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Die typische Frau kauft rosa Taschen, kann nicht mit Geld umgehen und muss sich von einem Mann aus dem Schuldenberg retten lassen – so scheint es zumindest, wenn man sich Übungsfälle im Jurastudium anschaut. 

Eine aktuelle Studie hat untersucht, wie sehr die Fälle, die angehende Juristen zur Examensvorbereitung bearbeiten müssen, Rollenklischees vermitteln.

Dana-Sophia Valentiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Jura an der Helmut-Schmidt-Universität, wollte herausfinden, inwiefern juristische Fälle im Studium Geschlechterrollen reproduzieren – und wie sich das ändern ließe. Wir haben mit ihr gesprochen.

Die Studie

Untersucht wurden 

  • 87 juristische Ausbildungsfälle zur Examensvorbereitung, 
  • bereitgestellt von der Universität Hamburg 
  • und der Bucerius Law School in Hamburg, 
  • zwischen September 2014 und August 2015.

In der Stichprobe enthalten waren Fälle aller prüfungsrelevanter Rechtsgebiete: 30 Fälle davon behandelten Öffentliches Recht, 38 Fälle Zivilrecht und 21 Fälle Strafrecht.

Untersucht wurden sie mit der Methodik einer Inhaltsanalyse. (Zur Studie)

Wie kamen Sie darauf, Jura-Übungsfälle auf Geschlechterrollen zu untersuchen?

Mir ist schon im Studium aufgefallen, dass die Fälle häufig sehr stereotyp waren, zum Teil sogar sexistisch.

Im dritten Semester beispielsweise gab es im Schuldrecht eine Protagonistin, die sich durch mehrere Fälle zog. Sie hatte sich ein rosa Kofferset gekauft und verstrickte sich in Schulden, verhielt sich dabei immer wieder ziemlich dämlich. Das war richtig Klischee und hat mich geärgert.

Richtig bewusst wurde es mir dann in der Examensvorbereitung. Ich hatte ein Fallbuch, in dem 45 Personen vorkamen.  Es ging um Gesellschaftsrecht, die Protagonisten waren Geschäftsführer, Insolvenzverwalter, Ärzte. Von 45 Personen waren zwei Frauen: eine war Sekretärin und eine andere Patientin.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:
Von 393 Personen waren 80 Prozent männlich und 18 Prozent weiblich.
Bei zwei Prozent war das Geschlecht nicht näher angegeben.
Zwar handelten 76 Prozent der dargestellten Frauen weitgehend eigenständig.
Fast die Hälfte wurde jedoch über die Beziehung zu einem Mann definiert.
39 Prozent sind berufstätig, bei Männern sind es 62 Prozent.
Die Berufe der Männer sind weitaus vielfältiger, als die der Frauen:
Frauen arbeiten vor allem als Verkäuferinnen oder Pädagoginnen. Männer sind eher Chefs.
Auch die Sprache ist eher männlich:
In 66 Prozent der Fälle wird ausschließlich die männliche Bezeichnung genutzt, auch im Plural, zum Beispiel: "der Bewohner" oder "die Kollegen".
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Wie haben Kollegen und Kolleginnen auf die Studie reagiert?

Es gibt tatsächlich sehr geteilte Wahrnehmungen. Wenn man das Thema anspricht, fallen den meisten Leuten erstaunlich viele Beispiele ein, ihnen wird das Problem bewusst. Aber es gibt natürlich auch welche, die sagen: Habt ihr nichts Besseres zu tun? Wir sind doch alle erwachsen, wir können solche Stereotype doch hinterfragen. 

Ist das so?

Ich finde, gerade in der juristischen Ausbildung machen wir das generell zu wenig, dabei ist es hier besonders wichtig. Wir begreifen Recht zu sehr als etwas Objektives. 

Aber dahinter stehen ja auch Menschen, die immer irgendwie vorbelastet sind.

Es wundert mich, dass Juristen und Juristinnen den Einfluss ihres persönlichen Denkens auf juristische Entscheidungen dabei so wenig hinterfragen.​
In Hollywood gibt es deswegen seit einigen Jahren den Bechdel-Test: Er bestimmt, inwiefern Frauen als eigenständige Persönlichkeiten dargestellt werden. Brauchen wir einen Bechdel-Test für juristische Lehrmaterialien?

Das ist eine interessante Frage. Vielleicht als Selbsttest, als Leitfaden – für jene, die Übungsfälle schreiben.

Die Ergebnisse Ihrer Studie decken sich zum Teil mit denen einer anderen Studie vor genau 40 Jahren. Warum hat sich nichts geändert?

Es hat sich schon etwas verändert: Die Fälle sind bei weitem nicht mehr so sexistisch oder rassistisch. Das Problem ist subtiler geworden. Manche Fälle sind auch sowas wie Klassiker, die kommen eben immer wieder. 

Aber ich kann mir vorstellen, dass auch viel damit zusammenhängt, wer die Aufgaben stellt: Wenn das überwiegend Männer sind, die ja auch überwiegend lehren, orientieren sie sich womöglich an ihrem eigenen Umfeld.

Wie ließe sich das ändern?

In der Studie schlagen wir drei Strategien vor, die sich ergänzen könnten:

  1. Irrelevante Personendetails entfernen – allerdings entspräche das auch nicht der Wirklichkeit. Und an lebensnahen Geschichten lässt sich besser arbeiten. 
  2. Stereotype bewusst aufbrechen oder umkehren.
  3. Und bewusst vielfältige Lebensentwürfe darstellen.

Wie haben Sie ihr Jurastudium wahrgenommen: War Ihnen sehr bewusst, eine Frau zu sein?

Was mir am meisten aufgefallen ist: Es fehlen weibliche Vorbilder. Als ich überlegt habe, zu promovieren, musste ich feststellen, dass es kaum Professorinnen gibt. Interessanterweise habe ich mich im Studium auch in Richtung Sozialrecht orientiert, wo besonders häufig Frauen arbeiten. 



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