Bild: Syria Civil Defence

Anfang April kamen bei einem mutmaßlichen Giftgasangriff in der syrischen Ortschaft Khan Scheichun mindestens 87 Menschen ums Leben (bento). Die USA sagen: Das syrische Regime steckt dahinter, Syriens Machthaber Baschar al-Asssad entgegnet, der Angriff sei von seinen Gegnern "konstruiert" (SPIEGEL ONLINE).

Drei Fragen werden seitdem unter Experten und im Netz diskutiert:

  1. Was stimmt wirklich beim Angriff auf Khan Scheichun?
  2. Ist es wahr, dass die syrischen Giftgasbestände von deutschen Firmen geliefert wurden?
  3. Und wer trägt wirklich die Schuld für den bislang verheerendsten Giftgasangriff vom Sommer 2013?
bento hat sich alle Fragen angeschaut. Hier stellen wir alle bekannten Fakten zusammen – und zeigen, wo gelogen wurde.
1. Der Angriff auf Khan Scheichun
Was geschah in Khan Scheichun?

Khan Scheichun liegt in der nordsyrischen Provinz Idlib. Am frühen Morgen des 4. April 2017 meldeten Augenzeugen einen Chemiewaffenangriff, Videos im Netz zeigen Rauchschwaden und später Menschen, die Symptome einer Giftattacke aufweisen: Sie liegen auf der Straße, ihre Glieder krampfen, aus dem Mund tritt Schaum. Mindestens 87 Menschen sind nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten ums Leben gekommen. 

Was ist eine Chemiewaffe?

Damit sind Gifte gemeint, die fest, flüssig oder gasförmig verteilt werden – meist über den Sprengkopf einer Rakete. Die Gifte können Menschen betäuben oder gar töten. Sarin und Chlorgas gelten als besonders gefährlich – der Einsatz beider Stoffe wurde in Syrien nachgewiesen.

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

Ist der Angriff offiziell bestätigt?

Nein. Keine Kriegspartei in Syrien hat bislang zugegeben, einen Giftgasangriff verantwortet zu haben – weder jetzt noch in der Vergangenheit. Allerdings sagte das syrische Regime, am 4. April herkömmliche Luftangriffe über Khan Scheichun durchgeführt zu haben (Pressekonferenz auf YouTube).

Woher wissen wir trotzdem, dass Giftgasangriffe stattgefunden haben?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Aber dass Giftgas mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eingesetzt wurde, lässt sich durch zwei Indizien erhärten:

  1. Was sagen Augenzeugen und Ärzte über die Opfer der Angriffe?
  2. Und was sagen Waffenexperten im Nachhinein? 

Im Fall des Angriffes auf Khan Scheichun sind im Netz Fotos und Videos aufgetaucht, auf denen die Opfer typische Symptome einer Vergiftung aufweisen. Bodenproben konnten bisher noch nicht genommen werden.

Über die Bilder berichtete unter anderem Unicef. Auch bento wurde von einem Kontakt in Syrien schon früh am Angriffstag Fotos aus Khan Scheichun zugespielt:

Achtung: Wir zeigen jetzt Fotos, die sehr verstörend wirken können. Entscheide selbst, ob du weiter klicken möchtest.
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Was sind die Symptome nach einer Giftgas-Attacke?

Schon bei kleinen Mengen sind die Symptome vieler Giftstoffe am Körper sichtbar: Opfern läuft die Nase und Speichel aus dem Mund, die Pupillen ziehen sich zusammen. Die Betroffenen selbst spüren Übelkeit und Schmerzen beim Atmen (OPCW). 

Bei höheren Dosen nimmt der Speichelfluss zu, die Augen beginnen zu tränen und Schweiß bricht aus. Auch können sich die Muskeln verziehen, der Körper verkrampft.  

Ist gesichert, dass Assad hinter dem Giftgasangriff in Khan Scheichun steckt?

Nein. Aber es ist sehr wahrscheinlich. 

Welche Beweise sprechen dafür, dass der Angriff von Assads Armee ausgeführt wurden?

Dafür gibt es mehrere Indizien. Die wichtigsten:

A - Das Flugzeug: Eine russische Su-22, wie sie die syrische Luftwaffe besitzt, wurde von Augenzeugen gesichtet. Es soll Luftangriffe zwischen 6:37 und 6:46 Uhr geflogen haben. Die Planespotter von Syria Sentry bestätigen die Beobachtungen, sagt die Rechercheplattform Bellingcat. Und auch das US-Verteidigungsministerium hat nach Angaben des Weißen Hauses  Flugbewegungen um diese Uhrzeit überwacht.

