"Ich bin müde von den immer gleichen Diskussionen"
"Es ist nun mal so, dass es zwei biologische Geschlechter gibt, und dies merkt man auch im Unterricht", sagt ein Kommilitone. 

Ein Stöhnen geht durch den Raum, entsetzte Blicke. "So eine Aussage sollte eigentlich nicht erlaubt sein, Sie unterdrücken damit Minderheiten", entgegnet eine Kommilitonin und wird dabei immer lauter.

Ich studiere Grundschullehramt und sitze in einem Seminar an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln und frage mich, wie lange die Genderdebatte diesmal dauern wird: Gibt es zwei Geschlechter, und wenn nein, darf man dies im Unterricht postulieren?

Ist nicht allein schon der Begriff Geschlecht diskriminierend, wenn es nur zwei mögliche Zuordnungen gibt?

Die Diskussionen gipfeln an diesem Tag darin, dass es "ja mit der Wortwahl anfängt" und die Diskriminierung schon beginnt, sobald man nur Schüler sagt und nicht Schülerinnen.

Spätestens ab da wird es unsachlich, chaotisch und keiner weiß mehr genau, worum es zu Beginn ging. Doch es bleibt nicht bei Diskussionen. Erst neulich rief eine Studentin auf der Damentoilette: "Unterschreibt jetzt für Unisex-Toiletten!"

Ich bin müde. Müde davon, dass ich in meinem Lehramtsstudium immer wieder die gleichen Diskussionen führe, die den eigentlichen Stoff vergessen lassen. 
Es gibt mehr als zwei Sorten!(Bild: Unsplash)

Müde davon, dass man keine spontane Aussage mehr treffen kann, ohne als unreflektiert bezeichnet zu werden. Und müde davon, dass es nur zwei Seiten gibt: die absoluten Gender-Befürworter und die Gleichgültig-Unwissenden, die jedoch sofort als homophob bezeichnet werden, denn Halbaussagen gibt es nicht, und darf es auch nicht geben.

Ich bin müde davon, dass es nur zwei Seiten gibt
Laura Barton

Doch mein Gefühl, dass sich die ganze Welt nur noch um Geschlechterformen, Teilhabe und Inklusion dreht, ist falsch. Es ist mein Studiengang und andere sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer, es ist meine Blase, die sich vor allem damit beschäftigt. 

Als ich mit einem Kumpel darüber sprechen möchte, der – ja, Klischee, aber wahr – BWL studiert, sagt er nur: "Ach Laura, hör mir auf damit. Dieses ganze Gendergelaber und diese Inklusionskacke braucht doch niemand."

Ich muss schlucken. "Es klappt im Alltag sowieso nicht, alle zu integrieren", sagt er weiter. Und zu mir: "Überleg dir mal lieber, ob du nicht schnell fertig studierst, davon hast du mehr, als wenn du dir über so einen Quatsch weiter Gedanken machst."

Diskussionen in der Uni-Gruppe: männlich, weiblich, anders?(Bild: Unsplash)

Plötzlich muss ich an einen Bekannten denken, der in der IT-Branche arbeitet und sich kürzlich darüber beschwert hat, er müsse einem neuen Kollegen nun Deutsch beibringen. 

Oder eine Freundin, die Gymnasiallehramt studiert und meinte: "Inklusion? Davon halte ich nichts, das können wir doch gar nicht umsetzen." Ich merke: Themen wie Barrierefreiheit oder Individualität sind immer noch überwiegend theoretische Konstrukte und müssen ihren Weg in die Praxis oft noch finden.

Und genau deshalb brauchen wir sie doch. Jede noch so kleine Diskussion über Gender, jede Bemerkung über den Eingang, der nicht barrierefrei ist, jede Aussage darüber, dass "normal" eigentlich nur relativ ist. 

Und auch wenn es manchmal lästig ist, eigentlich ist es doch ganz nett, dass es in den Evaluationsbögen der Seminare bei Geschlecht stets vier Antwortmöglichkeiten gibt: "männlich", "weiblich", "anders" und "keine Angabe". Zwar ist damit noch nicht das Ziel erreicht, aber zumindest ein kleiner Schritt in eine Welt der Verschiedenheit.

Ab und zu positionieren sich auch Dozenten.

 So betonte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin am Anfang des Semesters: "Und statt der gängigen Fußnote 'Im Folgenden wird aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung nur die männliche Form verwendet', benutzen sie doch in Ihrer Hausarbeit mal nur die weibliche Form. Sie werden merken, dass nicht alle Kollegen dies kommentarlos annehmen werden."

Wir als Studierende (Achtung, diese Form ist genderkorrekt) nehmen dann diese Anreize zum Anlass, uns auf genau solche Kleinigkeiten aufmerksam zu machen. 

Und genau das, nämlich das Bewusstsein für die Gleichberechtigung aller in die Welt zu tragen, ist später unsere Aufgabe als Lehrer.


Gerechtigkeit

Mit dem Zug durch Deutschland: Was Menschen wirklich bewegt

Der Mann mit der Aktentasche auf dem Weg zur nächsten Präsentation, der Fußballfan nach dem Stadionbesuch, Freundinnen, Familien, Großeltern, die Kegeltruppe, die das Wochenende in München verbringen will. 

Sie sind Fremde. Aber im Zug werden sie für einige Minuten, manchmal für Stunden, zu Partnern, einer ungleichen Reisegruppe, mit dem gleichen Weg, aber nur ganz selten dem gleichen Ziel.

Fast jeder kennt das Gefühl, in einem Regionalzug zu sitzen, Musik in den Ohren, Reisetasche zwischen den Füßen. Es riecht nach verschüttetem Kaffee, nach halbverzehrten Ei-Brötchen im Mülleimer, alten Sitzbezügen, nach Alltagstristesse.