Bild: privat
Es ist ein Statement gegen Rechts.

Was das Preisgeld angeht, ist der "Euro Fashion Award" eine gute Adresse für Nachwuchsdesigner: Er ist einer der größeren Wettbewerbe in Deutschland und lockt mit ordentlichen Preisgeldern. Für die junge Designerin Hagar Rieger war es daher klar, dass sie sich bewerben würde. 

"Anderen Designwettbewerbe sind mit 3000 bis 5000 Euro dotiert", sagt sie zu bento. Der Euro Fashion Award hingegen verspricht Preisgelder zwischen 10.000 Euro bis 25.000 Euro. "Das hätte mir für die kommenden Jahre den Rücken freigehalten", sagt die 32-Jährige.

Hagar und eine Kollegin bewarben sich und schafften es beide, unter die elf Nominierten zu kommen. Doch nun haben sie sich zurückgezogen – wegen des Mannes, der hinter dem Award steht.

Den Preis vergibt das Kaufhaus Görlitz in der gleichnamigen sächsischen Stadt. Görlitz gilt als traditionelle Textilstadt, das Kaufhaus ist hoch angesehen. Doch es gehört dem Unternehmer Winfried Stöcker – der in den vergangenen Jahren mehrfach mit ausländer- und islamfeindlichen Aussagen aufgefallen ist. 

Mit Hagar war die 30-jährige Lisa Mann nominiert. Beide haben an der Universität der Künste (UdK) in Berlin studiert und ihre Abschlussarbeiten im vergangenen Jahr beim Euro Fashion Award eingereicht. 

Für diese Designs wurde Hagar nominiert:

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Der Preis wurde erstmals 2016 ausgeschrieben, nun findet die zweite Runde statt. In der Modeszene ist er noch nicht so bekannt – aber gerade deshalb unter Studenten beliebt. Sie locken die gute Aussichten, unter die Finalisten zu gelangen. 

"Mitte Januar haben wir erfahren, dass wir beide nominiert sind", sagt Hagar. Von Stöcker wussten sie damals noch nichts. Ein Prof habe ihnen aber empfohlen, sich den Initiator genauer anzuschauen – was sie getan haben:

Je mehr wir recherchiert und über ihn erfahren haben, desto mehr haben wir uns innerlich gesträubt.
Hagar Rieger

Der Unternehmer hatte unter anderem im Dezember 2014 der "Sächsischen Zeitung" ein Interview gegeben. Darin äußert er mehrere fremdenfeindliche Sätze. Unter anderem:

  • "Die reisefreudigen Afrikaner sollen sich dafür einsetzen, dass der Lebensstandard in ihrem Afrika gehoben wird, anstelle bei uns betteln zu gehen."
  • "[Ausländer] haben nach meiner Auffassung kein Recht, sich in Deutschland festzusetzen und darauf hinzuarbeiten, uns zu verdrängen, darauf läuft es hinaus, wenn nicht gegengesteuert wird!"
  • "Die Moslems haben längst begonnen, einen Staat im Staate zu bilden. Ich will aber kein neues Mittelalter in meiner Heimat und in 50 Jahren keinen Halbmond auf der Görlitzer Frauenkirche."

Ähnlich äußert sich Stöcker auf seinem privaten Blog, auch sexistische Beiträge teilt er dort. In einem Artikel von Ende 2017 macht er sich zum Beispiel über die "MeToo"-Bewegung lustig. Er schreibt:

  • "Die Mädchen könnten zurückhaltender gekleidet und weniger provozierend zum Casting gehen, dass die armen Regisseure auf dem Pfad der Tugend bleiben."
  • "Es ist anzunehmen, dass vorwiegend diejenigen unserer Gesellschaft so erbost und hysterisch aufschreien, die von der Natur optisch weniger vorteilhaft ausgestattet worden sind." 

Dann empfiehlt er seinen Mitarbeitern, sich an "viele nette Jungs und Mädchen in der Firma" ranzumachen – und Kinder zu zeugen, "dass wir dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen können". 

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Aufgrund der vielen Äußerungen Stöckers hatten sich Hagar und Lisa schließlich entschieden, die Teilnahme am Wettbewerb abzusagen.

