Warum die Klimaaktivistin zwar nicht den Nobelpreis verdient hat – diese Würdigung aber schon. Ein Kommentar

Greta Thunberg wurde vom US-Magazin "Time" zur "Person des Jahres" gewählt (SPIEGEL). Am Mittwoch veröffentliche das Magazin seinen neuen Titel – die Klimaaktivistin und Mitgründerin von "Fridays for Future" steht darin mit offenem Haar an der portugiesischen Küste. 

Das "Time"-Magazin kürt jährlich Anfang Dezember Persönlichkeiten, die das vergangene Jahr in besonderem Maße geprägt haben. Angela Merkel trug den Titel in der Vergangenheit bereits ebenso wie US-Präsident Donald Trump. Meist sind es führende Politikerinnen und Politiker oder Wirtschaftsgrößen. Nun ist es ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden, die jüngste Person, die je diese Auszeichnung bekam (Time).

Greta Thunberg ist wegen ihres Engagements für den Klimaschutz stark umstritten – und gerade deshalb ist die Auszeichnung als "Person of the Year" eine gute Entscheidung.

Die Auszeichnung würdigt Beharrlichkeit. Im August 2018 hörte Greta Thunberg auf, freitags zur Schule zu gehen. Stattdessen setzte sie sich allwöchentlich mit einem Protestschild vor das schwedische Parlament in Stockholm. Sie forderte die Abgeordneten auf, endlich die im Pariser Klimaabkommen festgeschriebenen Ziele zum Klimaschutz umzusetzen. 

Ihr Protest fand langsam Unterstützer und Nachahmer. Nach einigen Wochen setzen sich andere Schülerinnen und Schüler dazu, nach einigen Monaten formten sich auch in anderen Ländern Klimabewegungen – "Fridays for Future" war geboren und Greta Thunberg zur Ikone einer globalen Jugendbewegung erkoren. 

Doch mit der Bekanntheit kam auch der Ärger. Nicht nur Leugner der globalen Erderhitzung verunglimpfen die Aktivistin, sondern auch viele, die sich durch den Thunbergschen Aktivismus in ihrer eigenen Bequemlichkeit provoziert fühlen: Vor allem ältere Männer – ziehen über die junge Schwedin her. 

Im Netz sieht sich Greta Thunberg großem Hass ausgesetzt. Trolle und Gegner schicken ihr Beleidigungen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Die Aktivistin muss sich Witze über ihr Äußeres und ihr Asperger-Syndrom anhören, führende Politiker verunglimpfen sie. Trump twittert gegen sie an, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro schimpft sie eine "Gör" (Welt).

Um das noch mal zu betonen: Erwachsene, mächtige Männer ziehen über eine 16-Jährige her, weil sie wissenschaftliche Fakten über unseren Umgang mit der Erde ausspricht.

Die "Time" stellt sich mit ihrer Auszeichnung an Greta Thunbergs Seite. Und setzt damit ein Zeichen gegen den Hass. Quasi dem Motto: 

„Ihr macht sie klein? Dann machen wir sie groß!“

Das Titelbild soll zeigen, dass sie nicht nur die umstrittenste und umtriebigste Person des Jahres ist, sondern an diesem Jahr der Anfeindungen, Herausforderungen und Proteste nicht zerbrochen, sondern gewachsen ist.

Vor zwei Monaten erst gab es eine Debatte, ob Thunberg den Friedensnobelpreis bekommen soll. Ich argumentierte an dieser Stelle, dass sie die Falsche für den Preis ist: Zwar ist ihr Anliegen wichtig, aber ein geleistester Friedensbeitrag ist der Klimaprotest noch nicht. 

Greta Thunberg hat den Preis nicht bekommen und ich bin immer noch der Meinung, dass er ihr auch nicht zugestanden hätte. Gleichwohl finde ich, dass "Person of the Year" nun sehr gut passt. Der Titel würdigt weniger Geleistetes, er steht mehr für Ikonisches. Und Ikonen braucht es, um Menschen zu bewegen. 

Dass wir heute Debatten über Benzinpreise und "Flugscham" führen, dass Regierungen in aller Welt tatsächlich Klimapakete neu verhandeln, liegt auch daran, dass immer wieder Millionen Jugendliche in aller Welt auf die Straße gehen. Und dass sie es tun, liegt allein an Greta Thunberg. Die Aktivistin sammelt den Hass der Gestrigen ein, hält ihr Gesicht hin, ist Blitzableiter für eine ganze Bewegung. An die Demonstratinnen und Demonstranten selbst gibt sie die Energie weiter, immer wieder Politikerinnen und Politiker zu nerven: Handelt! Macht mehr als bisher!

"The Power of Youth", unterschreibt "Time" seine Titelgeschichte, die Kraft der Jugend. Im zugehörigen Artikel kommen mehrere Klimaaktivistinnen zu Wort, die sich durch Greta Thunberg inspiriert fühlten und nun ebenfalls für Nachhaltigkeit und Klimaschutz kämpfen. Im letzten Absatz des Porträts steht Greta Thunberg vor Demonstrierenden am Rande der Klimakonferenz in Madrid, "ein Meer junger Menschen aus aller Welt", schreiben die "Time"-Autoren, "bereit zum Aufstand".

Das Magazin macht klar, dass zwar eine Person das Jahr 2019 geprägt hat, aber eine ganze Generation ihrem Vorbild folgen wird. 


Gerechtigkeit

Mohammeds Familie ist angeblich ein "Clan" – so wehrt er sich dagegen
Mohammed will den Begriff "Familien-Clan" aus der politischen Debatte verbannen – aber wie? Ein Spaziergang durch Neukölln

Mohammeds Familie gehört zu den "berüchtigsten Clans in Deutschland" – wenn man der Bild glaubt, rangiert sie auf Platz drei, gleich nach Familie Abou Chaker und den Remmos. (BILD)

Mohammeds Brüder sind: ein Anwalt und ein Übersetzer. Seine Schwester steht kurz vor dem Bachelor und er ist 25, studiert Sozialwissenschaften – und setzt sich als Aktivist gegen den Begriff Clan ein. Denn Mohammed sagt, er kenne keine Kriminellen, mit denen er verwand sei. Deshalb macht ihn das Wort wütend. Es sei "Sippenhaft", wenn jemand nur wegen seines Familiennamens verurteilt würde, und es sei Rassismus, wenn kriminelle Familien nur Clan genannt würden, wenn sie aus dem arabischen Raum stammen. 

Weil Mohammed in Neukölln aufgewachsen ist und weil es ein Zentrum der "Clankriminalität" sein soll, treffen wir uns hier zu einem Spaziergang. Los geht es vor dem Neuköllner Rathaus. Es ist schon dunkel, in den Bäumen hängt spärliche Weihnachtsbeleuchtung.

Warum wollte er sich hier treffen? Weil da Martin Hikel sitzt, sagt Mohammed und lacht. Hikel, 32, ist der Bezirksbürgermeister von Neukölln und hat sich mit seiner Strenge gegen die Clans einen Namen gemacht. Das Fernsehmagazin Frontal21 nannte das einen der härtesten Jobs Deutschlands.

Wir schlendern los, vorbei an einem kleinen Afroshop und Schawarmaläden in Richtung der Sonnenallee. Mohammed spricht laut und eloquent, macht ausladende Gesten, immer wieder drehen sich Menschen nach uns um. Er müsse so auftreten um möglichst schnell gegen das Bild des kriminellen Mohammed aus Neukölln zu arbeiten, erklärt er.