Bild: Marios Lolos/XinHua/dpa
Was der Rückzug vieler Freiwilliger für das Lager Moria bedeutet.

Als ihr Auto am Sonntag in eine Menschenmenge geriet, als die Leute mit Metallstangen auf den Wagen einschlugen, ein Seitenfenster zertrümmerten und versuchten, sie herauszuzerren, fühlte sie sich einfach nur hilflos, erzählt Verena Röck.

Verena ist 24 und Helferin der NGO "Eurorelief". Gemeinsam mit 60 bis 70 anderen Freiwilligen der Organisation hat sie sich um Neuankömmlinge im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos gekümmert, hat unter anderem versucht, dafür zu sorgen, dass zumindest die Familien mit Kleinkindern einen halbwegs menschenwürdigen Ort zum Schlafen haben. 

Nur wenige Kilometer trennen die griechischen Insel Lesbos vom türkischen Festland. Seit Jahresbeginn kommen jeden Tag mehr als 100 Migrantinnen und Migranten auf Lesbos und anderen griechischen Inseln in der Ägäis an – in den vergangenen Tagen auch mehr. Um die kritische Situation auf der Insel ein wenig zu entlasten, werden die Neuankömmlinge mittlerweile direkt ans Festland gebracht – und zum Zwecke der Ausweisung festgehalten. (SPIEGEL)

Mehr als 400 Organisationen soll es in Griechenland geben, die sich um Geflohene kümmern (AlJazeera), vor einigen Jahren zählte der "Guardian" mehr als 80 auf der Insel Lesbos allein (Guardian). Viele von ihnen füllen die Lücken, die die griechischen Behörden in der Versorgung offenlassen – auch, weil Griechenland seit Jahren um mehr Unterstützung aus dem Rest Europas fordert. 

Verena bei ihrer Arbeit im Camp Moria.

(Bild: privat)

Sie helfen bei der Ankunft und der ärztlichen Versorgung, sie lenken Kinder von dem Schrecken um sie herum ab und verteilen Nahrungsmittel, in vielen Fällen sichern sie das blanke Überleben. 

"Die Bedürfnisse der Geflohenen in den Camps werden von unterschiedlichen humanitären Organisationen gedeckt", sagt Nikolaos Panagiotopoulos, der bei der NGO "International Rescue Committee" für die griechischen Inseln zuständig ist.  Ein Einheimischer, der lieber anonym bleiben möchte, weil er nicht als Nestbeschmutzer angesehen werden will, sagt es weniger diplomatisch: "Die griechischen Behörden sind im Camp in keinster Weise an der Organisation beteiligt." Es seien allein die NGOs, die sich in Moria und in den anderen Camps um die Geflüchteten kümmerten.

Trotzdem sind längst nicht alle griechischen Bewohner der Inseln Fans der NGO-Mitarbeiter, sie halten die Arbeit für unkoordiniert, werfen ihnen mangelnde Absprachen mit den Behörden vor und wollen vor allem verhindern, dass ihre Insel endgültig zu einem großen Flüchtlingslager wird (Guardian). Als dann die Türkei vergangenen Samstag die Grenzen öffnete, die ersten Nachrichten von potentiell Tausenden Neuankömmligen die Runde machte – da eskalierte die Situation: Reporter und Helfer wurden angegriffen, Flüchtlinge auf Booten wurden ins Wasser zurückgedrängt, ein Kleinkind ertrank vor der Küste. (SPIEGEL

Seither haben viele Organisationen ihre Helfer komplett abgezogen, andere Freiwillige harren – wie Verena – in ihren Wohnungen aus und trauen sich kaum, sie zu verlassen. Und in den Camps wird die Lage dadurch noch schlimmer. 

Als "Schande" hatte der Uno-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi Flüchtlingslager wie Moria schon vorher bezeichnet, als den Ort, an dem sich das Versagen der EU aufs grausamste offenbart. (SPIEGEL)

Mehr als 20.000 Menschen leben hier zwischen den Hügeln in Zelten und notdürftig zusammengezimmerten Verschlägen, ausgelegt ist das Camp eigentlich für gerade einmal 3000 Geflüchtete. Sie alle sind angewiesen auf die Hilfe der Freiwilligen.

Asema im Flüchtlingscamp Moria

(Bild: Aggelos Barai)

Asema, 18, ist aus Kamerun geflüchtet und lebt seit sieben Monaten in Moria. Helfer von den NGOs, die hier normalerweise warme Duschen anbieten, ärztliche Hilfe leisten oder Müll beseitigen, habe er seit Sonntag nicht mehr gesehen, erzählt er am Telefon. Sein eigener gesundheitlicher Zustand ist schlecht, sagt er, er habe Probleme beim Atmen. Wirklich helfen habe man ihm auch zuvor nicht können. Vor wenigen Wochen sei ihm schwarz vor Augen geworden, sagt er, und er habe kurz das Bewusstsein verloren, weshalb er in ein Krankenhaus kam. Was, wenn er jetzt einen medizinischen Notfall hat? Das griechische Militär betreibt zwar im Camp noch eine Klinik, für die Bedürfnisse der Camp-Bewohner reicht diese allerdings bei weitem nicht, sagen NGO-Mitarbeitende.

Medizinische Betreuung durch Freiwillige gibt es unter anderem im "One Happy Family Center", einem Gemeinschaftszentrum für die Geflüchteten auf der Insel. 1000 Migrantinnen und Migranten kommen normalerweise jeden Tag hierher, es gibt Essen und etwas Abwechslung zum tristen Alltag in Moria. Doch das Zentrum ist bereits seit einer Woche geschlossen, als es zu den ersten Auseinandersetzungen mit der Lokalbevölkerung kam.

Die Organisation "Medical Volunteers International" arbeitete bis vor kurzem mit zehn Freiwilligen von dem Gemeindezentrum aus. Am Mittwoch und Donnerstag konnten sie zumindest noch in Notfällen tätig werden, ab Freitag mussten auch sie ihren Dienst komplett einstellen, berichtet Jemima Kate Wilson. Sie hat Lesbos mittlerweile verlassen. Den Flug hatte sie ohnehin gebucht gehabt, doch auch die meisten anderen Freiwilligen ihrer Organisation seien inzwischen aus Sicherheitsgründen nicht mehr vor Ort, berichtet sie. 

Wann die Freiwilligen ihre normale Arbeit wieder aufnehmen können, ist derzeit noch völlig unklar. Zwar gibt es einerseits Stimmen, die sagen, dass sich die Lage etwas beruhigt habe – gleichzeitig gibt es Berichte von neuen Straßensperren. Verena von "Eurorelief" berichtet Mitte der Woche, dass mittlerweile zumindest ein paar Freiwillige wieder in Moria seien. 

Sie, die mit ihren Kollegen dem Mob mit den Eisenstangen entkam, ist allerdings noch nicht zurückgekehrt.  Verena ist noch immer verblüfft über die Dynamik in der Menschenmenge: "Es waren Griechen, die uns angegriffen haben, aber es waren auch Griechen die uns geholfen haben zu entkommen." Ihnen gelang die Flucht körperlich unbeschadet. Aber die Szene hinterlässt einen Nachgeschmack.

Die Sonntagnacht nach dem Übergriff verbrachten Verena und ihre Kollegen bei einem weiteren Mitarbeiter ihrer NGO, erst am Montag konnte sie in ihr Apartment zurückkehren. Sie habe es seitdem kaum verlassen. 


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