Bild: Tom Vierus
Tom, 31, hat geholfen, den Skandal bekannt zu machen. Hier erzählt er, was auf dem Spiel steht.

Die Stimmung sei von Anfang an aufgeheizt gewesen, erinnert sich Tom an den Moment vor dem Schuss. "Wir waren in einem für Krawall bekannten Stadtviertel von Georgetown, die Riot Police marschierte gerade auf. Die Leute kamen auf uns zugerannt", sagt Tom, "dann lud einer der Polizisten seine Shotgun und schoss vor mir auf den Boden." Der Schrot riss Löcher in seinen Wagen, Tom selbst blieb zum Glück unverletzt.

Tom Vierus ist studierter Meeresbiologe und lebt auf den Fidschi-Inseln. Doch seit einigen Jahren arbeitet er als Fotograf und hilft dabei, Umweltskandale zu dokumentieren. Seinen Geburstag Anfang März verbrachte er deshalb nicht am Strand, sondern zwischen Tränengasgeschossen in Guyana. 

Guyana besteht hauptsächlich aus Regenwald – und hat ein riesiges Ölfeld vor der Küste

Das kleine Land in Südamerika steckt seit Monaten in einer politischen Krise. Der eigentlich abgewählte Präsident zögerte erst zwei Jahre lang Neuwahlen hinaus, nun verschleppt er seit Monaten die Auszählung der Stimmen. Vorher hatte er lukrative Deals mit Ölfirmen geschlossen (Miami Herald/Blickpunkt Lateinamerika). Denn vor Guyana wurden riesige Ölfelder entdeckt – und genau deswegen war Tom vor Ort. 

Tom in Guyana: "Hier wird eines der letzten Naturjuwelen der Erde zerstört."

(Bild: Tom Vierus)

Vor Guyana liegen bislang unerschlossene Ölfelder mit knapp 14 Milliarden Barrel Öl – einem der größten Ölvorkommen, die in den vergangenen Jahren weltweit entdeckt wurden. Werden sie vollends erschlossen, kann Guyana laut einer Studie des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Ölproduzenten der Welt aufsteigen – vor Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar.

"Eigentlich ist Guyana dank seines üppigen Regenwalds eine Kohlenstoffsenke", sagt Tom, "also eines der letzten Länder der Erde, die noch gegen die Klimakrise wirken." Das wird sich ändern. Denn gemeinsam mit der deutschen Umweltorganisation Urgewald hat Tom vor Ort dokumentiert, wie sich Einzelne schon jetzt am Ölfund bereichern. Das Team hat aufgedeckt, wie vor allem die Weltbank vor Ort dabei hilft, eine gigantische Öl-Infrastruktur in Gang zu bringen. Sie sagen: Guyana wird von der Weltbank ausgenutzt, damit Konzerne wie ExxonMobil schnell an billiges Öl kommen.

Was ist mit den Versprechen nach der Klimakonferenz? 

Die Weltbank unterstützt ärmere Länder mit Entwicklungshilfen und Beratungen – wenn auch nicht immer zu deren Vorteil (Süddeutsche Zeitung). Finanzspritzen im Ölgeschäft waren dabei lange ein Schwerpunkt. Vor drei Jahren versprach die Weltbank jedoch, ab 2019 keine Öl- und Gasgeschäfte mehr zu unterstützen (The Guardian). Auf der Klimakonferenz 2018 in Polen sicherte die Bank dann sogar 200 Milliarden US-Dollar im Kampf gegen den Klimawandel zu (SPIEGEL). Das alles, um die Klimakrise aufzuhalten. Eigentlich.

Nun steckt die Weltbank insgesamt 55 Millionen US-Dollar in die Ölgeschäfte eines kleinen unscheinbaren Karibikstaates mit bislang negativer CO2-Bilanz. "Das ist ein doppelter Skandal", sagt Tom. Zum einen handele die Weltbank ihrem eigenen Versprechen zuwider, keine Ölgeschäfte mehr zu fördern. Zum anderen "leben wir im Jahr 2020", sagt Tom: "Wie kann es möglich sein, dass die Weltbank hier wissentlich mithilft, eines der letzten Naturjuwelen der Erde zu ruinieren?"

