Bild: bento/Steffen Lüdke
Der Juso-Chef hat verloren – trotzdem geht er in die Offensive.

Kevin Kühnert lächelt. Vor wenigen Minuten hat der Juso-Chef die größte Niederlage seines bisherigen politischen Lebens erlitten. Jetzt steht er auf der Dachterrasse des Willy-Brandt-Hauses und schaut über die Dächer Berlins.

Er hat die Pressekonferenz zum Mitgliederentscheid im Juso-Büro im zweiten Stock verfolgt, das Ergebnis aus dem Livestream erfahren. Eine Hand steckt in der Jackentasche, in der anderen hält er eine Kippe.

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

66 Prozent der gültigen Stimmen für die GroKo, Kühnert hat verloren. Deutlich. "Ich darf den SPD-Toaster und das SPD-Waffeleisen nicht vergessen", sagt er zu seinem Pressesprecher.

Meine WG hat die fucking Erwartungshaltung, dass der Toaster und das Waffeleisen mitkommen!
Kevin Kühnert

Beides hatte ihm die Partei geschenkt. Der Toaster kam vom Parteivorstand, für rund 25.000 neue Mitglieder und Kühnerts unermüdlichen Einsatz, das Waffeleisen schenkten ihm die Jusos.

Vielleicht sollte ich morgen früh zum Frühstück einfach Waffeln machen.
Kevin Kühnert plant den neuen Morgen.

Er klingt wie einer, der endlich den Rest seines Lebens beginnt.

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Waffeln zum Frühstück, abends mal wieder mehr als nur ein Bier trinken gehen, dafür könnte Kühnert jetzt Zeit haben.

Er sei schon enttäuscht, sagt er, auch wenn er gerade das Lächeln nur schwer aus seinem Gesicht verbannen kann. Der Druck falle halt gerade von ihm ab. "Ist nur schade, dass er mit diesem Ergebnis abfällt."

Drei Wochen lang sind Kühnert und sein Pressesprecher Benjamin Köster zuvor durch Deutschland gefahren. Die No-GroKo-Tour begann in Pirna und endete in Hamburg.

Ein Mann gegen eine ganze Koalition, das zerrte an ihm. 

(Bild: Getty Images/Jens-Ulrich Koch)

15 Kilo hat Kühnert deswegen abgenommen – der Stress. Auf Tour trank er nur noch an einem Abend in der Woche Alkohol, sonst hätte er die Strapazen nicht durchgehalten. Einen Auftritt bei Maischberger sagte er ab, Kühnert lag mit Fieber im Bett. Die Tour brachte er trotzdem irgendwie zu Ende. 

Denn mit jeder Station wurde deutlicher: Kühnert hat Einfluss, viele Menschen hören ihm zu.

Es sah so aus, als könnte er Merkels Kanzlerschaft ernsthaft bedrohen.

Während Kühnert noch raucht, leert sich sechs Stockwerke unter ihm die SPD-Parteizentrale. Olaf Scholz hat nur kurz gesprochen. Als Dietmar Nietan, Chef der Mandatsprüfungs- und Zählkommission, das Ergebnis verkündet hat, gab es keinen Jubel im Willy-Brandt-Haus. Nicht ein Mal die Wahlhelfer klatschten, sie blickten einfach stumm auf die beiden Männer herab.

(Bild: dpa/Michael Kappeler)

Begeisterung sieht anders aus.

Als Andrea Nahles und viele andere Mächtige der SPD schon längst weg sind, auf dem Weg zur Vorstandssitzung in einem Berliner Hotel, steht Kühnert noch im Willy-Brandt-Haus. Für seine Unterstützer nimmt er eine Videobotschaft auf. Die Hände hat er hinten in den Taschen seiner weiten Jeans vergraben, den Rücken durchgedrückt, so steht er vor der Kamera, testet den Ton.

1, 2, 3. Test, Mitgliedervotum, olé, olé. Martin Schulz, olé, olé, Sigmar Gabriel, olé, olé.
Kevin Kühnert testet mal den Ton.

