Bild: Hajü Staudt Fotografie
Ein Gespräch über ein gescheitertes Gesundheitssystem und das Verantwortungsbewusstsein von Medizinern.

Schon Ende Februar, einen Tag nach dem ersten bestätigten Covid-19-Fall, wurde in Griechenland der Lockdown vorbereitet: Veranstaltungen wurden abgesagt, Ausgangssperren verhängt. Bisher zeigten die Maßnamen großen Erfolg. Zum Glück. Denn die Griechen wissen, dass ihr Gesundheitssystem einer Ausbreitung des Virus nicht standhalten würde. (DER SPIEGEL)

Seit der Griechenlandkrise, die 2010 begann, wurde das Gesundheitsbudget drastisch gekürzt. Das System war damals so marode, dass sich parallel zum staatlichen Gesundheitssystem Apotheken und Kliniken gegründet haben, die komplett auf Spendenbasis und bis heute von freiwilligen Helferinnen und Helfern organisiert werden. (DER SPIEGEL)

Sie versorgen diejenigen, die vom staatlichen Gesundheitssystem ausgeschlossen wurden, darunter vor allem Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten, in der Hochzeit der Krise aber auch griechische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ohne Krankenversicherung. 

Mirko Broll, 29, ist Soziologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München und forscht seit zwei Jahren zu dem solidarischen Gesundheitssystem in Griechenland. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie die Klinken genau funktionieren, wer die Menschen sind, die sie aufrechterhalten und welche Rolle ihnen in der Coronakrise noch zukommen könnte.

bento: Mirko, in Griechenland hat sich im letzten Jahrzehnt ein zweites Gesundheitsnetzwerk etabliert, das nur von Spenden und Freiwilligen getragen wird. Wie konnte das passieren?

Mirko: Im Zuge der harten Sparpolitik wurde das griechische Gesundheitsbudget zwischen 2010 und 2014 von knapp 16 Milliarden Euro auf knapp 9 Milliarden Euro gekürzt. (DER SPIEGEL) Das hatte natürlich drastische Folgen. Hunderte Kliniken der ambulanten Versorgung wurden geschlossen, es wurden mehrere tausend Stellen im Gesundheitswesen abgebaut, zwischenzeitlich war ungefähr ein Drittel der griechischen Bevölkerung nicht mehr krankenversichert. Das hat dazu geführt, dass sich aus der Bevölkerung heraus ein selbstorganisiertes Gesundheitswesen etabliert hat.

Wie wurde geforscht?

Mirko forscht seit zwei Jahren zu den solidarischen Kliniken. In dieser Zeit hat er mehrere Forschungsreisen unternommen und war insgesamt mehr als ein halbes Jahr in Griechenland. Er hat die Kliniken und Apotheken besucht, mit den Freiwilligen gesprochen, Behandlungen beigewohnt, die Organisation des Alltags beobachtet. Dort hat er 20 qualitative Interviews und zahlreiche Hintergrundgespräche geführt. Er wollte wissen: Wie sind die Klinken entstanden? Auf welches Problem haben sie reagiert? Und was bedeutet eigentlich Solidarität für sie? 

bento: Welche Aufgaben übernehmen die solidarischen Kliniken? 

Mirko: Die Kliniken übernehmen die Erstversorgung, das heißt, sie untersuchen die Patientinnen und Patienten und schicken sie zu den entsprechenden Ärzten. Es gibt dort aber auch Zahnärzte und Psychologen. Operationen werden aber zum Beispiel nicht durchgeführt.

Aktuell halte ich persönlich die kostenlose Ausgabe von Medikamenten für ihre wichtigste Aufgabe. Sogar Versicherte können sich Medikamente häufig nicht leisten, weil in Griechenland der Eigenanteil so hoch und die wirtschaftliche Krise weiterhin massiv ist.

bento: Sind diese Kliniken überhaupt legal?

Mirko: Die Initiativen haben keine rechtlich abgesicherten Status, aber alle wussten und wissen, dass es passiert. Auch die Politik. Aber da sich das Land in einer absoluten Notlage befand, vor allem zu Zeiten der Krise, wurde darüber hinweggesehen. Der Solidaritätsbewegung war dabei immer bewusst: Wenn wir es nicht tun, tut es niemand – und dann werden Menschen sterben

bento: Wer sind die Menschen, die die Kliniken tragen?

Mirko: Zu den Helferinnen zählen Ärztinnen, Pfleger, Apothekerinnen, viele Rentnerinnen und Rentner, die sich engagieren wollen, und beispielsweise beim Sortieren der Medikamente helfen oder am Empfang sitzen. Alle arbeiten komplett unentgeltlich. Getragen wird das System tatsächlich nur über Spenden und die Arbeitskraft der Aktiven.

Wie ist das solidarische Gesundheitssystem organisiert?

Die ersten solidarischen Kliniken und Apotheken entstanden im Jahr 2011, 2015 gab es landesweit etwa 50 solcher Einrichtungen. Zur Hochzeit der Krise arbeiteten dort insgesamt mehrere 1000 Menschen. Die Kliniken sind unabhängig und lokal verankert, seit 2013 allerdings in einem Dachverband organisiert und damit landesweit vernetzt. Über dieses Netzwerk werden beispielsweise Medikamente ausgetauscht, wenn es dafür Bedarf gibt. 

