Bild: imago

In den Facebook-Kommentaren zu Berichten über Gewalttaten dominiert häufig vor allem eine Frage: Die nach der Herkunft des Täters. Das Alter spielt nur selten eine Rolle, und das Geschlecht nur dann, wenn es ausnahmsweise mal kein Mann war, der zugeschlagen hat. Tatsächlich spielen Frauen in den Kriminalstatistiken bei Gewalttaten auf der Seite der Täterinnen und Täter nur eine sehr kleine Rolle. Dass es offenbar vor allem junge Männer sind, die zur Gewalt neigen, das nehmen wir scheinbar einfach so hin.

Aber ist das denn wirklich so? Sind junge Männer gewalttätiger als ältere Männer? 

Und wenn ja – weshalb?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Vorurteile hat jeder. Manche sind uns bewusst, andere nicht, manche sind uns peinlich, andere halten wir für abstoßend oder hinterwäldlerisch. In dieser Reihe versuchen wir, weit verbreiteten Vorurteilen auf den Grund zu gehen und die dahinter stehenden Fragen wissenschaftlich zu beantworten. 

Das sagen die Zahlen:

  • Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts ist bei der Frage nach dem Alter der Tatverdächtigen recht eindeutig: Der Anteil junger Männer ist besonders hoch. Beim Straftatbestand der Körperverletzung war im Jahr 2017 der Anteil der 18- bis 20-Jährigen unter den Deutschen mit fast 2000 Tatverdächtigen pro 100.000 Einwohner ihrer Altersklasse am höchsten. Mit zunehmendem Alter nahm der Anteil langsam ab. Bei den 40- bis 50-Jährigen waren es noch knapp 800 Tatverdächtige pro 100.000 Einwohner, bei über 60-Jährigen weniger als 200. (BKA)
  • Die Statistik zur Strafverfolgung (PDF) des Statistischen Bundesamts zeigt lediglich, wie viele junge Männer im Verhältnis zu Erwachsenen für Straftaten jeglicher Art verurteilt wurden – mit Ausnahme von Delikten im Straßenverkehr. Pro 100.000 männliche Heranwachsende im Alter zwischen 18 und 20 wurden 2017 demnach 2141 Männer verurteilt, bei Männern ab 21 waren es nur 882. Bei den Gewaltdelikten legen die absoluten Zahlen nahe, dass sich der Trend dort bestätigt. 

Das sagt die Wissenschaft:

  • Eine Studie (PDF) aus dem Jahr 1985 beschrieb erstmals das sogenannte "Young Male Syndrome". Die Psychologen Margo Wilson und Martin Daly untersuchten damals Gewaltverbrechen in Detroit, welche hauptsächlich von jungen Männern begangen wurden. Sie erklärten das mit ihrer höheren Bereitschaft, Risiken einzugehen. Diese sei auf das evolutionäre Konkurrenz-Verhalten junger Männer zurückzuführen.
  • 1993 entwickelten die Soziologen und Kriminologen Robert J. Sampson und John H. Laub außerdem die "Age Graded Theory". Dafür untersuchten sie die Lebensläufe von 500 jugendlichen Straftätern und interviewten sie Jahrzehnte später erneut. Sampson und Laub stellten bei vielen von ihnen Wendepunkte fest, die dazu führten, dass sie ihre kriminelle Karriere beendeten – beispielsweise durch Heirat, Eintreten in den Militärdienst oder einen anderen festen Arbeitsplatz. (SozTheo)
  • In der Auswertung der Studie "Männer in Bewegung" aus dem Jahr 2009 kam der Politikwissenschafter Peter Döge zu dem Schluss, dass junge Männer häufiger gewalttätig werden: Während die unter 25-Jährigen einen Anteil von rund 16 Prozent an der Bevölkerung ausmachen, werden laut der Studie knapp 21 Prozent der Gewalttaten von ihnen begangen. In den Altersgruppen bis 55 ist die Differenz deutlich geringer und in den Gruppen ab dem 56. Lebensjahr ist der Anteil der Täter kleiner als der der Anteil an der Gesamtbevölkerung. Für die Studie wurden 1470 Männer sowie 970 Frauen nach ihren Erfahrungen mit Gewalthandlungen befragt, wobei eine sehr weite Definition des Gewaltbegriffs zugrunde gelegt wurde, welche auch Formen der psychischen und verbalen Gewalt einschließt.

Wie kann man das einordnen?

Ja, junge Männer werden häufiger gewalttätig als ältere. Der Eindruck, dass es besonders viele sind, könnte allerdings nochmals dadurch verstärkt werden, dass gerade bei Gewaltdelikten Jugendliche häufig zu Mehrfachtätern werden. "Es gibt eine relativ kleine Gruppe von drei bis fünf Prozent, die für drei Viertel der schweren Gewalttaten verantwortlich sind", erklärt Manuela Freitag vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) in Bielefeld.

