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Wir brauchen endlich eine gendergerechte Sprache!

Mal ist es ein kleines Sternchen, mal ein großgeschriebenes I, ein Unter- oder Schrägstrich mitten im Wort. Mal ist es ein x am Ende, mal wird ein Wort doppelt genannt, mit unterschiedlichen Endungen: Es gibt viele Möglichkeiten, in der Sprache auf das Vorhandensein von Menschen hinzuweisen, die keine Männer sind. Trotzdem entscheiden sich noch immer viele dagegen. Die weibliche oder neutrale Variante störe den Lesefluss, heißt es und es wisse doch jeder, dass bei der männlichen Form Frauen "mitgemeint" sind.

Ich finde: Beides ist weder wahr noch hilfreich für die Gleichstellung der Geschlechter.

Am Freitag traf sich die höchste Autorität in Sachen deutscher Sprache in Passau, der Rat für deutsche Rechtschreibung. Das sind die Leute, die sich Rechtschreibreformen überlegen und staatlichen Institutionen Empfehlungen zur korrekten Verwendung von Grammatik und einzelnen Begriffen geben. Eine Arbeitsgruppe des Rates hatte zuvor analysiert, wie im deutschsprachigen Raum überhaupt gegendert wird. Es wurde erwartet, dass der Rat nun eine klare Empfehlung zum Gendern ausspricht – selbst die Leiterin der Duden-Redaktion hoffte darauf. (SPIEGEL ONLINE)

Doch der Rat teilte stattdessen mit: Die Entscheidung wird vertagt. Man wolle erst mal sehen, wie die Genderformen in der Alltagssprache überhaupt verwendet würden. (Tagesspiegel)

Ganz ehrlich? Damit haben sie die Chance auf Fortschritt verpasst, denn es gibt kein einziges gutes Argument gegen das Verwenden von gendergerechter Sprache. 

Hier sind die meistgenannten Sätze von Gendergegnerinnen und -gegnern und die Antworten darauf: 

1 "Das machen wir doch schon immer so."

Nein. Das sogenannte Generische Maskulinum – also die alleinige Verwendung der männlichen Form für alle – gibt es in seiner heutigen Form erst seit dem 19. Jahrhundert. Bis dahin waren mit den meisten Bezeichnungen wie "Bürger", "Pfarrer" oder "Richter" tatsächlich nur Männer gemeint. Frauen gab es in den meisten dieser Positionen nicht, also mussten sie auch nicht benannt werden. Das Problem entstand erst, als Frauen immer mehr Rechte erstritten. (SZ)

Vor genau 100 Jahren beispielsweise erkämpften Frauen das Wahlrecht – und plötzlich waren sie beim Wort "Wähler" mitgemeint, weil sich offenbar niemand die Mühe machte, das Wort "Wählerinnen" zu verwenden. Knapp hundert Jahre später hatte sich sprachlich noch immer nicht viel getan. "Selbst 2005 nach der Wahl von Angela Merkel hat man sich gefragt, ob man sie nicht lieber weiterhin 'Kanzler' nennen sollte", sagte Sprachforscher Anatol Stefanowitsch in einem Interview mit der SZ, "inzwischen kommt uns der Ausdruck Kanzlerin normal vor".

2 Na gut, aber "Frauen sind doch trotzdem mitgemeint".

Frauen sollen mit einem Drittel der Plätze im Bundestag zufrieden sein. Sie sollen sich nicht darüber aufregen, dass sie in Deutschland im Schnitt 21 Prozent weniger Gehalt für dieselbe Arbeit bekommen als Männer. Und Frauen sollen sich bitte einfach mitgemeint fühlen, wenn nur von Männern die Rede ist. 

Nun gut, nehmen wir einfach mal an, der oder die Schreibende meint es nicht böse und verwendet einfach nur die gewohnte Form, schreibt von "Schülern" oder von "Abgeordneten". Nichts für ungut. 

Doch leider weiß man aus der Sprachforschung, dass zu jeder Kommunikation sowohl eine sendende als auch eine empfangende Person gehört. Selbst wenn erstere Frauen mitmeint, entsteht im Gehirn von letzterer ein Bild von Männern. Das zeigen zahlreiche Studien: Werden Menschen nach ihren Lieblingssportlern gefragt, schreiben sie deutlich mehr Männer auf, als wenn sie nach ihren Lieblingssportlerinnen und -sportlern gefragt werden (Journal of Language and Social Psychology).

Damit Frauen und andere Geschlechter nicht nur mitgemeint, sondern auch mitgedacht werden, müssen sie sprachlich auch tatsächlich vorkommen. 

