"Sie wollte sich lieber in der Männerumkleide umziehen."

Mädchen sind gut in Deutsch, Jungen im Sportunterricht. Mädchen halten ihre Hefte sauber, die Jungen kritzeln kreuz und quer durch ihre Mappen und Collegeblöcke. 

Klischees, die noch immer in vielen Köpfern verankert sind. Dabei sollte längst klar sein: Viele Mädchen lieben Fußballspielen, manche Jungen lesen lieber, statt in Bäume zu klettern. Wie die eigene Einstellung zu Rollenbildern und Gleichberechtigung aussieht, ist häufig geprägt von den eigenen Eltern, dem sozialen Umfeld. Aber auch die Schulzeit spielt hier eine wichtige Rolle: Schließlich verbringen junge Leute einen Großteil ihres Alltags dort. 

Wie groß ist die Verantwortung von Lehrerinnen und Lehrern, ihre Schüler für das Thema Gender zu sensibilisieren? Wie gehen sie damit um? Setzen sie sich für einen gleichberechtigten Unterricht ein?

Diese Fragen haben Kathi, Paul und Nico beantwortet. Sie erzählen uns, wie sie versuchen, für alle gleich zu unterrichten, woran sie scheitern und wo sie Erfolge feiern.     

Kati, 34 Jahre

(Bild: privat)

Sie unterrichtet als Grundschullehrerin in NRW die Fächer Sachkunde und Deutsch. 

"In meinem Unterricht gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ich passe mein Material immer so an, dass alle gleich angesprochen werden. Leider ist das Material oft alt. Viel zu oft geht es nur um die männliche Version oder es werden Klischees bedient. Die Mädchen haben auf den Bildern oft Röcke und die Jungen Hosen an. Und natürlich mögen in den Büchern Jungs Blau und Mädchen lieber Rosa. 

Dass das nicht so sein muss, erzähle ich meinen Schülerinnen und Schülern häufig. Wir müssen ihnen einfach früh zeigen, dass es nicht um Unterschiede geht, nicht darum, Mädchen oder Junge zu sein. 

Wie in meiner ersten Klasse nach dem Referendariat. Dort war ein Mädchen, dass gerne mit Jungen spielte und immer lieber bei den vermeintlichen "Jungssachen" dabei war. Fußball war ihr Ding. Ich habe selten ein so glückliches Kindergesicht gesehen wie ihres, als ich sie zur Fußball-AG einlud. Sie war das einzige Mädchen dort, das störte aber weder sie noch die Jungen. Dann kam raus: Sie wollte sich lieber in der Männerumkleide umziehen. 

Er fühlte sich als Junge. Mittlerweile ist er das auch.

Was mit ihm passierte, dass es so etwas gibt und wie wir in der Klasse damit umgehen, besprachen wir dann im Unterricht. Ich hatte den Eindruck, dass es dadurch für die Kinder total alltäglich war. Niemand wurde deswegen gehänselt. Ich hätte aber auch versucht, es zu verhindern. 

Dieser Fall zeigt doch, dass es darauf ankommt, was wir Kindern vorleben und dass wir maximal offen mit diesem Thema umgehen sollten. Ich glaube auch, weil es absolut normal behandelt haben, gab es nie Fragen seitens der Eltern oder anderer Lehrer.

Das ist aber nicht immer so. Im Sachkundeunterricht erkläre ich den Schülerinnen und Schülern immer, dass es nicht nur Liebe zwischen Frau und Mann gibt. Andere machen das bewusst nicht. Ganz zu schweigen von den Eltern. Viele beschweren sich, wenn wir dieses Thema auch aus dieser Perspektive behandeln. Für viele Menschen ist Homosexualität offenbar immer noch ein Tabuthema."

Dieses Video erklärt, warum Genderpädagogik wichtig ist: 

Paul, 30 Jahre

(Bild: privat)

Er unterrichtet in NRW an einem Gymnasium Sport und Biologie.  

"Bei Ansprachen spreche ich immer beide Geschlechter an und in meinem Unterrichtsmaterial verwende ich das Gendersternchen. Ich habe mich schon in meiner Masterarbeit intensiv mit dem Thema "Gendern im Sportunterricht" auseinandergesetzt. Deswegen versuche ich auch, es in meinem Unterrichtsalltag umzusetzen. 