Das twitterte ein Augenzeuge kurz nach dem Angriff:

Kurz darauf lädt auch der lokale Reporter Mohammed Sallum al-Abd auf YouTube ein Video hoch, das die Attacke zeigt. Er spricht von "Giftbomben":

B – Der Tatort: Ein Reporter des "Guardian" besucht nach dem Angriff Khan Scheichun. Er entdeckte einen Krater, der nur von einer abgeworfenen Bombe stammen kann. Rebellen und Islamisten in Syrien haben keine Luftwaffe – ein Angriff von oben kann also nur vom syrischen Regime oder von russischen Flugzeugen stammen.

C – Das Gift: Opfer des Angriffes wurden im Anschluss zur Behandlung in die Türkei gebracht. Nach Angaben des türkischen Gesundheitsministeriums haben Blut- und Urintests zweifelsfrei erwiesen, dass Sarin eingesetzt wurde ("New York Times").

D - Die Militärmitschnitte: US-Geheimdienste haben laut CNN Mitschnitte veröffentlicht, die Gespräche zwischen der syrischen Armee und Giftgasexperten beinhalten sollen. Die Gespräche wurden kurz vor dem Angriff aufgezeichnet.

Und welche Beweise sprechen dafür, dass Rebellen oder Islamisten hinter den Angriffen stecken?

Der syrische Außenminister schilderte zwei Tage nach dem Angriff bei einer auf YouTube freigeschalteten Pressekonferenz diese Version des Vorfalls: Syrische Kampfjets hätten am Dienstagmittag Waffenlager von Islamisten in Khan Scheichun bombardiert. 

In den Lagern hätten sich chemische Waffen befunden, die durch die Explosion freigesetzt wurden. Die gleiche Version hatte zuvor auch Russland genannt, das hinter Syrien steht.

Die Angaben sind jedoch gelogen: Sowohl der Zeitpunkt des Angriffs als auch die Zielorte stimmen nicht mit dem überein, was Augenzeugen vor Ort belegen. Auch die angeblichen Waffenlager waren schon Monate vor dem Angriff zerstört worden:

2. Die deutsche Beteiligung
Deutschland soll das syrische Chemiewaffenprogramm unterstützt haben – was ist dran?

Das ist sehr wahrscheinlich – die Frage ist, ob bewusst oder unbewusst. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hat der Bundesregierung bereits vor zwei Jahren eine Liste mit Namen deutscher Unternehmen übergeben, die Assad und dessen Vater Hafis in den vergangenen drei Jahrzehnten geholfen haben sollen, ihr Chemiewaffenarsenal aufzubauen. Übrigens eines der größten der Welt.

Die Firmen lieferten zum Beispiel Anlagen zur Herstellung von Methylphosphordifluorid, aus dem sich mit Zusätzen auch Sarin produzieren lässt. Es ist möglich, dass die Unternehmen nicht zwingend davon wussten, dass ihre Produkte für Chemiewaffen verwendet wurden. 

Bei vielen Materialien, die nach Syrien geliefert wurden, handelte es sich um sogenannte Dual-Use-Güter. Das bedeutet, dass diese zwar einerseits für Chemiewaffen verwendet werden können, andererseits aber auch zum Beispiel für harmlose Dinge wie Zahnpasta.

Was sagt die Bundesregierung zu der Beteiligung?

Die weigert sich, die betroffenen Unternehmen zu benennen. Nur sechs Namen sind bislang öffentlich geworden, in Dokumenten, die das Institut für Zeitgeschichte nach Ablauf der 30-jährigen Sperrfrist öffentlich gemacht hat. Unter den Unternehmen ist zum Beispiel der Pharmakonzern Merck. 

Warum schweigt die Bundesregierung? 

Dafür liefert sie eine zweifelhafte Begründung. Für die Unternehmen könne das "schwerwiegende Folgen" haben, die bis zur "Existenzbedrohung" reichen. 

Der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken (Die Linke) hatte bereits beim Generalbundesanwalt Strafanzeige wegen der Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit gestellt. Doch den Unternehmen drohen keine Konsequenzen – die Anlagen etwa wurden bereits in den 80er Jahren geliefert, die Fälle sind verjährt (Rheinische Post).

Egal, ob die Unternehmen wissentlich oder unwissentlich gehandelt haben, sie sollten offenlegen, was sie wussten und was nicht, sagte van Aken (SPIEGEL ONLINE.) Von der Bundesregierung verlangt er die Freigabe der Liste. 

3. Der Giftgasangriff von 2013

Durch die Diskussionen um die Schuldfrage von Khan Scheichun rückte auch der bislang verheerendste Giftgasangriff im Syrienkrieg wieder in den Mittelpunkt – auf die Ghouta im Sommer 2013.  

Was geschah im Sommer 2013?

Am 21. August 2013 wurde das Ghouta genannte Gebiet nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus bombardiert. Je nach Quellenangaben starben dabei zwischen 350 bis mehr als 1700 Menschen. "Ärzte ohne Grenzen" ging drei Tage nach dem Angriff unter Berufung auf syrische Krankenhäuser von 355 Toten und etwa 3600 Verletzten aus.

