Bild: dpa/Andreas Arnold

Sie sitzen an Kaufhäusern, vor Bahnhöfen oder Supermärkten: Obdachlose Menschen, die im Winter Schutz suchen und um etwas Geld betteln. Jetzt, kurz nach Weihnachten, beschäftigt diese sichtbare Armut viele Menschen. Kann man dagegen nicht etwas tun? Ein bisschen Hilfe würden wir ja schon gerne anbieten. Gleichzeitig gruseln sich viele: Versaufen die das nicht einfach alles? 

Hilfe ja, aber bitte für die Dinge, die wir für richtig erachten – so denken offensichtlich viele. Das ist zynisch.

Wozu diese Haltung führen kann, hat vor wenigen Tagen die britische App "Greater Change" gezeigt. Mit ihr sollen sich Spenden an Obdachlose bargeldlos abwickeln lassen. Gleichzeitig sollen die Spenderinnen und Spender ausführlich erfahren, wofür ihr Geld genutzt wird und weshalb die empfangenden Personen es überhaupt benötigen. 

Um bei dem (bislang übrigens sehr kleinen) Projekt mitzumachen, sollen sich die Betroffenen offenbar außerdem einen Barcode um den Hals hängen oder vor den Spendenhut stellen (DLF). Eine zynische, empathielose Vorstellung. 

Mit solchen Ideen wird aus Hilfe in der Not ein Elevator-Pitch auf dem Gehweg. 

Allein das Betteln auf der Straße reicht nicht mehr aus, Hilfsbedürftige sollen jetzt auch gegenüber Fremden ihr Leben offenlegen und uns eine Geschichte erzählen, die berührt und überzeugt.

Doch "Greater Change" ist nicht das einzige Beispiel für fragwürdigen Aktionismus

Wenn es darum geht, Obdachlosen zu helfen, werden offenbar viele Menschen kreativ. 

Es gibt inzwischen zahlreiche Projekte, mit denen A- und B-Prominente, Werbeagenturen oder Vereine Obdachlosen helfen wollen. Weil sie in den meisten Fällen jedoch mit einer gut gemeinten Intention angestoßen wurden, fällt es schwer, sie öffentlich zu kritisieren. Wer will schon etwas dagegen sagen, wenn Menschen anderen helfen? Es muss ja keiner die Hilfe annehmen!

Was viele Aktionen für Obdachlose jedoch vereint: Sie wirken nur sehr lokal und auch eher in einem symbolischen Umfang. Nicht selten sind die Werbekampagnen dafür umso größer. 

Für die "Kiezmarke", mit der in Berlin seit einigen Monaten Gutscheine für "Mustafas Gemüsekebab" und unterschiedliche Burger- und Sandwichläden gekauft werden können, hat die Werbeagentur Dojo eine aufwendige Kampagne mit Stars wie Joko Winterscheid, Wilson Gonzalez Ochsenknecht oder Visa Vie entworfen. 

Es scheint fast, als wären die Existenzängste von Armen nur ein Kreativitätswettbewerb, um immer neue, aufwendige Aktionen zu erfinden. 

Für die Betroffenen, die auf Hilfe angewiesen sind, bleibt in dieser Logik oft nur die Rolle von dankbaren Statisten. Auch wenn es selbstverständlich gut und sinnvoll ist, pfandsammelnde Menschen vor Spritzen und schmutzigen Mülleimern zu schützen, lässt sich so schnell vergessen, dass es eigentlich ein unfassbarer Missstand ist, dass Menschen in einem reichen Land wie Deutschland seit Jahren unverändert Pfandflaschen fürs Überleben sammeln müssen

Über die Ursachen von Obdachlosigkeit und Armut wird nur selten diskutiert, denn das würde vielleicht Fragen aufwerfen, die wir selbst gerne verdrängen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzte 2016, dass 860.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung lebten. Für 2018 rechnete sie mit 1,2 Millionen Wohnungslosen. 

Statt uns für unser gelegentliches Engagement gegenseitig selbst zu feiern, sollten wir uns fragen, warum die Zahl der Wohnungslosen seit Jahren steigt und was vielleicht strukturell schief läuft in unserem Land.

Doch dass das viele von uns eher selten interessiert, ist kein Zufall: Tatsächlich zeigen Studien wie die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung seit Jahren, dass Obdachlose von vielen Deutschen ausgegrenzt und individuell für ihr Schicksal verantwortlich gemacht werden. So stimmen beispielsweise 30 Prozent der Befragten der Aussage "Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden" zu. Jeder Fünfte stimmte zu, dass die meisten Obdachlosen eher "arbeitsscheu" seien. 

In diesem Klima ist es nicht verwunderlich, dass unser Umgang mit Obdachlosigkeit oft von Anonymität und Distanz geprägt ist. Wir stellen lieber leere Flaschen neben einen Mülleimer, anstatt mit Menschen am Rand der Gesellschaft persönlich ins Gespräch zu kommen.

Gleichzeitig sorgt dieses Verhalten aber auch dafür, dass unser Umgang mit Hilfsbedürftigen schnell bevormundend wird. Es geht uns jedoch nichts an, ob Bettler von ihrem Geld lieber Bier oder Butterbrezeln kaufen, solange sich nur Arme dafür rechtfertigen müssen, Reiche aber nicht. 

Es hilft keinem Suchtkranken, wenn wir beschließen, ihm nur noch Kiezmarken für Gemüsekebab zu finanzieren. 

Und wenn wir es ernstmeinen mit der Menschenwürde, unserem Grundgesetz und was noch so beschworen wird, dann spielt es auch keine Rolle, ob Hilfsbedürftige gute Geschichten erzählen können oder unser Mitleid erregen.

Wenn wir schon die Macht haben, anderen zu helfen, sollte wir respektvoll mit ihr umgehen und nicht nur unser Gewissen beruhigen, andere gängeln oder ihr Schicksal für Charity-PR ausnutzen. Das ist das Mindeste, was wir füreinander tun können, jetzt kurz nach der Weihnachtszeit. Und auch sonst.


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