Ein Gespräch mit einem jungen Einheimischen

Im Jahr 2015 wollte Alex Avagianos noch helfen. Der 30-Jährige lebt in der Hafenstadt Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos. Und diese verwandelte sich 2015 innerhalb kürzester Zeit in ein Auffanglager für Geflüchtete:  

Mehr als eine Millionen Fliehende kamen im Jahr 2015 nach Europa (EU-Parlament). Jeder fünfte von ihnen erreichte als erstes Lesbos (Pro Asyl). Im besten Fall wurden die Menschen zeitnah aufs europäische Festland gebracht. Im schlimmsten Fall verharrten sie Monate oder sogar Jahre auf der Insel (Pro Asyl). Heute, fünf Jahre später, leben knapp 20.000 Geflüchtete in und um Moria – und knapp 40.000 Einwohner in Mytilini.

Mit der Hilfsorganisation Oxfam verteilte Alex 2015 noch die sogenannten NFI, "non food items", an die Neuen auf der Insel: Schlafsäcke, Luftmatrazen, Thermojacken. Außerdem meldete er sich als Freiwilliger, um für die Campbewohner Essen zuzubereiten. Das macht er schon lange nicht mehr. Denn Alex ist frustriert: 

Alex Avagianos, 30 Jahre alt, lebt in Mytilini

(Bild: Aggelos Barai)

Das Lager wird von einer Zeltstadt umringt. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Die Situation auf der Insel ist seit Jahren angespannt, für die Geflüchteten, aber auch für die Einheimischen. Am Mittwoch wurde auf den griechischen Inseln Lesbos, Chios und Samos zum Generalstreik aufgerufen: Behörden, Verbände und fast alle Geschäfte blieben geschlossen. (Zeit Online

Tausende Menschen gingen in Mytilini auf die Straße. Sie protestieren gegen die überfüllten Flüchtlingscamps. 

„Wir wollen unsere Insel zurück! Wir wollen unser Leben zurück!“
Protestrufe bei Demonstrationen in Mytilini, Lesbos

Alex selbst ist mittlerweile studierter Ingenieur – und arbeitslos. Er lebt immer noch in Mytilini, nach seinem Studium hat er die Stadt immer nur kurz verlassen, für befristete Jobs, für eine Weiterbildung.

bento: Alex, was meinen die Menschen in Mytilini, wenn sie rufen: "Wir wollen unsere Insel zurück! Wir wollen unser Leben zurück!"?

Alex Avagianos: Die Menschen hier sind überfordert. Es geht ihnen nicht gut, die Wirtschaftskrise hat Griechenland hart getroffen. Uns alle hier. Sie sehen, dass die Flüchtlinge vom Staat Sozialhilfen bekommen. Das macht viele wütend. 

bento: Hast du auch mitgestreikt?

Alex: Nein, ich habe den Streik nur im Fernsehen gesehen. Es war ein friedlicher Protest, aber er wird von den Rechten instrumentalisiert. Da wollte ich nicht dabei sein. Ich kann die Menschen aber verstehen, die hingehen.

(Bild: Aggelos Barai)

Nach Berichten der deutschen Presseagentur hat die Regierung in Athen beschlossen, das Migrantenlager von Moria auf der Insel Lesbos sowie vier andere Lager auf den Inseln Chios, Samos, Leros und Kos bis zum Sommer 2020 zu schließen. Die Lager sollen von Abschiebezentren ersetzt werden, die als geschlossene Anstalten organisiert werden - also einer Art Flüchtlingsgefängnis. Wer keine Aussicht auf Asyl hat, soll in die Türkei abgeschoben werden. 

bento: Wie ist das Zusammenleben von Geflüchteten und den Einheimischen in Mytilini bisher?

Alex: Die Geflüchteten sind einfach da. Sie sitzen auf den Bänken, gehen in die Supermärkte, laufen durch die Straßen. Viele alleine, manche sind in Familien unterwegs. Im Sommer gehen sie im Meer schwimmen. Aber es gibt keinen Austausch. Man redet nicht miteinander. Die Griechen hier sind wütend auf die Flüchtlinge. Es geht ihnen selbst nicht gut und sie übertragen diesen Ärger. Warum ist Geld für andere da, aber für uns nicht? An Tagen, an denen die Geflüchteten ihre Sozialhilfe bekommen, stehen so viele an den Geldautomaten an, dass kaum jemand anderes Geld abheben kann. Viele Einheimische sagen, sie fühlen sich nicht mehr sicher, weil so viele Geflüchtete in der Stadt sind. Sie gehen nachts nicht mehr alleine auf die Straße.

bento: Kommt es zu Konfrontationen?

Alex: Bisher nicht. Aber ich bin mir sicher, dass das passieren wird, wenn es so weitergeht. Man hört, dass die Krankenhäuser überlastet sind. Es gibt Berichte von Drogenhandel und Prostitution in dem Camp. Die Leute dort versuchen, zu überleben.

Hilfsorganisationen und Geflohene erzählen von untragbaren Zuständen im Lager, von Zwangsprostitution, Vergewaltigungen und Drogenhandel (TagesspiegelHandelsblatt / DER SPIEGEL)

bento: Das Flüchtlingslager Moria ist nur wenige Kilometer von Mytilini entfernt. Wann warst du das letzte Mal dort?

Alex: Ich war schon lange nicht mehr dort. Man kommt nicht mehr einfach so in das Lager. Ich bin aber mal mit dem Auto vorbeigefahren, es sieht aus wie in einer Favela.

Die Geflüchteten-Zeltstadt in und um das Dorf Moria

(Bild: imago/Michael Bunel)

bento: Was meinst du damit?

Alex: Die Menschen fangen an, sich selbst zu organisieren. Die Leute schließen sich zusammen, formen Clans. Es gibt viel Gewalt unter den Geflüchteten. Die Situation ist sehr angespannt. Ihnen fehlen grundlegende Dinge wie Elektrizität, sie können nicht heizen. 

Das Ausharren in den Lagern ist für viele lebensbedrohlich. Am Donnerstag berichtete die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", dass mindestens 140 Kindern im Lager Moria die notwendige medizinische Versorgung verwährt werde. Die Kinder seien von Ärzten der Organisation untersucht worden, die Regierung weigere sich aber, eine schnelle Lösung zu finden, um die Kinder aufs Festland zu transportieren und zu versorgen. "Im Juli 2019 hat die griechische Regierung Asylsuchenden sowie Personen ohne Papiere, die in Griechenland ankommen, den Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung entzogen. Heute betrifft das mehr als 55.000 Menschen." Das schreibt die Organisation in einer Pressemitteilung. 

bento: Wie geht es dir mit der Situation auf der Insel?

Alex: Ich habe nichts gegen die Geflüchteten. Aber ich habe auch schon lange nicht mehr geholfen. Vor einigen Jahren, als so viele kamen, wollte ich helfen. Inzwischen bin ich ausgebrannt, vor allem von meiner eigenen Situation. Ich habe drei Universitätsabschlüsse und bin arbeitslos. Ich weiß, dass es den Geflüchteten noch schlechter geht als mir. Aber ich bin auch sehr frustriert. 

bento: Was hoffst du für die Zukunft? 

Alex: Wie es mit den Geflüchteten auf der Insel weitergehen soll, weiß ich wirklich nicht. Und ansonsten hoffe ich einfach, dass die wirtschaftliche Situation besser wird. Dass die Krise endlich endet. 


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