Kühnert wirkt heute erleichterter als der gesamte SPD-Parteivorstand zusammen. Er ist schon wieder angriffslustig: "Wir werden den Finger in die Wunde legen, wir werden dafür sorgen, dass die Regierung nicht wieder so trantütig arbeitet, wie in den letzten vier Jahren", ruft er.

Tatsächlich hat Kühnert zwar die GroKo-Abstimmung verloren, zum Verlierer macht ihn das aber noch lange nicht.

Hätte er die Große Koalition verhindert, stünde die SPD vor einem Scherbenhaufen und Deutschland ohne Regierung da. Dann hätte Kühnert Antworten liefern müssen – auf viele unangenehme Fragen.

So aber ist er offiziell einer der wenigen prinzipienfesten Genossen. Besser hätte es für seine Karriere kaum laufen können. Kühnert ist nun der Mann, der 123.329 enttäuschte SPDler vertritt. Das sind mehr Mitglieder, als die Grünen und Die Linke zusammen haben, betont er.

(Bild: dpa/Michael Kappeler)

Kühnert wird eine wichtige Rolle bei der Erneuerung der SPD spielen, heißt es auch aus der Parteispitze.

Der 28-Jährige muss dafür sorgen, dass seine Fans nicht austreten.

Das hat Kühnert mit Andrea Nahles besprochen, in einem Gespräch unter vier Augen, so von Rebell zu Ex-Rebellin.

Wie schwer das wird, zeigt ein Tweet der Stellvertretenden Juso-Vorsitzenden in Leipzig: Sie verstehe jeden, der jetzt über einen Parteiaustritt nachdenke, schreibt Mathilda Schlosser.

Wer Leute wie sie besänftigen will, darf nicht plötzlich auf GroKo-Linie einschwenken, muss die ausgehandelten Kompromisse immer wieder kritisieren.

Opposition trotz Großer Koalition, damit beginnt Kühnert schon am Sonntagvormittag.

Es geht darum, dieser Regierung Feuer unter dem Hintern zu machen.
Kühnert auf dem Dach des Willy-Brandt-Hauses

Er wolle sich nicht auf billige Kompromisse einlassen, aber trotzdem seinen Teil dazu beitragen, die Partei zu einen. Ein Angebot für einen neuen Posten habe er nicht erhalten.

Den braucht er allerdings nach Lage der Dinge auch gar nicht, er bekommt ohnehin genug Aufmerksamkeit. De facto vertritt Kühnert derzeit nicht nur die Jusos, dank seiner Prominenz könnte er einer der Köpfe des linken Parteiflügels werden.

(Bild: dpa/Michael Kappeler)

Auf der Treppe vor dem Eingang fängt ihn eine Genossin aus Bremen ab.

Wann er denn mal in ihren Ortsverein komme, will die Frau wissen. Kühnert zögert. Vielleicht habe er jetzt mehr Freizeit und könne mal vorbeischauen. "Aber da bin ich mir noch nicht so sicher." Es klingt fast, als wäre die NoGroKo-Tour doch noch längst nicht vorbei.


Streaming

Die Oscars wollen bloß nicht zu viel MeToo – doch das ist ein großer Fehler

Die Award-Saison in den USA war dieses Jahr der MeToo-Debatte gewidmet: 

  • Bei den Golden Globes symbolisierten schwarze Kleider Einigkeit und Solidarität mit den Opfern von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch. (bento)
  • Bei den Screen Actors Guild Awards präsentierte ein Line-Up von ausschließlich Frauen die diesjährigen Preisträger und legte einen Fokus auf fehlende Gleichberechtigung. (The New York Times)
  • Und bei den Baftas, einer Preisverleihung der British Academy of Film and Television Arts, brachten einige der Besucher nach Aufforderung der "Time's Up"-Initiative Frauenrechts-Aktivistinnen statt ihrer Partner mit. (The Guardian)