Torben Mävers ist 22 und in einem kleinen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen. Das wäre zunächst nichts besonderes – würde es sich bei seiner Heimat nicht um das Wendland handeln, mit dem Erkundungsbergwerk Gorleben. Eine Region, die ein Symbol ist für den Widerstand gegen Castor-Transporte und den Umgang mit Atommüll. Und wer im Wendland aufwächst, sagt Torben, der kann gar nicht anders: Der wird politisch. 

Aber wie passiert das? Wie war es für Torben, mit den Protesten gegen die Castor-Transporte aufzuwachsen und wie politisch ist er heute? 

Worum ging es im Konflikt in Gorleben?

Bei der Suche nach einem Atommüllendlager für hochradioaktive Abfälle wie abgebrannte Brennstäbe aus AKWs, wurde 1977 der Salzstock in Gorleben ausgewählt. Die Kritik ist damals wie heute, dass der Standort nicht auf geologischer Grundlage ausgesucht wurde. Stattdessen sei der Standort aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte im Wendland und der Nähe zur innerdeutschen Grenze beschlossen worden. Die Behörden dementieren das und betonen, mit welch hohem wissenschaftlichen und methodischen Aufwand bei der Standorttwahl vorgegangen wurde.

Bei der Standort-Suche wurden damals ausschließlich Salzstöcke in Betracht gezogen, weil sich Salzgestein nach Aussagen der Behörden besonders gut als Wirtsgestein für die Endlagerung eignen würde. Die Organisation ausgestrahl kritisiert, dass die Langzeitsicherheit in Salzgestein nicht gewährleistet werden kann und beruft sich dabei auf Ergebnisse einer US-Studie. Gegen das Projekt entstand ein massiver Widerstand, der Atommülltransporte ins überirdische Zwischenlager durch verschiedene Aktionen zivilen Ungehorsams verzögerte.

(Bild: Jannis Große / bento)

"Als ich zwölf war, rollten die Castoren noch, mein älterer Bruder nahm mich mit zum Protest. Sich das erste Mal auf die Schienen setzen, die Straße blockieren, das war beeindruckend. Das versteht und begreift man auch mit zwölf. Ich habe damals diese Ohnmacht gespürt, dass irgendwer entschieden hat: Hier kommt das Endlager hin. Es war inspirierend, vor allem, weil der Protest so vielfältig war. Es gab Menschen, die schottern gingen, die Bürgerlichen, die 'nur' demonstrierten und dann eben die Menschen, die die Straßen und Schienen blockierten."

Für Torben blieb es nicht bei dem einen Mal. Als Jugendlicher war er in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und bei den Grünen aktiv. Als vor drei Jahren im Lausitzer Braunkohlerevier die Ende-Gelände-Proteste stattfanden, war Torben mittendrin. 

"Es hat mich stark politisiert, inmitten der Proteste im Wendland aufzuwachsen. Auch meine Sicht auf Polizeieinsätze wurde durch Gorleben geprägt. Ich bin damit aufgewachsen, dass Reiterstaffeln, Räumpanzer und Wasserwerfer eingesetzt werden. Später habe ich dann gemerkt, dass ich deshalb vor Einsatzkräften der Polizei bei anderen Protesten, wie dem G20-Gipfel in Hamburg, nicht so zurückschrecke, wie viele andere es tun. Ich finde mich plötzlich in der ersten Reihe wieder."

Der Grund des Protests: ein Castor-Transport im Wendland.

(Bild: Localpic /imago images)

Nach jahrzehntelangen Transporten und Protesten rollte 2011 in Torbens Heimat der bislang letzte Castor ins Zwischenlager. Im April 2019 nahm ein großer Bagger das Tor aus der Schutzmauer des Erkundungsbergwerk Gorleben. Mit dem Abriss sollte der Konflikt symbolisch befriedet werden. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung sucht jetzt nach einem neuen Standort für ein Atommüll-Endlager. Torben ist mit dem symbolischen Akt aber nicht besänftigt:

"Der Konflikt wird dadurch nicht befriedet. Die Kriterien bei der neuen Standortsuche schließen Gorleben nicht aus. Es ist schon so viel Geld in das Projekt gesteckt worden – wir können nicht davon ausgehen, dass Gorleben wirklich aus dem Spiel ist."

