Bild: Steffen Trumpf/dpa
Greta Thunberg, Rezo und Megan Rapinoe haben etwas gemeinsam

Sie will retten, nicht reden. Wenn Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg Ende August mit einer Segel-Jacht emmissionsarm in die USA reist, will sie dort beim Uno-Klimagipfel viele Menschen treffen, nur einen nicht: US-Präsident Donald Trump. "Wenn er nicht bereit ist, der Wissenschaft und Experten zuzuhören, wie soll ich ihn dann überzeugen? Wie soll irgendjemandem von unserer Bewegung das gelingen?", sagte die 16-Jährige im Schweizer Fernsehen auf die Frage, was sie dem Präsidenten sagen würde. (SPIEGEL)

Die "Fridays for Future"-Aktivistin ist nicht die Einzige, die in jüngster Zeit Trump das Gespräch verweigert hat. In El Paso, wo vergangene Woche ein junger weißer US-Amerikaner 22 Menschen erschoss, protestierten bei 40 Grad Celsius zahlreiche Menschen gegen den Beileids-Besuch des US-Präsidenten. Der kam vorsorglich erst gar nicht an die Gedenkstelle mit Blumen und Plakaten sondern umfuhr den Tatort mit seiner Kolonne. 

Im Umgang mit erklärten Rassisten und Frauenfeinden wie Donald Trump ist Nicht-Reden in den USA inzwischen zu einer beliebten Strategie geworden.

Auch das Fußball-Nationalteam der Frauen hatte nach seinem WM-Erfolg wenig Interesse an einem Auftritt mit dem Präsidenten. Stattdessen hielt Kapitänin Megan Rapinoe in New York eine Rede, in der sie für Respekt für Frauen, die Rechte von LGBTQ und den gesellschaftlichen Zusammenhalt warb. "Wir haben eine Verantwortung füreinander!"

I'm not going to the fucking White House.
Megan Rapinoe

In der Rede kam der US-Präsident mit keinem Wort vor. Dafür wurde sie weltweit gefeiert und es sah so aus, als wäre Rapinoe bereits selbst Staatschefin. Ihre ironische Reaktion: "Sorry, ich hab keine Zeit dafür!"

Auch in Deutschland hat der Nicht-Dialog mit den Mächtigen inzwischen prominente Unterstützer. 

Als CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak einige Tage und Anschuldigungen nach dem Rezo-Video plötzlich das Gespräch suchte, ließ ihn der 26-Jährige auflaufen. Bis heute haben sich der konservative Politiker und der erfolgreiche YouTuber nicht getroffen. 

Stattdessen veröffentlichte Rezo einen Tag nach dem Gesprächsangebot mit mehr als 90 YouTuberinnen und YouTubern eine weiteres Botschaft gegen Ziemiaks Partei, die bis heute mehr als vier Millionen Mal gesehen wurde. (bento) Zwei Tage später stürzte die CDU bei der Europawahl auf 22,6 Prozent ab, von den Erstwählerinnen und Erstwählern stimmten sogar nur noch elf Prozent für die Union (bento).

Der "Rezo-Effekt" gilt seitdem als Symbol dafür, wie junge Menschen auch ohne offizielle Funktionen oder Parteien die Politik beeinflussen können – selbst dann, wenn Politikerinnen und Politiker das nicht verstehen. 

Wenn sich viele Menschen auf eine Botschaft einigen, liegt darin heute oft mehr Macht als je zuvor.

Das zeigen sowohl das All-Star-Video von Rezo als auch der Auftritt von Megan Rapinoe und ihrem Team, das aus weißen Frauen, People of Color, Heteros, Lesben und Bisexuellen bestand und diese Diversität offen und stolz nach außen zeigte. 

Für die US-Autorin Amy Bass sind die Fußballerinnen damit ein "Vorbild für Intersektionalität" – also dem Verbinden verschiedener Eigenschaften, mit denen Menschen diskriminiert werden können, aber die auch trotz unterschiedlicher Erfahrungen zusammenfinden können. 

In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit oft unabhängig von etablierten Strukturen entsteht, lebt jede Botschaft von ihren Unterstützern. Die Verweigerung des Dialogs gegenüber bestimmten Menschen ist deshalb ein Statement.

"Ich habe keinerlei Interesse, meine Plattform mit ihm zu teilen", sagte Megan Rapinoe über den US-Präsidenten. Genau darum geht es beim Nicht-Reden: Sich nicht vereinnahmen zu lassen. 

Auch die Klimaschutz-Bewegung der "Fridays for Future"-Aktivistinnen und Aktivisten verzichtet bewusst darauf, sich auf einzelne Länder zu beschränken oder für persönliche Anliegen einspannen zu lassen. Obwohl die Köpfe der Bewegung dazu vermutlich längst die Macht hätten, verzichten sie bislang darauf, konkrete Vorschläge zu machen. 

Nicht wir sind die Verantwortlichen, lautet die Botschaft, die sie sich Woche für Woche auf die Straße bringen und so in die Medien transportieren. Und: Wenn ihr mit uns reden wollt, handelt zuerst. 

Denn auch das ist das Signal, das von der Dialog-Verweigerung junger Menschen ausgeht: Manchmal gibt es eben auch Gegensätze, die nicht zusammenpassen. 

Es gibt keinen gesunden Kompromiss zwischen konsequentem Klimaschutz und Zweifeln an der Klimakrise. Händeschütteln ist aus dieser Sicht kein Zeichen der Verständigung – sondern eine Frage der Deutungshoheit. Wenn es um Greta Thunberg und Donald Trump geht, dann kann man nur eine Seite wählen. 

Und um ihre Botschaft in die Welt zu bringen, hilft Greta Thunberg deshalb eine Segelreise über den Atlantik vermutlich mehr, als ein Treffen mit Donald Trump. Der Weg ist nicht nur das Ziel, sondern auch die Botschaft.


Gerechtigkeit

Sexismus auf Festivals: Zwischen Plastikpenissen, Grapschern und "Oben-ohne-Zone"

Unser Alltag wird von ungeschriebener Etikette bestimmt: Regelmäßig duschen, gesund essen, nicht mit Fremden quatschen. Aber es gibt einen Ort, wo man sich von alldem frei machen kann: Festivals. Man campt zwei Tage im Schlamm, isst kalte Bockwurst, wäscht die Haare nur mit Trockenshampoo und trinkt warmes Bier mit verschwitzten Fremden – zum Frühstück. Das ist großer Teil des Spaßes.

Für Frauen bringt die ausgelassene Stimmung aber noch weitere Grenzüberschreitungen. Kaum ein Festival kommt ohne sexistische Sprücheklopfer, Grabscher und andere Übergriffe aus. Einer Umfrage britischer Forscher zufolge hat jede dritte Festivalbesucherin in Großbritannien sexuelle Belästigung erlebt. (The Guardian)

In diesem Festivalsommer ging in Deutschland eine Reihe Vorfälle durch die Medien.

Bei "Rock im Park" in Nürnberg gab es Aufregung über mackerhaftes Verhalten. Männergruppen waren mit aufblasbaren Riesenpenissen über das Gelände gezogen. Die Band Drangsal postete ein Foto von Männern in pinkfarbenen Westen mit der Aufschrift "Triebtäter". Die Polizei zählte drei sexuelle Übergriffe. (Nordbayern)

Die Nürnberger Frauenbeauftragte und verschiedene Frauenorganisationen schrieben daraufhin einen offenen Brief an den Veranstalter Argo-Konzerte (Nordbayern). Sie forderten "Sicheres Feiern für Alle!".