Im Sportunterricht wurde ich allerdings schnell auf den Boden der Tatsachen geholt.

Dort alle gleich zu behandeln ist quasi unmöglich. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass Männer und Frauen sich unterschiedlich bewegen, aber auch daran, wie sie sich selbst wahrnehmen. Oft sind die Mädchen genervt, wenn wir ein Ballspiel spielen, und die Jungs haben keine Lust aufs Tanzen. 

Die Schülerinnen und Schüler bringen bestimmte Einstellungen schon mit in den Unterricht, so bilden sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Diese Einstellungen entstehen durch Vorerfahrungen, denke ich. Bevor die Schüler bei mir in den Unterricht kommen, sind sie schon ein paar Jahre in Sport unterrichtet worden und haben sich eine Meinung über eine bestimmte Disziplin gebildet. Die gehen direkt davon aus, dass sie etwas nicht können, weil es früher nicht geklappt hat. Vielleicht auch, weil sie denken, Mädchen können eben kein Fußball spielen, Jungen sind schlecht im Tanzen.

Das aufzubrechen ist schwer.

Es gibt Sportarten, wie zum Beispiel Volleyball, Badminton, Parkour und Turnen, da ist niemand benachteiligt, weil es hier nicht immer auf körperliche Stärke oder andere Mitspieler ankommt.  

Problematisch wird es bei den Mannschaftssportarten. Wenn ich zum Beispiel Basketball anbiete, dann werfen die Jungs den Ball hin und her und die Mädchen laufen einfach gelangweilt mit. Wie soll ich das dann als Lehrer ändern? 

Ich könnte zum Beispiel Mädchen und Jungs trennen. Aber das wäre nicht gendergerecht. Oder ich verlange, dass alle vor einem Korb mal den Ball gehabt haben müssen. Das unterbricht allerdings den Spielfluss und impliziert eine direkte Wertung. Schließlich setzt diese Regel die Annahme voraus, dass Mädchen schlechter Basketball spielen als Jungen und deshalb extra berücksichtigt werden müssen.  

Eine Lösung habe ich bis jetzt noch nicht gefunden.

Persönlich unterrichte ich auch lieber die Sportarten, bei denen niemand benachteiligt ist. Da haben alle eine gute Möglichkeit, am Sportunterricht teilzunehmen. Aber natürlich halte ich mich an unseren Lehrplan und da geht es nicht darum, was ich lieber mag. Basketball muss letztendlich genauso viel Platz bekommen wie Badminton.     

Wie ich mit diesem Thema umgehe, bleibt aber mir überlassen. Der Lehrplan unserer Schule gibt mir nur grob vor, was und wie ich unterrichten muss. Ob ich das gleichberechtigt gestalte, liegt bei mir. 

Die Sensibilität für dieses Thema – gerade unter den jungen Kolleginnen und Kollegen – ist zwar da, aber wir haben zu viel zu tun. Ich bin oft schon froh, dass alle umgezogen zum Sportunterricht erscheinen, motiviert mitmachen und wir den geplanten Stoff durchkriegen. Dabei auch noch die Gleichberechtigung einzuplanen, ist manchmal einfach nicht möglich."

Gendern in Schulen – drei Fragen, drei Antworten:

Wir haben mit Jürgen Budde gesprochen. Er lehrt Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik an der Europa-Universität Flensburg.  

Wie müssen Schulen laut Lehrplan mit dem Gender-Thema umgehen?

Neben fachspezifischem Unterricht hat eine Schule einen Anteil an der Persönlichkeitsbildung ihrer Schülerinnen und Schüler. Sie übernimmt erzieherische Aufgaben. Dazu gehört auch die Einstellung, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Wie stark sich eine Schule mit dem Thema Gender befasst, liegt allerdings bei ihr.

Welche Aufgabe kommen Lehrerinnen und Lehrern in einer geschlechter-gerechten Ausbildung zu?