Ein Bagger nimmt das Tor aus der Schutzmauer des Erkundungsbergwerks.

(Bild: Philipp Schulze / dpa)
„Es geht ja nicht darum, dass wir das Endlager nur wo anders haben wollen, sondern dass ein Endlager gefunden wird, dass am bestmöglichen geeignet ist.“


Sichtbare Spuren des Protets auf der Mauer um das Erkundungsbergwerk in Gorleben.

(Bild: Sepp Spiegl / imago images)

Noch ist kein Endlagerstandort gefunden. Bis 2022 laufen in Deutschland noch Atomkraftwerke. Deshalb gibt es auch heute noch Protest. Wenn auch deutlich weniger und kleiner als vor einigen Jahren. Torben ärgert das. 

"Ich habe das Gefühl, dass nur noch sehr wenige junge Menschen aktiv sind. Der Altersdurchschnitt ist enorm hoch in der Szene. Ich denke es liegt daran, dass das Thema für viele abgehakt wirkt. Der Atomausstieg ist beschlossen und wir suchen 'nur noch' ein Endlager. Diese Naivität finde ich krass. Jetzt können wir dafür sorgen, dass die Endlagersuche besser wird als damals. Und das Wissen, was in der Szene vorhanden ist, muss weitergetragen werden. In vielen anderen Ländern ist der Atomausstieg noch in ferner Zukunft, da können wir helfen, Druck aufzubauen und Aktive vor Ort unterstützen."

Orange auf Grün: Die Wendland-Sonne auf einer Fahnenstange beim Anti-Atom-Treck 2018.

(Bild: Jannis Große)

"Mich haben die Proteste, das 'Für eine Sache kämpfen' auch beruflich geprägt: Ich kann nur in Firmen arbeiten, dessen Arbeitsweise und Produkte ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Ich könnte zum Beispiel keine Autos verkaufen."

Torben hat im Wendland eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel gemacht. Heute lebt er in Hamburg – und ist immer noch politisch aktiv: gegen Nazis, Braunkohle und Atomkraft. 

"Ich sehe es auch als meine Aufgabe, das Thema in der jungen Generation oben zu halten. Dass im Klimaprotest von jungen Menschen nicht plötzlich Atomkraft wieder als Lösung gesehen wird. Die Gefahr ist nicht kalkulierbar und deswegen ist Atomenergie – genau wie der Klimawandel – eine Gefahr für uns und unsere Zukunft. Das eine Problem ist hier nicht die Lösung für das andere."

Torbens Leben ist geprägt vom Konflikt um Gorleben. Weil sein Bruder ihn damals zu den Protesten mitnahm, weil er sich später selbst entschied, gegen das geplante Endlager zu demonstrieren, weil der Konflikt immer vor seiner Haustür stattfand. Das hat ihn zu einem Menschen gemacht, der sich enagagiert – und damit so schnell nicht aufhören wird. 


Gerechtigkeit

Der Enkel-Trick: Warum Doppelspitzen wie Kevin Kühnert (29) und Gesine Schwan (76) die SPD retten könnten
Und die Demokratie gleich mit

Die SPD hat eine neue Idee, um sich aus ihrer Dauerkrise zu wuppen. Künftig soll nicht eine Vorsitzende oder ein Vorsitzender die Partei leiten – sondern zwei. Erste Kandidatinnen werden nun herumgereicht. 

Ein Team, das als SPD-Doppelspitze im Gespräch ist: Gesine Schwan und Kevin Kühnert. 

Dem Deutschlandfunk sagte Schwan, sie würde SPD-Chefin werden, "wenn die Bitte an mich herangetragen würde". Und mit Kühnert ein Team bilden, das sei für sie auch gut denkbar. 

  • Gesine Schwan war früher die Wunschkandidatin der SPD für das Amt der Bundespräsidentin, sie ist 76 Jahre alt. 
  • Kevin Kühnert ist Juso-Vorsitzender und Chefquerulant bei der SPD, er wird im Juli 30 Jahre alt. 

Im Netz wird die Idee, die Omi und den Jungspund zum Team zu machen, bislang eher belächelt.