wieder auf die Straße. Später steckten sie mich deshalb noch mal für einen Monat ins Gefängnis, wieder wurde ich gefoltert. Betten oder Decken gab es in den Zellen nicht; wir Gefangenen mussten auf dem nassen Boden schlafen. Das Essen war sehr schlecht. Auch andere Freunde von mir wurden festgenommen, weil sie sich in der Graffiti-Szene oder in der ägyptischen Fußballszene engagierten. Was ich in Kairos Gefängnissen erlebt habe, kann ich kaum in Worte fassen. Noch heute schnürt sich mir die Kehle zu, wenn ich daran zurückdenke.

Sie verpassten mir Stromschläge und schlugen mich mit Knüppeln.
Wie meine Familie reagierte

Meine Familie hatte natürlich große Angst um mich. Meine Mutter wollte nicht, dass ich auf dem Tahrirplatz demonstriere, weil sie Angst hatte, ich würde im Gefängnis landen. Sie konnte Mubarak auch nicht leiden, war aber zu ängstlich, etwas gegen ihn zu sagen. Sie arbeitet im ägyptischen Innenministerium, einer ihrer Brüder ist sogar beim Geheimdienst tätig – sie hätte sich also gar nicht gegen das Regime stellen können. Mein Stiefvater ging allerdings zu Demonstrationen: Er fand die Muslimbrüder spannend und hoffte, Ägypten würde sich zum Guten wenden. Vor einem halben Jahr wurde er aus seinem Laden verschleppt und ist seitdem verschwunden.

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Wie es jungen Ägyptern heute geht

Wie meinem Stiefvater geht es vielen, egal ob Muslimbruder oder nicht. Das neue Regime lässt willkürlich Menschen verschwinden. Nichts hat sich geändert seit der Revolution, everything is fucking the same. Ich weiß nicht, warum das Leben hier so hart ist. Es ist schwer, einen Job zu finden, es ist schwer, irgendwie in die Zukunft zu blicken. Jeder junge Mensch will Ägypten einfach nur verlassen.

Wenn ich mich heute an die Tage im Januar 2011 zurückerinnere, dann kommen mir die Tränen. Ich träumte davon, das System zu verändern. Ich wollte Freiheit in allem, sagen und denken dürfen, was ich will. Und Gleichheit zwischen den Menschen. Aber vielleicht war das einfach ein zu großer Traum.

Warum wir keine Zukunft haben

Denke ich an die Zukunft Ägyptens, dann sehe ich schwarz. Seit der Revolution hat sich nichts verbessert – es ist alles nur schlimmer geworden. Ägypten ist ein gutes Land mit guten Menschen. Wenn wir uns nicht bekämpfen und hassen, können wir viel erreichen. Aber alle denken zuerst an Geld und Macht oder an was auch immer, keiner redet mehr miteinander. Wenn wir es schaffen, uns selbst zu ändern, dann können wir auch das Land verändern.

Übersetzung: Marc Röhlig

​Was passierte in Ägypten seit dem Arabischen Frühling?

Als Anfang 2011 der Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Menschen euphorisch. In der ersten freien Wahl des Landes kürten sie 2012 den Muslimbruder Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten. Dieser verteilte Posten jedoch vor allem an Unterstützer der Bruderschaft – das Volk fürchtete eine schleichende Islamisierung. Im Sommer 2013 gingen wieder Tausende auf die Straße, angeführt von einer aus der Armee finanzierten Protestgruppe. Der General Abdel Fattah al-Sisi stürzte schließlich Mursi und ließ sich 2014 selbst zum Präsidenten wählen. Ägypten, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.

Wie herrscht Sisi seitdem?

Zum Machterhalt geht Sisi mit aller Härte vor, Justiz und Polizei arbeiten Hand in Hand. Rund 41.000 Menschen wurden laut Menschenrechtsaktivisten allein bis Mitte 2014 inhaftiert. Seither gibt es keine verlässlichen Zahlen mehr. Mehr als 1000 Menschen kamen bei Niederschlagungen von Protesten gegen Sisi um, die Muslimbrüder werden im Land als Terroristen geächtet. Hunderte wurden in eiligen Willkürprozessen zum Tode verurteilt. Ein Antidemonstrationsgesetz verbietet seit Ende 2014 jeden Protest.

Seit Sisi im Sommer vergangenen Jahres bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und später beim britischen Premier David Cameron zur Audienz durfte, hat er die Zügel daheim noch einmal drastisch angezogen. Ein Antiterrorgesetz bestraft Journalisten, die abweichend von der Staatsmeinung berichten. Viele studentische Protestgruppen von 2011 wurden als staatsfeindlich eingestuft. Kinder und Jugendliche verschwinden spurlos (Bericht der "Arab Organisation for Human Rights in UK" als PDF); Studenten, Oppositionspolitiker und Journalisten werden gefoltert und umgebracht (Daily News Egypt). Selbst für das Posten einer Sisi-Karikatur mit Mickey-Maus-Ohren folgen langjährige Haftstrafen (Deutschlandradio).

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