Wer steckt hinter dem Angriff?

Das ist nicht hundertprozentig geklärt. Die Uno geht in einem Bericht jedoch davon aus, dass Assads Regime hinter dem Angriff steckt. Zwei Gründe sprechen dafür:

Erstens: Bodenproben vom Ort der Angriffe weißen Sarin in einem chemischen Verhältnis auf, das vom syrischen Regime genutzt wurde. Zweitens: Den Rebellen vor Ort fehlte das technische Know-how, um selbst Sarin herzustellen und es abzufeuern.

Gab es noch weitere Giftgasangriffe?

Mehrere. Allein zwischen März und August 2013 hat eine Kommission der Vereinten Nationen noch sechs weitere Angriffe mit Giftwaffen untersucht – laut Uno-Bericht besteht kein Zweifel, dass die syrische Regierung dafür verantwortlich war.

Ein weiterer Uno-Bericht hatte Ende 2016 drei Fälle zwischen April 2014 und August 2015 untersucht. Zwei der Angriffe sollen vom syrischen Regime verübt worden sein, ein weiterer von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Aktuell wird der Angriff in der Ghouta von 2013 wieder infrage gestellt. Mit welcher Begründung?

Im Netz teilt sich vor allem eine Aussage des Nahostexperten Michael Lüders. Er behauptete bei "Markus Lanz", dass "mit sehr hoher Wahrscheinlich" nicht Assad hinter dem Angriff steckte. 

Die Kernaussagen: 

  1. Britische und amerikanische Geheimdienste hätten das Giftgas in Ghouta untersucht und seien zu dem Schluss gekommen, dass es nicht aus den Beständen der syrischen Armee stamme. 
  2. Der türkische Geheimdienst habe Sarin an eine islamistische Miliz in Syrien geliefert. So sei es möglich, dass der Angriff 2013 unter "falscher Flagge" ausgeführt wurde.
Was ist an den Anschuldigungen dran?

Nicht viel. Lüders beruft sich auf Recherchen anderer Journalisten. 

Bei der ersten Aussage auf den US-Journalisten Seymour Hersh, der hier und hier über die Geheimdienstberichte geschrieben hatte. Was Lüders verschweigt: 

  • Die Bodenproben wurden vom russischen Geheimdienst weitergegeben, es ist also unklar, ob sie rein sind. 
  • Auch hatte das syrische Regime die Region weiter bombardiert und eine unabhängige Untersuchung durch die Uno lange verhindert, sagt die "New York Times"
  • Und sowohl die Uno als auch "Human Rights Watch" halten es für wahrscheinlicher, dass das syrische Regime Chemiewaffen einsetzte, als dass Rebellen überhaupt in der Lage wären, solche Stoffe herzustellen.

Bei der zweiten Aussage beruft sich Lüders auf den türkischen Journalisten Can Dündar. Der habe aufgedeckt, wie der türkische Geheimdienst Giftgas an Islamisten schmuggelte. Das stimmt nicht:

  • Dündar hat in der "Cumhuriyet" den Schmuggel herkömmlicher Waffen aufgedeckt (hier mehr dazu bei bento). Um Chemiewaffen ging es jedoch nie.
  • Dündar selbst hat das kurz nach der "Markus Lanz"-Sendung auch klargestellt (tagesschau.de).
Zusammenfassend, was kann ich in Bezug auf Giftgasangriffe in Syrien überhaupt glauben?

Schnellen Behauptungen von Regierungen eher nicht – unabhängigen Experten von der Uno oder Rechercheportalen wie Bellingcat und der OPCW hingegen schon. 

Wahrscheinlich ist, dass Assads Regierung für die meisten Einsätze mit Chemiewaffen in Syrien verantwortlich ist. 

Und auch ohne die Waffen ist klar, dass das Regime für den Tod von Hunderttausenden seiner Bürger verantwortlich ist – durch den Einsatz von Folter, von Scharfschützen bei Demonstrationen und dem Abwurf von Fassbomben über Wohngebieten.


Haha

Die Weisheiten eines Dreijährigen begeistern gerade das Internet
Antworten wie vom Orakel

In manchen Momenten wirkt es, als werde die Welt von Dreijährigen regiert. Seit 2017 häufen sich diese Momente – es wäre also gut zu wissen, wie so ein Dreijähriger tatsächlich tickt.

Zum Glück gibt es reddit. Die Plattform ist für ein ziemlich simples, aber gutes Format bekannt: "Ask me anything" – frag mich alles. Dort stellen sich Goofy-Darsteller, Typen mit zwei Penissen oder ehemalige US-Präsidenten den Fragen des Publikums. 

Und aktuell beantwortet eben ein Dreijähriger, was man ihn so fragt – und das ist wirklich lustig.