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Unsere Forderungen zum Weltfrauentag

Mit Veränderung ist das so eine Sache: Manche lieben sie, anderen macht sie Angst; sie kann spannend sein, oder schwer zu akzeptieren – doch in den meisten Fällen lässt sie sich nicht aufhalten. So verhält es sich auch mit der Verbreitung der Erkenntnis, dass Männer lange genug eine hervorgehobene Position in der Gesellschaft hatten und man dieses Ungleichgewicht gegenüber anderen Geschlechtern allmählich mal ändern sollte.

Um das zu erreichen, gibt es viele Wege. Einer davon ist eine Veränderung unserer Sprache. Und sie passiert bereits. Deshalb ist es wahnsinnig lästig, dass etwa jedes halbe Jahr eine öffentliche Debatte entsteht, die diese Veränderung infrage stellt. Das ist nicht nur unnütz, es langweilt.

Also, liebe Hater: Das Gendern ist nicht mehr aufzuhalten – sucht euch ein neues Thema.

Das würde nicht nur mein, sondern auch euer Leben enorm erleichtern. Denn das größte Problem beim Kritisieren von gendergerechter Sprache ist: Es gibt keine guten Argumente dagegen. 

  • "Frauen sind doch mitgemeint"? Nee, sorry. Studien zu Wortassoziationen zeigen, dass Menschen beim Generischen Maskulinum – der standardmäßigen Verwendung der männlichen Form (Arzt, Schüler, Musiker) – eben nicht Frauen mitdenken, sondern sofort Männer vor dem geistigen Auge haben. Stattdessen werden beim Generischen Maskulinum schon per Definition Männer "immer mitgemeint". Frauen müssen hingegen schon früh im Leben lernen, zu unterscheiden, wann bei der männlichen Formulierung auch von ihnen die Rede ist. Das stärkt leider eine Struktur, die auch außerhalb der Sprache existiert: Das Männliche gilt als Norm, alles andere ist eine Abweichung davon. 
  • "Nur weil ein Wort grammatikalisch maskulin ist, hat das nichts mit dem Geschlecht der beschriebenen Person zu tun." Hey, das stimmt! In der Theorie. Die genannten Studien zeigen aber, dass Menschen durchaus vom grammatikalischen Gender auf das echte schließen. Außerdem zeigt die Forschung, dass Mädchen sich weniger zutrauen, wenn sie in vielen gesellschaftlichen Funktionen nicht nur vorrangig Männer sehen, sondern auch sprachlich fast immer von Männern die Rede ist. Ist diese Real-Life-Erkenntnis nicht wichtiger als die Theorie? Die britische Feministin und Autorin Laurie Penny hat gesagt: "Wir können nur werden, was wir uns vorstellen können." Und was wir uns vorstellen können, ist stark davon beeinflusst, worüber wir miteinander sprechen. 
  • "Es macht die Sprache so unschön." Zum Glück haben sich schon sehr viele Menschen kreative Gedanken dazu gemacht, wie man gendergerecht – oder zumindest gendersensibel – schreiben kann, ohne dass es besonders auffällt ("Geschickt Gendern" gibt Tipps). Man kann diesen Lernprozess als lästig empfinden – oder man kann ihn als Möglichkeit sehen, etwas kreativer zu formulieren. Alles eine Frage der Einstellung.  

Selbst die Politik hat erkannt, dass Gendern wichtig ist.

Klar, Gerechtigkeit entsteht nicht allein durch Sprache. Eine Kanzlerin zu haben, hat schließlich auch nicht dazu geführt, dass plötzlich genauso viele Frauen wie Männer in der Politik sind. Es gibt vieles, woran man arbeiten muss, aber Worte gehören eben auch dazu. Sprache hat Macht (bpb). Das wissen Songwriter genauso wie Buddhistinnen und Buddhisten, die Mantras wiederholen. Das wussten auch die Nazis, die mit bewusst gewählten Wörtern Bilder in den Köpfen der Menschen erzeugten.

Auch die heutige Politik weiß das. Schon seit Anfang der 1990er Jahre gibt es deshalb Vorgaben vom Bund und den Ländern, die eine gendergerechte Amtssprache vorantreiben sollen. Sie beziehen sich dabei auf Artikel 3 des Grundgesetzes, in dem sich der Staat selbst dazu verpflichtet, die Gleichberechtigung der Geschlechter aktiv zu verbessern. Sie tun dies auch durch Sprache: In einer Veröffentlichung des Bundesfamilienministeriums heißt es: "Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist durch geschlechtersensible Sprache zum Ausdruck zu bringen." 

Auf den Websites von Behörden liest man inzwischen häufig die Paarform des Genderns ("Wählerinnen und Wähler") und neutrale Formulierungen ("Studierende" statt "Studenten"), selbst ein Blick auf die Sites einiger Unternehmen zeigt, dass sich das Gespür fürs Gendern immer mehr verbreitet. 

Trotzdem: Es gibt noch viel zu tun. Die meisten Medien, beispielsweise, scheuen sich noch davor, die gendergerechte Sprache zu verwenden. Auch einige Politikerinnen und Politiker finden gendern nach wie vor "gaga", um es mit den Worten von Staatsministerin Dorothee Bär zu sagen (SPIEGEL ONLINE). Aber es hat immerhin auch sehr lange gedauert, bis es allgemein verpönt war, Frauen bei der Arbeit einen Klaps auf den Hintern zu geben. Da kann man von der Sprachentwicklung vermutlich auch keine rasanten Wunder erwarten. 

Das Wichtige ist: Der Prozess hat begonnen und er wird sich nicht mehr aufhalten lassen.