Tun wir nicht, heißt es von Seiten der Weltbank. Auf bento-Anfrage schrieb ein Sprecher, die Weltbank finanziere keine Ölgeschäfte in Guyana. "Aber wir werden weiterhin unseren Partnerstaaten helfen, ihre Regierungsarbeit, Verwaltung und Energiesektoren zu stärken", heißt es. Genau so sei auch die Förderung zu verstehen: Nicht dem Ölgeschäft werde geholfen, sondern der Regierung dabei, selbst ein "vernünftiges Management im Öl- und Gassektor aufzubauen". 

Die Zerstörung eines der letzten Ökozentren der Erde

Ursprünglich wollte Guyana bis 2025 seinen Strom komplett aus Erneuerbaren Energien gewinnen (UN-Klimakonvention), 2019 hat das Land den "Best Ecotourism"-Preis auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin gewonnen. Doch wird das neue Ölprojekt durchgezogen, wird das kleine Land von einem der letzten Ökozentren der Erde nun zu einer der größten CO2-Schleudern. 

In Guyana leben nur 870.000 Menschen, große Teile sind von Regenwald bedeckt. Bisher haben die Guyaner daher pro Kopf eine niedrige CO2-Menge von zuletzt 3,1 Tonnen CO2 im Jahr 2018. Zum Vergleich: Die Deutschen pulverten im gleichen Jahr im Schnitt 9,1 Tonnen CO2 pro Kopf in die Atmosphäre, die Menschen im ölreichen Katar gar 38 Tonnen (Global Carbon Atlas). "Wird das Öl erst mal gefördert, werden die Guyaner mit die höchsten Pro-Kopf-Emissionen weltweit haben", sagt Tom, "ohne, dass sie groß von den Förderungen profitieren."

Der Internationale Währungsfonds rechnet für 2020 zwar mit einem sagenhaften Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 86 Prozent (Bloomberg), doch es ist unklar, was davon bei den Menschen landet. Bislang ist Guyana eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. Tom glaubt, dass sich daran nicht viel ändern wird: "Viele Guyanerinnen und Guyaner wissen nichts von dem, was da gerade ausgeheckt wird. Das Geld, das hier erwirtschaftet wird, geht kaum an die Menschen vor Ort, sondern hauptsächlich in die Taschen der beteiligten Ölfirmen." 

„Dass das Projekt eher zum Fluch als zum Segen für Guyana werden könnte, darf stark angenommen werden.“
Lateinamerikaexperte Federico Foders

Offiziell soll die Weltbank dabei helfen, dass das nicht passiert. Die 55 Millionen US-Dollar gibt es für zwei Projekte: Einmal 20 Millionen Dollar für die Ausbildung von guyanischen Führungskräften im Ölgeschäft, einmal 35 Millionen für das hiesige Bankgeschäft, um es für die erwarteten Millioneneinnahmen fit zu machen. (World Bank

Vor allem externe Berater sollen der Regierung Guyanas helfen – und geholfen haben. Bei der Vermittlung des Geschäfts wurde die Regierung von der US-Kanzlei Hunton Andrews Kurth unterstützt, die auch ExxonMobil regelmäßig berät. Die Weltbank fand an diesem Interessenskonflikt nichts verwerflich. (The Guardian). 

Der Weltbank-Sprecher sagt, man unterstütze das Land dabei, seine Potenziale zu "maximieren", "damit alle Bürgerinnen und Bürger profitieren". Hilfe gäbe es so unter anderem auch im Bildungswesen und beim Überschwemmungsschutz – was für die Küstenprobleme mit steigenden Meeresspiegeln schon jetzt ein reales Problem ist.

Doch Federico Foders glaubt kaum, dass Guyana vom Ölreichtum profitieren wird. Der Professor ist Präsident des Internationalen Wirtschaftssenats und Experte für die Wirtschaftspolitik Lateinamerikas. Zwar habe das rohstoffarme Guyana durch die Ölförderung die Chance, seine Wirtschaft breiter aufzustellen, aber an den Erlösen sei Guyana mit nur 52 Prozent beteiligt, im globalen Vergleich sei das eine "nicht gerade üppige Teilnabe", sagt Federico Foders zu bento. Üblich wären zwischen 65 und 80 Prozent. Der Wirtschaftsexperte glaubt: "Dass das Projekt eher zum Fluch als zum Segen für Guyana werden könnte, darf stark angenommen werden."

"Guyana droht der 'Oil Curse'"

So könnte das Ölgeschäft für Guyana ökologisch wie ökonomisch riskant werden: Anstatt regenerative Energien zu fördern, wird das Land auf kurzfristige Gewinne aus der Ölwirtschaft ausgerichtet. 