Der Umgang mit dem Geschlechter-Thema ist ein wichtiger Teil, aber nicht der einzige. Auch bei anderen Themen können soziale Unterschiede deutlich werden. Es gibt auch Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlicher kultureller Herkunft, die unterschiedlich sicher in der deutschen Sprache sind und auch sonst unterschiedlich befähigt oder beeinträchtigt sind. Außerdem geht es für junge Lehrerinnen und Lehrer auch erst mal darum, Professionalität zu entwickeln und zu festigen. Gendersensibiltät hat da nicht immer Vorrang.

Was sollte sich im Hinblick auf das Thema Gender in Schulen ändern?

Wir sind bei dem Thema schon auf einem guten Weg – gerade, wenn man es mit anderen Bereichen wie Inklusion oder dem Umgang mit der hohen Anzahl an geflüchteten Kindern vergleicht. Die Frage nach einer Gleichheit zwischen Geschlechtern ist schon relativ etabliert an deutschen Schulen.

Nico, 29 Jahre

(Bild: privat)

Nico macht sein Referendariat in einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Er unterrichtet die Fächer Sport, Sachkunde und Deutsch.  

"Ich behandele das Thema Gleichberechtigung erst, wenn die Schülerinnen und Schüler danach fragen. Generell geht es selten im Unterricht um dieses Thema, auch Eltern sprechen es kaum an.  

Das ist auch im Lehrplan nicht anders vorgesehen: Nur in Sachkunde wird das Thema Sex und Geschlecht behandelt. Auch nur zwischen Mann und Frau. Alles andere muss ich nicht in den Unterricht aufnehmen.

Aber wenn ich merke, dass der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen, Männern und Frauen problematisiert wird, spreche ich das an. Zum Beispiel erkläre ich ihnen, wie verletzend es sein kann, wenn Jungen Mädchen beim Spielen ausschließen oder andersherum. 

So kann ich sie vielleicht zum Nachdenken anregen.

Die Entscheidung, wie die Kinder mit Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit umgehen, kommt aber von den Eltern. Die leben ihnen das vor und die Kinder machen es nach. Das kann ich leider nicht ändern. Und für so viel Reflektion sind sie noch zu jung.

Es gibt aber Situationen im Sportunterricht, da versuche ich, ihnen Anstöße zu geben. Die Kinder haben bestimmte Vorstellungen, was Jungs und Mädchen machen. Zum Beispiel beim Tanzen. Die wenigsten Jungen haben Lust, Ballett zu tanzen. Die meisten wollen lieber Fußball spielen.

Um sie zum Tanzen zu motivieren, suche ich dann Lieder und Choreografien heraus, die auf das Bewegungsprofil der Jungen passen. Also mehr Bewegung und schnellere Ausführungen, als es beim Ballett eigentlich der Fall ist. Die Jungs merken dann gar nicht, dass sie eigentlich Ballettübungen gemacht haben. In ihren Augen haben sie nur rumgezappelt.

Die Mädchen machen dann einfach mit und haben ihren Spaß.

Und natürlich mache ich es anders rum – wenn die Mädchen zum Beispiel keine Lust auf Fußball haben – genauso.  

Denn das ist doch mein Job als Lehrer: Bei den Kindern die Motivation zu wecken. Wenn ich das für alle gleich verwirklichen kann, tue ich das. Aber ich scheue mich nicht, geschlechterspezifisch zu arbeiten. Ich nutze lieber die Einstellungen der Kinder und versuche, sie damit zu motivieren, als sie verändern zu wollen."  

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Retro

Mythologie-Quiz: Wie gut hast du in der Schule bei den Göttern aufgepasst?
Von Anubis bis Zeus.

Egal, wie man nun zu Religionen steht: Interessant sind die unterschiedlichen Weltanschauungen und Götterbilder allemal. 

Das Neue Testament bleibt im Vergleich zum Alten und den meisten polytheistischen Religionen – also denen mit mehreren Göttern – ziemlich blass. Ein einzelner Gott, eine jungfräuliche Geburt und die Wiederauferstehung nach drei Tagen sind gar nichts gegen die Vergehen und Abenteuer der römischen, griechischen und ägyptischen Gottheiten. (Bonus: Was in Japan los ist, glaubt uns eh keiner...) 

Aber wie gut kennst du dich mit den Göttern aus? Teste dein Wissen in unserem Quiz!