Ein weiterer Beleg dafür ist die Tatsache, dass der Rat für deutsche Rechtschreibung – der über sprachliche Reformen entscheidet, die dann auch in den Duden gelangen – seit dem vergangenen Jahr an einer offiziellen Empfehlung zu den verschiedenen Gender-Varianten arbeitet. 

Das Interessante daran: Der Rat hat die Aufgabe, gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten und daraus neue Richtlinien abzuleiten, nicht anders herum (Tagesspiegel). Das Argument vieler Kritikerinnen und Kritiker, Veränderungen wie die geschlechtergerechte Sprache würden "von oben" erzwungen, zieht also nicht. Besonders, weil diese Veränderungen von strukturell Schwächeren erkämpft wurden. Stattdessen bedeutet es: Veränderung passiert bereits – mit oder ohne offizielle Unterstützung. 

Wer Gender-Sternchen oder Binnen-I als Angriff auf die bestehende Kultur sieht, bemerkt also nicht, dass sie bereits ein Teil von ihr sind.

Das Gute daran, mehr Menschen in der Sprache sichtbar zu machen, ist: Viele gewinnen dadurch, niemand verliert etwas. Das Worst Case Scenario ist, dass wir etwas mehr darüber nachdenken, wie wir etwas sagen wollen und dass es hier und da einige unbeholfene Schwurbelsätze gibt. Im Vergleich zur Marginalisierung von 50 Prozent der Bevölkerung scheint mir das zu verkraften.


Gerechtigkeit

Wenn eine Frau umgebracht wird, ist das kein "Familiendrama". Nennt es endlich Femizid
Unsere Forderungen zum Weltfrauentag

Seit Mitte Februar wird die 15-jährige Rebecca aus Berlin vermisst. Die Polizei geht von Totschlag aus, die Mordkommission ermittelt. Aber das Foto, mit dem die Polizei nach dem Mädchen fahndet, ist seltsam. Es ist ein Instagram-Bild, Rebecca macht darauf ein Duckface, ist stark geschminkt, auf dem Bild liegt ein Beauty-Filter.

Warum wird ausgerechnet mit diesem künstlichen Bild nach dem Mädchen gesucht? Die Antwort: für uns, für die Medien. Seit Wochen druckt die Bild-Zeitung das Foto immer wieder. Rebecca ist darauf hübsch, sympathisch und mädchenhaft.

"Ein Mädchen mit blondem Pony, vollen Lippen, blauen Augen – von künstlicher Schönheit", schwelgt die WELT. Und lässt sich von einem Experten erklären: Bei jungen Mädchen würden "archetypische Gefühle" angesprochen, wie etwa der Beschützerinstinkt.

Gewalttaten an Frauen sind für uns Krimis, Morde an Frauen nennen wir Dramen. Dabei müssen wir Gewalt gegen Frauen endlich als das ernst nehmen, was es ist: Femizid.

Ein Vater tötet seine Tochter (BILD), da heißt es "Familiendrama", ein Typ engagiert drei Kumpels, um gemeinsam seine Ex-Freundin zu erstechen (Stern), das wird "Beziehungstat" genannt. Dabei sind das keine erfundenen Dramen, sondern echte Straftaten – und die Betroffenen hatten gar keine Beziehung mehr. 

Doch nicht nur das ist in Deutschland ein Problem – auch im deutschen Strafrecht wird Gewalt gegen Frauen unfair gewichtet. 

Das Problem mit dem Wort "Beziehungstat" ist nämlich: Es ist formal gesehen völlig korrekt. Damit etwas als "Beziehungstat" in die Kriminalitätsstatistik eingeht, reicht auch ein Tinderdate, ein gelegentliches gemeinsames Mittagessen im Büro (FAZ).

Auch wenn die Polizei also eine "Beziehungstat vermutet", sollten Medien genau nachfragen, bevor sie Täter und Opfer in eine Liebesbeziehung setzen.

Ein weiteres Problem: Mord wird besonders hart bestraft, wenn ein Gericht Heimtücke, Habgier oder Grausamkeit feststellt. Nur ist Heimtücke ein Mordmerkmal der Schwachen, sagt der Anwaltverein (ZEIT), und wird überdurchschnittlich oft bei Frauen festgestellt. Wer dagegen offen zuschlägt, komme eher mal mit Totschlag davon. Tötet er anschließend sich selbst, ist das ein erweiterter Suizid und taucht gar nicht in der Kriminalstatistik für partnerschaftliche Gewalt auf (KeineMehr). 

Wie also kann man über diese Taten als das sprechen, was sie wirklich sind? Die Lösung dafür hat die US-Feministin Diana Russel schon vor 40 Jahren gefunden: das Wort Femizid.

Als Femizid wird der Mord an einer Frau bezeichnet. 

Oder eher: der Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist. Auch die WHO verwendet den Begriff. Die Bundesregierung hat erst im vergangenen Jahr einen Antrag der Linkspartei abgelehnt, ihn auch in Deutschland zu benutzen. 

In der Bundesrepublik entsteht keine öffentliche Diskussion über den Begriff. Anders ist das im Ausland: In Österreich brennt gerade eine Debatte über die hohe Zahl an Gewalttaten gegen Frauen, die Struktur dahinter und über das Wort Femizid (Vice). In Argentinien haben in den vergangenen Jahren Aktivistinnen der Frauenbewegung "Ni una menos" erkämpft, dass Femizid als Bezeichnung in den Medien und sogar vor Gericht verwendet wird. Dadurch ist dort ein Bewusstsein über das strukturelle Ausmaß von Frauenmorden entstanden, das es so in Deutschland bisher nicht gibt. (DLF)

Dabei gibt es in Deutschland alle zwei bis drei Tage einen Femizid durch Partner oder Ex-Partner (SPON).