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Die Aktionskünstler von Peng haben angerufen – 1.700 mal

Kunst kann schön sein, verzücken, oder auch: unbequeme Fragen stellen. Die Politkünstler und Aktivisten vom Peng Collective haben deshalb ein Callcenter eröffnet, in dem Künstler Finanzinstitutionen mit Fragen nerven, die sie vorher von Bürgern geschickt bekommen haben. 

Zum Beispiel: 

  • Warum muss gerade ich die Finanzkrise ausbaden?
  • Was sind Megabanken?
  • Haben Sie die Krise kommen sehen?

Peng!

Peng (oder Peng Collective) ist ein Zusammenschluss von Aktivisten, Künstlern und Wissenschaftlern in Berlin. Sie haben unter anderem mit einer "PR-Agentur für die Zivilgesellschaft" dem Schauspielhaus Dortmund kooperiert. Zuletzt hackten sie die Bundesdruckerei mit einem Pass, der zwei Gesichter zeigt (SPIEGEL ONLINE). 

Wir haben mit einem von ihnen darüber gesprochen, wie diese Fragen ankamen – und was sie aus den Antworten gelernt haben. 


Ihr habt ein Call Center namens „Civil Financial Regulation Office“ eröffnet und 1700 Anrufe bei Banken und Behörden abgesetzt. Das klingt ehrlich gesagt nicht wie Kunst.

Das CFRO ist zwar ein Kunstprojekt auf der Athen-Biennale aber es ist auch ein tatsächlich funktionierendes Call Center. Fünf Künstlerinnen und Künstler rufen mehr als 1.700 mal bei Finanzinstitutionen – Banken, Behörden und Think-Tanks – an.  Die Antwortquote war übrigens fünf Prozent.


Und welche Finanzinstitutionen habt ihr angerufen?

Unter anderem die Europäische Zentralbank (EZB), der Internationale Währungsfond oder die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die deutsche Behörde. Ich würde den Job der letzteren zum Beispiel so verstehen, dass die dafür zuständig sind, den Finanzmarkt zu regulieren und zu stabilisieren.


Das klingt doch gut. Was habt Ihr gegen einen stabilen Finanzmarkt?

Naja, es kommt darauf an wie. Die ethische und soziale Dimension wird aus dem Prozess weitgehend ausgeklammert.


Was heißt das?

Zum Beispiel wenn man sagt: Ich möchte die Waffenindustrie ausbauen und das in die ganze Welt verschicken und damit es richtig Profit gibt. Ich finde, dann sollte es eine Regulation geben, die sagt: Stopp, du darfst das nicht finanzieren.


Die Finanzkrise ist aber nicht wegen ethisch bedenklicher Investments entstanden. Mehr ethische Verantwortung trägt also nicht unbedingt dazu bei, stabilere Finanzmärkte zu haben.

Nein überhaupt nicht. Man könnte sogar sagen, dass eine destabilisierte manchmal Gesellschaft gut für die Finanzmärkte ist, gerade Krieg lohnt sich ja für die Rüstungsindustrie.

Dafür gibt es keine einfachen Lösungen. 

Dass die Regulierungsbehörden sich gesellschaftlichen Bedürfnissen verantwortlich fühlen, sollte aber der Ausgangspunkt sein – und nicht die Stabilisierung des Finanzmarktes, die ja nicht geklappt hat. An der auseinanderdriftenden Gesellschaft ist auch die Finanzpolitik schuld, das wird viel zu selten thematisiert. Das hat etwas von Massenhypnose und Zauberei.


Hypnose?

Ja! Wenn ich anfange, was über Finanzpolitik zu erzählen, schalten sehr viele innerlich ab.

 

Weil es langweilig ist. 

Und weil man es nicht versteht, weil die Begriffe technisch sind und es gefühlt nichts mit mir zu tun hat. Dabei hat es super viel mit uns tun. Die Fragen, die wir gestellt haben, waren sehr breit. Von "Wo ist meine Pension hin?" bis zu "Ist der Freie Markt eine gute Antwort auf die Klimakrise?" Mich selbst hat vor allem interessiert, warum in der Regulierung der ethische Aspekt fehlt.

 

Und darauf hast du jetzt eine Antwort?

Nee. Die haben rumgeeiert und sind nicht darauf eingegangen. Jemand von der Bank Goldman Sachs meinte auch: "Sorry, aber meine Ethik lasse ich an der Haustür." Dass er uns das am Telefon so offen sagen kann, zeigt: das ist da Normalität.