Auf der Webseite der UdK begründen sie ihren Entschluss:

In seinen Texten und Reden offenbart sich eine Weltsicht, die allem widerspricht, wofür wir persönlich und in unseren Arbeiten einstehen.

Winfried Stöcker hat sich schriftlich zu den Vorwürfen der beiden Designerinnen geäußert. 

Er schreibt, die Absage habe er "mit Bedauern" zur Kenntnis genommen – sie fuße allerdings "auf oberflächlichen Trugschlüssen und unwahren Behauptungen": 

"Man verbreitet über mich, ich sei ein Ausländerfeind und Rassist, nichts davon ist richtig. Ich hätte mich beim letzten Award abfällig gegenüber Iranerinnen geäußert – aus der Luft gegriffen und mir zu Unrecht in den Mund gelegt, um Vorurteile zu nähren. Ich sei ein Chauvinist: Nirgendwo werden Sie eine Organisation finden, wo Frauen respektvoller behandelt und weniger diskriminiert werden als von mir und in den von mir geleiteten Unternehmen. Ich selber bin in der DDR aufgewachsen und habe die Diktatur des Proletariats mit Indoktrination, Zensur und Verdrehung der Wahrheit hautnah erlebt, und werde mir von ein paar schlecht informierten Studenten den Mund nicht verbieten lassen."

Eine Sprecherin des Kaufhaus Görlitz, das den Wettbewerb austrägt, sagt zu bento weiterhin, die Sache wurde "hochgespielt". Durch den Wettbewerb sollen junge Talente gefördert werden und "in den Dialog treten" – die Absage der Designerinnen verhindere nun genau das. "So geht die Schönheit des Gedankens hinter dem Euro Fashion Award kaputt."

Eine bereits sichere Prämie von je 1000 Euro für die Nominierung haben Hagar und Lisa durch ihre Absage nun ausgeschlagen, die Chance auf eines der Preisgelder ebenfalls. Die Verleihung soll im April stattfinden, Hagar und Lisa werden nun nicht hinfahren.

Designerin Lisa Mann(Bild: privat)

"Wir haben erst überlegt, ob wir dabei bleiben und die größere Bühne für ein Statement nutzen", sagt Hagar. Allerdings wäre das "hoch gepokert": Hätten sie nichts gewonnen und erst danach ihren Unmut veröffentlicht, "wäre das falsch rübergekommen". Vorher abzusagen, sei daher die beste Option gewesen. 

"Jetzt haben wir die Chance, etwas zu sagen, anstatt wegzusehen und das Geld zu nehmen", sagt Hagar.

Hagar hofft, dass der Schritt eine Debatte auslöst. Sie will Stöcker nicht mundtot machen – er könne äußern, was er wolle. Aber sie will, dass Populismus nicht still akzeptiert wird. Dass sich jeder für eine freie Gesellschaft stark macht.

Als junger Designer oder Künstler ist es schwer, auf eigenen Beinen zu stehen, sagt Hagar. "Preisgelder sind da ein gutes Sprungbrett in die Selbstständigkeit". Aber es sei wichtig, sich selbst treu zu bleiben. 

Ihre Absage soll daher auch anderen Studenten ein Signal sein, "nicht einfach die Hand auszustrecken", sondern Geldgeber von Wettbewerben und deren Motivationen immer zu hinterfragen.


Today

Nein, hier fährt keine Muslima im Mercedes zum Tafel-Besuch

Seit einigen Tagen wird auf Facebook eine Foto geteilt, es wurde vor dem Eingang der Tafel in Landau aufgenommen – darauf zu sehen: Eine Frau mit Kopftuch, die die Beifahrertür eines silbernen Mercedes öffnet. 

Im Hintergrund stehen weitere Frauen mit Kopftuch in einer Schlange. Zwischen ihnen ist auch eine ältere Dame ohne Kopftuch, sie bewegt sich in Richtung Auto.

Mercedes? Kopftuch? Tafel? 

Viele Nutzer sehen sich in ihren Vorurteilen bestätigt: Die "Ausländer" würden deutschen Bedürftigen das Essen weg, obwohl sie selbst gar nicht bedürftig sind.