Ein Kommentar

Puh! Das Ergebnis ist verkündet: Deutschland wird, mal wieder, von einer GroKo regiert werden. Weil 66,02 Prozent der gültigen, abgegebenen Stimmen von SPD-Mitgliedern für die Große Koalition waren. (bento)

Jubeln will trotzdem keiner so recht. 

Denn dieses Ergebnis ist eine schlechte Nachricht. Und gleichzeitig eine gute.

Die schlechte wurde in den vergangenen Wochen, Monaten, sogar Jahren ausführlich dargelegt: 

Die große Koalition ist das programmgewordene Wegverwalten der Welt. Statt Ideen und Begeisterung liefert sie zögerliche Reaktionen auf die drängendsten Probleme. (Süddeutsche Zeitung) Statt den unangenehmen Realitäten wie Klimawandel, Wandel der Arbeitswelt und einem immer und immer älter werdenden Deutschland aktiv zu begegnen, wird gewartet. Und gewartet. Und zwar so lange, bis die Probleme zu groß geworden sind, um sie anständig zu managen – die Flüchtlingskrise lässt grüßen. 

Das ist besonders schlecht für uns, die wir jetzt unter 35 sind – denn wir müssen noch länger mit den Folgen dieser Trantütigkeit leben. Es macht einfach einen gigantischen Unterschied, ob man ab 22 einen der Realität angepassten Rentenplan hat oder erst mit 35. Oder ob ein Land vier Jahre früher oder später mal so etwas verrücktes wie eine durchdachte Einwanderungspolitik entwickelt.

Man könnte die Neuauflage der GroKo also getrost als potentiell verschenkte vier Jahre Stillstand verorten. 

Aber was ist die berühmte andere Seite der Medaille? Was, wenn zum Beipsiel der Stillstand nicht nur Stillstand ist, sondern auch eine Atempause? Die Ruhe vor dem Sturm? Eine Gelegenheit, sich klug aufzustellen?

Denn wahr ist auch: Die SPD-Mitglieder haben vielen Menschen in Deutschland Zeit geschenkt. In einer Welt, in der es verdammt viel um das Gefühl in der Politik geht und ganze Wahlkampfkonzepte vor allem auf gefühlten Wahrheiten basieren, hat die SPD sich für die Vernunft und gegen das Herz entschieden – und damit die Zukunft der eigenen Partei stark gefährdet. Die SPD-Mitglieder haben die Stabilität des Landes über die eigene Partei gestellt. Und in einem Land mit einer stabilen Regierung, hat man Zeit.

Lass uns Freunde werden!

Zeit, sich die AfD im Bundestag ganz genau anzugucken. Zeit, sich eine Meinung zu bilden, sich zu organisieren, sich zu engagieren. Zeit, dafür die richtige Partei oder NGO oder Initiative zu finden – oder zu gründen. 

Wir Wähler bekommen auch die Politiker, die wir verdienen.

Wer auch immer jetzt gerade ein bisschen erleichtert ist, weil keine Neuwahlen anstehen und er sich doch Sorgen gemacht hat, dass die AfD jetzt nicht sofort noch stärker werden kann, oder wer die GroKo-Nachricht mit einem leichten Achselzucken aufnimmt, weil die Welt für sie jetzt auch nicht untergeht: Die kommenden vier Jahre sind eure, sind unsere, Zeit. 

Denn irgendwas finden wir ja ganz OK am Leben in diesem Land.

Und genau, wie die große Koalition ständig die Chance hat, große Dinge zu schaffen und zu bewegen, haben die Bürger eines Landes mit einer stabilen Regierung diese Chance auch. Wenn es etwas an Deutschland gibt, das wir gut finden, von dem wir überzeugen wollen, dann ist jetzt die Zeit dafür. 

Dann müssen wir, die Kinder der großen Koalition, die Kinder von Wohlstand und Gemütlichkeit, uns aufmachen, für sie einzustehen. Das ist leicht gesagt und schwer getan, schon klar: Es ist immer leichter, gegen Dinge zu sein, als für etwas zu sein. 

Ein Feindbild hilft oft. 

Es gibt zum Beispiel Soziologen, die davon ausgehen, dass die #Metoo-Bewegung genau jetzt so viel Gehör findet, weil Trump Präsident ist – und er ein Feindbild für viele Frauen darstellt (NPR). Wut gibt Menschen Kraft und schenkt die Energie, wirklich auf die Straße zu gehen, aufzuschreien, seine Meinung zu äußern. 

Aber ich persönlich hätte absolut nichts dagegen, wenn wir es hinkriegen würden, unsere Gesellschaft zu prägen und zu verändern, ohne dass wir einen AfD-Feindbild-Kanzler an die Wand malen müssen.

Ich fand es beeindruckend, zu sehen, wie die Jusos für ein paar Wochen die SPD vor sich hergetrieben haben, wie das ganze Land innehielt und man sich auf einmal fragen durfte, ob eine Merkel-Kanzlerschaft wirklich eine abgemachte Sache ist. Warum sollte das nicht auch bei anderen Themen möglich sein?

Die kommenden vier Jahre klingen nach einer verdammt guten Zeit dafür. 

Denn machen wir uns nichts vor: Die AfD, die Populisten, die Hetzer, sie werden sie nutzen. 

Aber: Alle anderen könnten das auch. 

Trip

Verstehst du diese sächsischen Begriffe?

Das Sächsische wird gerne belächelt. Im Fernsehen werden Menschen aus Dresden, Zwickau oder Leipzig manchmal untertitelt und wenn irgendwer sich irgendwo über irgendwas lustig machen will, imitiert er den den sächsischen Dialekt. 

Aber: Einfach ein paar "Gonsonanden" verschlucken und "Wogahle" schön weich aussprechen, reicht dann doch nicht, um wirklich gut zu Sächseln.