 

Ein Junger Grieche hat Euch gebeten, die Banken zu fragen, warum ausgerechnet er die Krise ausbaden muss. Kann die Europäische Zentralbank das überhaupt beantworten?

Die Idee war, nicht nur Fragen zu stellen, die ein Ökonom beantworten kann, sondern die Gegenseite zu zwingen, eine einfache Antwort zu geben. Ich glaube, dass die dadurch merken: sie habe eine soziale Verantwortung mit ihrem Job.

 

Wenn Waffenhandel nicht ethisch vertretbar ist, müsste doch aber die Politik eingreifen.

Die haben wir auch angerufen. Im Finanzministerium und bei der EU-Kommission. Aber die wollten nicht reden. Auch die Europäische Zentralbank ist überraschend geschlossen – sogar deren Abteilung für öffentliche Anfragen. Unsere Mitarbeiterin hat gemerkt: alles ist darauf ausgerichtet, nicht zu antworten. Ein Mitarbeiter, den wir angerufen haben, ist richtig ausgerastet und hat geschrien, es sei nicht sein Job, uns Fragen zu beantworten.

 

Woher wusstet ihr, wen Ihr anruft?

Wir haben monatelang Telefonnummern recherchiert: über 500. Von der Personalabteilung bis zu höheren Positionen.

 

Ihr sagt, euer Kunstprojekt war eine "naive Waffe", an anderer Stelle, dass ihr bitterernst dabei wart. Was von beidem war es denn?

Das ist ja kein Widerspruch. Es war erstmal naiv, das Gespräch zu suchen. Wenn man aber schon daran scheitert, bekommt man das Gefühl, nicht Teil einer Demokratie sondern einer Technokratie zu sein. 

Unsere Welt ist komplex. Ist doch gut, wenn diejenigen darüber reden, die Ahnung haben. 

Klar, aber selbst Finanzpolitik kann zugänglich gemacht werden. Ich bin kein Kernphysiker, aber habe eine Meinung zu Atomkraft. An Fukushima kann ich sehen, dass Atomkraft ein großes Problem ist. Dass der Finanzmarkt auch eines ist, kann man an der Griechenlandkrise sehen, an Argentinienund den USA. Trotzdem wird drüber nicht viel gesprochen.

 

Wenn es mich interessiert, was meine Bank mit meinem Geld macht: würdest Du mir empfehlen, da einfach mal anzurufen?

Ich finde eine Kultur gut, in der wir uns trauen, Fragen zu stellen. Man kann ja auch eine Email schreiben.

 

Und glaubst du echt, dass das was ändert?

Ich glaube es braucht zwei Dinge, um etwas zu ändern. Eine Politik, die sagt: Wir erlauben es nicht mehr, dass unsere Banken durch ökologische und soziale Zerstörung ihr Geld vermehren. Aber auch kritische Bürgerinnen und Bürger, die sagen: ich möchte mich ethisch korrekt verhalten.


Today

Diese Doku zeigt, wie rechtsradikal die Identitären wirklich sind

Die "Identitäre Bewegung" (IB) gibt sich gerne als eine Gruppe heimatliebender, junger Politikhipster. Obwohl sie nichts mit Rechtsextremismus zu tun haben will, wird sie schon seit längerem vom Verfassungsschutz beobachtet (Bundesamt für Verfassungsschutz). Offenbar aus gutem Grund. Denn eine neue Doku zeigt jetzt, wie rechtsradikal die Mitglieder der IB in Wirklichkeit sind.

Worum geht es in der Doku?

Der Sender Al Jazeera hat es geschafft, einen Journalisten undercover in einen Ortsverein der IB im französischen Lille zu schleusen. Über mehrere Monate hinweg filmte er Treffen, Gespräche und Aktionen mit versteckter Kamera. 

Dabei gab sich der Journalist, der aus Eigenschutz selbst nicht genannt oder gezeigt wird, als potenzielles neues Mitglied der Identitären aus.

Was konnte der Journalist herausfinden?

Interessant sind besonders die Gespräche der Identitären untereinander. Der Film zeigt, wie schnell sie auch einem vermeintlich neuen Mitglied ihre radikalen Sichten beschreiben. Dabei wird deutlich: Die IB ist alles andere als ein harmloses Kollektiv. Sind vertreten offen rechtsextremistische Meinungen und beschreiben detailliert, wie sie beispielsweise einen Anschlag auf Asylbewerber ausführen würden.