Bild: Oliver Berg/dpa
Auch wenn sie es verdient hätte, wäre die Auszeichnung falsch.

Vor 27 Jahren haben sich in Rio erstmals die Staaten der Welt getroffen, um gemeinsame Ziele im Klimaschutz zu diskutieren. Kurz darauf vereinbarten die Nationen jährliche Klimakonferenzen – mit dem Ziel, die Emission von Treibhausgasen global zu verringern.

Passiert ist bisher: nahezu nichts. 

Vor etwas mehr als einem Jahr hat in Stockholm eine Schülerin aufgehört, freitags zur Schule zu gehen. Stattdessen setzte sie sich allwöchentlich mit einem Protestschild vor das schwedische Parlament. 

Passiert ist seither: eine Menge.

Greta Thunberg, die Schülerin aus Schweden, ist zur Ikone einer globalen Jugendbewegung geworden. Ihr "Skolstrejk för klimatet" – der Schulstreik fürs Klima – hat Millionen junge Leute inspiriert, es ihr gleichzutun. Seither gehen sie bei "Fridays for Future" auf die Straße und fordern von den Politikerinnnen und Politikern ihrer Länder: Setzt endlich um, was ihr in Klimakonferenzen jedes Jahr aufs neue vereinbart! 

Nun gilt Greta Thunberg als Favoritin für den Friedensnobelpreis – doch die Auszeichnung würde allem widersprechen, wofür ihr Engagement steht.

Klar, Greta Thunberg hat die Welt aufgerüttelt und auf die drohende Klimakrise hingewiesen. Die Erde erhitzt sich, der Meeresspiegel steigt. Die Emissionen gehen nicht zurück, trotz aller politischer Versprechen. Zuletzt ist der CO2-Ausstoß 2018 im Vergleich zum Vorjahr um weitere 1,7 Prozent angestiegen, der größte Sprung seit 2013 (Reuters). 

Tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit dem Klima beschäftigen, warnen daher seit Jahren: 

„Die Art, wie wir Menschen leben, trägt maßgeblich zur Erderhitzung bei. Wenn wir nichts ändern, droht die Klimakatastrophe.“

Gehört wurden sie kaum. Nun verschafft Greta Thunberg ihnen Gehör. Kein Zweifel, genau für diese Leistung wäre der Friedensnobelpreis mehr als verdient. 

Stifter Alfred Nobel wünschte in seinem Testament, dass er an jene oder jenen vergeben wird, die oder der "im vergangenen Jahr am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat."

Dan Smith, Direktor des Internationalen Instituts für Friedensforschung in Stockholm, hält das für gegeben: "Fridays for Future" vergleicht er mit der globalen Friedensbewegung der Achtzigerjahre, ihr Kampf fürs Klima würde die "Idee der gesellschaftlichen Gerechtigkeit und Fairness zwischen Ländern" befeuern. (Forum ZFD)

Auch Greta Thunberg selbst betont immer wieder, worum es ihr mit den Warnungen geht: um Menschen, die schon heute unter immer extremeren Wetterphänomenen und immer drückenderer Hitze leiden müssen. Sie selbst sei noch eine von den "Glücklichen", sagte sie bei ihrer Rede vor der Uno. Aber Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Regionen auf, die schon bald unbewohnbar werden. Für sie einzustehen, ihre Not abzuwenden – das ist genau das, was im Sinne des Friedensnobelpreises ist.

Doch auch wenn sie mittlerweile um die halbe Welt reist, um vor dem Klimawandel zu warnen – bei Greta Thunberg geht es nicht um die Person, sondern um die Sache.

Sie selbst sagt das immer wieder deutlich, vor allem, wenn sich Kritiker direkt an ihr abarbeiten. 

  • Bereits im März sagte Greta Thunberg der "Deutschen Welle": "Es geht hier nicht um mich ... es geht um die Klimakrise!"
  • Und erst im September betonte sie noch mal auf Facebook: "Ich verstehe wirklich nicht, wieso Erwachsene ihre Zeit lieber damit verbringen, Kinder und Jugendliche zu bedrohen und zu verunglimpfen, die die Wissenschaft fördern – anstatt sich für etwas Gutes einzusetzen."

Die Fraktion der Klimawandelleugner und Bequemen tun die Mahnungen, die von "Fridays for Future" kommen, regelmäßig als "Greta-Kult" ab. Da scharen sich "Jünger" um Greta und ihre Worte, als sei sie die Anführerin einer neuen Sekte. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zur Glaubenssache umgedeutet, das befreit davon, selbst handeln zu müssen. 

Nun soll es auch eine der höchsten gesellschaftspolitischen Auszeichnungen dafür geben? Unerhört! Ein Nobelpreis für Greta Thunberg würde also – auch wenn das eigentlich kein Argument sein darf – weniger ihrem Anliegen nützen als vielmehr ihren Kritikern. 

Denn noch ist ja auch nicht genug erreicht: Im Weißen Haus sitzt einer, der den Unterschied zwischen Wetter und Klima nicht kennt (bento). Und in Berlin hat die Regierung ihr Klimapaket in letzter Minute zu einem Klimapäckchen herabgestuft – obwohl die Mehrheit der Deutschen strengere Maßnahmen beim Klimaschutz fordert (ZDF).

Wenn es darum geht, das Engagement beim Klimaschutz würdigen zu wollen, dann müsste der Friedensnobelpreis an "Fridays for Future" als gesamte Bewegung gehen.

Das wäre nicht nur im Sinne von Greta Thunberg. Es wäre Anerkennung und Ansporn zugleich für all die Millionen Kinder und Jugendlichen, die auch weiterhin jeden Freitag für ihre Zukunft auf die Straße gehen.


Gerechtigkeit

"Dass es im Osten passiert, überrascht mich nicht": Was junge Juden über den Angriff in Halle denken

Als der Attentäter von Halle am Mittwochmittag aus seinem Auto stieg, um zu morden, parkte er nicht irgendwo. An Jom Kippur, dem wichtigsten jüdischen Feiertag, stieg er direkt vor einer Synagoge aus. Stephan Balliet wollte das Gotteshaus stürmen. Der Angriff auf die Gläubigen scheiterte, Balliet tötete eine Passantin und einen Mann in einem Dönerimbiss, mehrere weitere Menschen verletzte er. 

Eine antisemitische Tat bleibt es dennoch. "Er hat sich den Anschlagsort und den Tag ja ganz bewusst ausgesucht", sagte der Extremismusexperte Matthias Quent dem SPIEGEL, "das spricht dafür, dass die antisemitische Position im Vordergrund stand." Auch ein im Internet kursierendes Manifest, das Ermittler nach ersten Erkenntnissen für authentisch halten, stützt diese Annahme: Darin erklärt der Täter, so viele "Nichtweiße wie möglich" töten zu wollen, "Juden bevorzugt".

Der antisemitische Angriff geschah in Halle. Was macht das mit jungen Jüdinnen und Juden in Ostdeutschland?

Chaim*, 27 Jahre, Student aus Leipzig