Gina-Lisa Lohfink wurde von einem Berliner Gericht für schuldig befunden, zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung beschuldigt zu haben. 20.000 Euro Strafe soll sie zahlen. Die gesellschaftliche Diskussion um die sehr private Frage "wollte sie jetzt, oder wollte sie nicht" brennt trotzdem weiter. Der Streit offenbart, wie scharf unsere Gesellschaft Frauen immer noch für ihre Sexualität verurteilt. Verloren haben in der Sache: Lohfink, die beiden von ihr Beschuldigten und diejenigen, die für oder gegen ihre Integrität argumentiert haben. Also alle.

Der Grund, warum der Fall überhaupt zu einem Symbol werden konnte, ist Lohfinks Bekanntheit. Und gleichzeitig ist diese Bekanntheit ihr Fluch. Sie tritt in trashigen TV-Sendungen und auf Erotik-Messen auf. Vom Boulevard wird sie als "Party-Girl" oder "Luder" betitelt. "'Luder' – steht in der Jägersprache für ein totes Tier, das als Lockmittel für Raubwild verwendet wird. Es ist die Verschriftlichung der visuellen Objektifizierung, ein sozial anerkanntes Wort, das unterschwellig klarmacht: Das ist eine Frau, die wir ungestraft verachten können," erklärt Penelope Kemekenidou in der ZEIT.

Unter unserem Facebook-Post zur Verurteilung zeigt sich, was die Menschen über Lohfink denken:

"Mit jeder anderen Frau hätte ich Mitleid gehabt, bei ihr beschränkt sich dieses auf ein müdes Lächeln meinerseits."
"Die würde ich nichtmal unter Drogen nehmen"
"Ich frage mich gerade ernsthaft ob die ganzen, die GLL in Schutz nehmen, auch einen potentiellen Täter in Schutz genommen hätten."

Unabhängig davon, was das Gericht jetzt entschied: Emotional hatte die 29-Jährige bereits im Vorfeld verloren. Ihr haftet der Makel an, keine Heilige zu sein. Eine "Mitschuld", selbst wenn das Gericht eine Vergewaltigung gesehen hätte, wäre ihr von der Gesellschaft deshalb immer zugesprochen worden. Wer nicht dem Bild eines Opfers entspricht, einer geschändeten Jungfrau im weißen Kleidchen, ist per se verdächtig:

Verdächtig, sich wichtig machen zu wollen. Verdächtig, dem Mann aus Rachsucht oder hormoneller Schieflage etwas anhängen zu wollen. Verdächtig, die "Vergewaltigung" (in Anführungszeichen) eigentlich doch genossen zu haben. Als ob eine Vergewaltigung nur in dunklen Gassen oder Büschen passieren könne, nicht aber im Bett eines Mannes, den man vorher schon kannte.

Nun ist die Entscheidung gefallen. Eine Vergewaltigung konnte das Gericht nicht erkennen. Das muss man akzeptieren. Ob Lohfink in Berufung geht, steht noch aus. Für all jene, die ihr während des Prozesses zur Seite gesprungen sind, ist das Urteil katastrophal. Aus dem guten Willen, eine Frau trotz (oder gerade wegen) der ihr entgegengebrachten Vorurteile zu unterstützen, wurde nun eine hohle Geste. Glaubt man den Gina-Lisa-Kritikern und dem Gericht, hat man die Falsche verteidigt.

Auch wenn parallel zum Prozess wichtige Änderungen im Sexualstrafrecht beschlossen wurden, bleibt nun ein bitterer Nachgeschmack: All denjenigen, die in Zukunft eine Vergewaltigung zur Anzeige bringen wollen, haftet nun noch viel stärker der Verdacht an, eine Lügnerin sein zu können. Denn solche prominenten Fälle bleiben im Gedächtnis. Opfer werden sich den Gang zur Polizei mehr als einmal überlegen.

Bedauerlicherweise verstehe ich heute auch, dass viele Frauen [...] aus Angst vor Konsequenzen in Bezug auf die eigene Person den Weg zur Polizei nicht mehr gehen.
Gina-Lisa Lohfink in einem Interview mit dem Magazin "stern"

Sollte Lohfink sich die Vergewaltigung tatsächlich ausgedacht haben, hat sie dem Feminismus und der Debatte mit ihrem PR-Spiel einen Bärendienst erwiesen. Sie hätte eine der wichtigsten gesellschaftlichen Diskussionen unserer Zeit als Sprungbrett für ihren eigenen Ruhm benutzt. Solche Hinterlist sollte man niemandem unterstellen. Auch nicht bei aller Verachtung dafür, dass jemand ein "Promi-Luder" ist.

Und ja, auch die beiden Männer haben, obwohl sie den Prozess gewonnen haben, verloren. Denn natürlich haben sie sich moralisch schuldig gemacht, in dem sie das Video verbreitet haben. Vor Gericht wurden die Aussagen von Ex-Partnerinnen eines der beiden gehört, die ihm den Einsatz von Gewalt und Drogen beim Sex nachsagte. Seine Antwort: "Ich habe mit 500 Frauen geschlafen, und sie bringen die drei hier an, die sich beschwert haben." (SPIEGEL ONLINE)

Es sind die Worte eines Mannes, der als juristischer Gewinner aus einem Vergewaltigungsprozess herausgeht. Nicht aber als moralischer.

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