Flussmündung vor Georgetown: Unerschlossene Ölfelder vor der Küste.

(Bild: Tom Vierus)

"Guyana droht, das nächste Land mit 'Oil Curse' zu werden", sagt Tom. Was er meint: Länder wie Angola, Nigeria und Venezuela. Dort, wo viel Öl gefunden wurde, bereicherte das nicht die Länder, sondern externe Firmen. Die Länder selbst leiden unter einer schwachen Wirtschaft, korrupten Regierungen und Umweltschäden (Giga Institut).

Die guyanische Anwältin Melinda Janki fürchtet ein ähnliches Schicksal für ihre Heimat. "Die Justiz ist oft das erste Opfer des Oil Curse", schreibt sie. Melinda Janki leitet das "Justice Institute Guyana" und engagiert sich bei einer Kampagne, die faire Kontrollen über die Öleinnahmen ermöglichen möchte. Wäre der Weltbank wirklich an Entwicklungshilfe gelegen, solle sie Guyana lieber dafür entlohnen, den Energiesektor auf nachhaltigen Strom umzustellen.

Gemeinsam mit anderen hatte Melinda Janki im Februar bereits gegen den bestehenden Deal geklagt: Mehreren Ölfirmen wurde erlaubt, mit Bohrungen zu beginnen, obwohl erforderliche Umweltgenehmigungen fehlten. Das Gericht wies die Klage zurück, erteilte eine Bohrungerlaubnis auf "Projektbasis" (Ciel).

Seit Anfang des Jahres kreuzen die ersten Öltanker vor der Küste von Guyana. Während Regierung und Opposition nach den Neuwahlen um die Macht streiten, machen der Ölriese ExxonMobil, die US-basierte Hess Corporation und die staatliche chinesische CNOOC sich an die Arbeit. Allen drei Firmen wurden Teile des riesigen Offshore-Ölfeldes zugesprochen.


Uni und Arbeit

Wie 300 Euro im Monat eine Generation retten könnten
Unsere Gastautoren sind SPD-Mitglieder – und fordern in der Coronakrise eine Finanzhilfe für junge Menschen.

Als die Bundeskanzlerin vor zwei Wochen mit der Autoindustrie über eine erneute Abwrackprämie debattierte, hielten draußen vor dem Bundeskanzleramt Jugendliche von Fridays for Future Banner hoch: "Abfckprämie" stand darauf. Ein kurzer, prägnanter Kommentar der jungen Generation zu den Verhandlungen. Kurz zuvor hatte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) verkündet, dass Studierende, die durch alle sozialen Raster fallen, nun Kredite beantragen dürften (bento). Auch wenn beide Entscheidungen augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben, bleibt doch ein fader Beigeschmack: Während Autohersteller gerettet werden sollen, müssen junge Menschen sich hoch verschulden, um weiterstudieren zu können. Der Autoindustrie wird geholfen, der jungen Generation nicht.

Es sind Wochen, die dieser Generation wohl noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Obwohl sie besonders unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise leiden werden, spielen sie bei den Überlegungen der Politik kaum eine Rolle. Dabei liegt die Lösung so nahe: Ein bedingungsloses Brückeneinkommen würde eine ganze Generation vor dem Schlimmsten bewahren.

Wenn Arbeitslosigkeit zur Normalität wird

Nach der Finanzkrise von 2008 lag die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien oder Griechenland zeitweise bei bis zu 50 Prozent (Bundeszentrale für politische Bildung). Für eine ganze Generation im Süden Europas wurde Arbeitslosigkeit zur Normalität. Eine Generation, die bereits bei der Abschlussfeier weiß, dass ihre Abschlüsse Makulatur sind. Eine Generation, der oft nur ein Schuldenberg und der Gang zum Arbeitsamt bleibt.

In der Coronakrise droht das auch jungen Menschen in Deutschland. Denn die ökonomische Verwundbarkeit ist in jungen Jahren höher als am Ende des Arbeitslebens (Institut der deutschen Wirtschaft). Die Rücklagen sind später in aller Regel größer, die Verträge sicherer. Das bekommen die Jungen jetzt zu spüren, wenn Befristungen wegen der Krise nicht verlängert werden, wenn Bars, Clubs, Galerien oder Theater schließen müssen, in denen viele junge Menschen arbeiten.