Die Kliniken des Dachverbandes haben eine gemeinsame Charta unterschrieben: Sie verpflichten sich dazu, keinen Unterschied zu machen zwischen Menschen mit griechischer Staatsbürgerschaft, Geflüchteten oder Migrantinnen und Migranten – Gesundheitsversorgung muss für alle Menschen gewährleistet sein. 

bento: Wie muss man sich so eine solidarische Klinik vorstellen?

Mirko: Die größte Klinik liegt beispielsweise im Athener Stadtteil Elliniko auf einem alten Flughafengelände. Das ist ein einstöckiges Haus, etwa 400 Quadratmeter groß, mit einem großen Parkplatz davor. Es gibt einen Eingangsbereich mit einem Empfang und einem Wartezimmer. Neben den Behandlungsräumen gibt es auch einen Teil, der zu einer Apotheke umgewandelt wurde, in der die Medikamente aufbewahrt werden. Es sieht schon wie eine normale Arztpraxis aus. 

In kleineren Städten ist das natürlich anders, dort gibt es oft nur einen Behandlungsraum und ein sehr kleines Wartezimmer. Die meisten Kliniken befinden sich in Räumen, die von den Gemeinden vor Ort gestellt werden. 

bento: Wie schaffen es Menschen, die ja auch noch Erwerbsjobs haben, ein so komplexes System aus Kliniken und Apotheken aufrechtzuerhalten? 

Mirko: Ich finde das wahnsinnig beeindruckend:

„Ich habe mit Ärztinnen und Ärzten gesprochen, die einen Vollzeitjob in einem staatlichen Krankenhaus haben, und nach Feierabend in die solidarischen Kliniken fahren.“

Die Kliniken orientieren sich immer auch am Bedarf. Zu den Hochzeiten der Krise hatten viele Kliniken – Elliniko beispielsweise – sechs Tage die Woche geöffnet, inzwischen nur noch zwei bis drei Tage die Woche. 2016 wurde vom linken Regierungsbündnis Syriza ein Gesetz verabschiedet, das einen Rechtsanspruch auf Gesundheitsversorgung wieder eingeführt hat. Theoretisch haben alle – bis auf Menschen ohne Aufenthaltsstatus – einen Anspruch auf eine grundlegende medizinische Versorgung. In der Realität ist das aber nach wie vor nicht immer gewährleistet, denn die Mängel im Gesundheitssystem bestehen ja nach wie vor. Außerdem deckt das Gesetz etwa Zahnarztkosten oder psychologische Behandlungen nicht ab. Aber die solidarischen Kliniken wurden dadurch immerhin ein wenig entlastet.

bento: Mussten an den solidarischen Kliniken auch schon Coronafälle behandelt werden? 

Mirko: Nein, das bisher nicht. Griechenland hat sehr schnell sehr strikte Maßnahmen verhängt, darunter eine Ausgangssperre und die Schließung der Grenzen. Die Bevölkerung weiß um den Zustand ihres Gesundheitswesens, darum wurden die Maßnahmen auch unterstützt. 

„Niemand möchte sich hier anstecken und im Zweifel in einem der kaputtgesparten Krankenhäuser landen.“

bento: Was kommt auf die Kliniken in Zeiten von Corona noch zu?

Mirko: Vermutlich werden die Kliniken mit der Coronakrise wieder wichtiger werden. Nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern vor allem, weil die Arbeitslosigkeit ansteigen wird. Aufgrund der hohen Eigenbeteiligung werden sich noch mehr Menschen eine adäquate Gesundheitsversorgung nicht leisten können. 

Es ist außerdem zu erwarten, dass es in Krisen einen Anstieg an Krankheiten gibt, weil Menschen sich oft nicht mehr ausgewogen ernähren können, da sie ökonomisch schlechter gestellt sind. Und auch psychische Erkrankungen können zunehmen.

bento: Können wir etwas von diesen Kliniken lernen?

Mirko: In Bezug auf die Ideale der Kliniken können wir auf jeden Fall etwas lernen: Gesundheitsversorgung wird dort inklusiv und solidarisch organisiert, es wird kein Unterschied nach Staatsbürgerschaft oder Erwerbstätigkeit gemacht. Dem gegenüber steht die Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. Aber natürlich sollte eine gute Gesundheitsversorgung – einschließlich guter Beschäftigungsbedingungen für Ärztinnen und Pflegepersonal – vom Staat gewährleistet werden und nicht selbstorganisiert sein müssen. 

bento: Ist abzusehen, dass die solidarischen Kliniken in Griechenland irgendwann wieder überflüssig werden? 

Mirko: Momentan sieht es nicht danach aus. Dabei wollen die Kliniken den Staat auf keinen Fall ersetzen. Ziel ist es, das Menschenrecht auf Gesundheitsversorgung in das staatliche System zu überführen. Die Kliniken arbeiten permanent an ihrer eigenen Abschaffung. Viele derer, mit denen ich gesprochen habe, sagen: "Wir dürften und wir wollen nicht existieren, aber wir müssen."


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