Es gibt allerdings auch Vermutungen, dass sich mit zunehmendem Alter Aggressionen zumindest teilweise aus dem öffentlichen Raum hin zum privaten Raum verschieben – Stichwort häusliche Gewalt. "Das ist ein ganz großes Fragezeichen, was die Statistik angeht, weil wir es hier mit einem riesigen Dunkelfeld zu tun haben", erklärt der Soziologe Sebastian Kurtenbach, der ebenfalls am IKG im Bereich der Gewaltforschung gearbeitet hat. Das Bundesfamilienministerium schätzt die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt auf 80 Prozent – vier von fünf Taten würden also nicht gemeldet werden. (bento)

Zahlen des BKA zeigen, dass es im Bereich der Partnerschaftsgewalt mehr ältere Tatverdächtige gibt: 2017 gab es bei den unter 30-Jährigen Männern insgesamt 734 Tatverdächtige. Bei den 30- bis 39-Jährigen waren es 1928 Tatverdächtige, bei den 40- bis 49-Jährigen 1876 Tatverdächtige. 

Welche Gründe gibt es für erhöhtes gewalttätiges Verhalten?

Dieser Frage ging Sebastian Kurtenbach nach. Im Rahmen eines Projekts befragten er und sein Team männliche Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren, die in armutsgeprägten Stadtteilen in Deutschland, Südafrika, Pakistan und Bulgarien leben.

Ein wichtiger Faktor dafür, dass Jugendliche gewalttätig werden, seien gewisse Männlichkeitskonstruktionen, sagt er. "Das hat viel mit Anerkennung von Freunden und Gleichaltrigen zu tun, zum Teil auch mit Ehrvorstellungen und Respekt." Diese Ehrvorstellungen seien in der deutschen Diskussion stark mit Migration und Islam verknüpft, allerdings habe man sie auch bei den befragten Jugendlichen in Südafrika vorgefunden – in einem Stadtteil, in dem Migration und der Islam keine Rolle spielten. "Das bedeutet, dass solche gewaltbezogenen Vorstellungen über Respekt kulturunabhängig sind und eher mit dem jeweiligen alltäglichen Lebensumfeld zusammenhängen", erklärt der Soziologe.

"Männlichen Jugendliche erlernen in solchen für sie als bedrohlich wirkenden Lebenswelten Gewalt als Mittel der Durchsetzung und rechtfertigen sie situativ", sagt er. Gewalt gegen Frauen oder auch Ältere sei in diesen Gruppen jedoch weniger akzeptiert, weshalb junge Männer auch häufiger Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum würden.

Als wichtigen Faktor für Gewaltbereitschaft unter jungen Männern nennt Sebastian Kurtenbach außerdem Perspektivlosigkeit. "Die jungen Männer, die eine Perspektive entwickeln konnten, waren weniger frustriert und gewaltbereit und hielten sich auch von straffälligen Gleichaltrigen fern", erklärt er. Sobald dieser Punkt erreicht war, schätzten die Jugendlichen auch die Folgen von gewalttätigem Verhalten anders ein – und ließen eher davon ab.

Fazit

Junge Männer neigen tatsächlich eher zu Gewalt. Das zeigen die Zahlen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich darin ebenfalls einig. Feste Strukturen scheinen das Verhalten jedoch zu ändern, sodass mit zunehmendem Alter Männer auch weniger gewalttätig werden.

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass sich das Verhalten zu einem Teil auch verschiebt – hin zur Partnerschaftsgewalt, welche in großen Teilen im Dunkelfeld liegt, also im Bereich der Straftaten, die nicht angezeigt werden. 


Gerechtigkeit

Keine Einkommensteuer für junge Menschen? Warum das in Deutschland gar nicht so sinnvoll wäre

Seit dem 1. August müssen in Polen Menschen unter 26 keine Einkommensteuer mehr zahlen –wer im Jahr weniger als 85.500 Zloty (etwa 20.000 Euro) verdient, ist seitdem von der Steuer befreit (SPIEGEL ONLINE). In Deutschland beträgt die Obergrenze für steuerfreies Einkommen derzeit 9168 Euro für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – während hierzulande die Löhne insgesamt höher sind als in Polen.

Die polnische nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) möchte mit dem Gesetz die Beschäftigung junger Menschen erhöhen und gleichzeitig Schwarzarbeit verringern. Polen leidet außerdem unter Fachkräftemangel, die Regelung könnte weitere Arbeitskräfte aus der Ukraine ins Land holen. 

Einkommensteuer für junge Menschen mit niedrigem Gehalt abschaffen. Klingt nach einem Gesetz, von dem viele profitieren können – wäre das nicht auch etwas für Deutschland? 

Das haben wir den Ökonomen Tobias Hentze vom Institut der Deutschen Wirtschaft gefragt.