3 "Sprache ist doch nicht wichtig. Warum kümmert man sich nicht lieber um die echten Probleme von Gleichsstellung, wie Diskriminierung im Arbeitsmarkt?"

Das sollte man auf jeden Fall tun! Aber beide Themen schließen sich nicht aus, sondern sind unterschiedliche Symptome des selben Problems: Lange Zeit waren nur Männer in wichtigen Positionen – das zeigt sich sowohl in gesellschaftlichen Strukturen als auch in der Sprache.

Veränderung fängt immer in den Köpfen an. Wenn alle Geschlechter sprachlich mitgedacht und nicht nur mitgemeint werden, zementiert sich in den Köpfen, dass sie tatsächlich dazu gehören. Dann sind auch "echte" Ziele wie eine bessere Mischung in traditionellen Männer- und Frauenberufen erreichbarer.

Das zeigt auch eine Studie zu den Berufswünschen von Kindern: Ging es um Ärzte und Ärztinnen oder um Astronauten und Astronautinnen, dann trauten sich Mädchen eher zu, den Beruf selbst zu erlernen (Tagesspiegel). Eine andere Studie zeigt, dass es Menschen verwirrt, wenn erst von "Handwerkern" die Rede ist und im Satz darauf eine von ihnen als Frau erkennbar wird. (Stuttgarter Zeitung). 

4 "Einen gegenderten Text kann man doch gar nicht mehr lesen!"

Natürlich werden vielen Menschen beim Lesen zunächst über Gender-Varianten stolpern. Das Generische Maskulinum wird schließlich seit mehr als hundert Jahren verwendet. Aber das kann keine Ausrede sein, für immer an Formulierungen festzuhalten, die manche Gruppen einfach ausschließt. Schließlich haben wir es auch in anderen Bereichen geschafft, uns von diskriminierender Sprache zu verabschieden, die früher als normal galt.

Außerdem gibt es aktuell sehr viele Varianten: Wer das Binnen-I gewöhnt ist, dem fällt beim Lesen eines Textes vermutlich das Sternchen mehr auf als Menschen, die dieses regelmäßig sehen. Daher hätte es wirklich geholfen, wenn sich der Rat der deutschen Rechtschreibung zu einer Empfehlung durchgerungen hätte. Damit wir alle uns daran gewöhnen, dass es noch andere Menschen gibt als Männer und ein weiterer Schritt zu mehr Gleichstellung gemacht wird. 

Manchmal zählen Worte nämlich genauso viel wie Taten.



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Warum die "Lindenstraße" für queere Menschen in Deutschland so wichtig war

Die "Lindenstraße" wird eingestellt. Das hat die ARD nach 34 Jahren entschieden – in Serienjahren wirklich eine Ewigkeit. (SPIEGEL ONLINE)

Wer sich an die Sendung erinnert, denkt an spießige alte Leute, Mutter Beimer und überdramatische Abspann-Musik. Eigentlich nichts, was wir vermissen werden. Aber so staubig all das heute auf uns wirken mag:

Die Lindenstraße hat queere Menschen und ihren Alltag ins deutsche Fernsehen gebracht – fast ohne Klischees.

Ich war gerade neun Jahre alt, als ich 1996 in der "Lindenstraße" zum ersten Mal sah, wie sich zwei Frauen leidenschaftlich küssten. Tanja Schildknecht und Sonia Besirsky, eng umschlungen auf einer Wiese. 

Ich war fasziniert, verwirrt und hatte viele Fragen. Damals bekam ich von meiner Mutter zwar nicht alle Antworten, war aber trotzdem um einiges schlauer. So etwas gab es also auch.

Und zu diesem Zeitpunkt war das Thema in der "Lindenstraße" bereits seit fast zehn Jahren angekommen: Schon 1985 gab es mit Carsten Flöter (Georg Uecker) einen schwulen Charakter – und 1987 auch den ersten Kuss zwischen zwei Männern in der Serie. Dieser Kuss hat, so abgegriffen es auch klingen mag, damals Fernsehgeschichte geschrieben. 

Und dabei sollte man nicht vergessen, dass 1987 noch fast 15 Millionen Menschen vor dem Fernseher saßen, um sich die Serie anzuschauen (Meedia). Die "Lindenstraße" war einfach das, was man an einem Sonntagabend guckte. Allein deshalb, weil es zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viele Alternativen aus dem Fernsehen gab. 

Während man mit so einer Szene heute kaum noch Zuschauer überraschen kann, wurden die Schauspieler Georg Uecker und Martin Armknecht damals nicht nur von der Presse beschimpft, sondern bekamen Morddrohungen und zeitweise Personenschutz. Der Bayerische Rundfunk entschied sich wegen "moralischer Bedenken" sogar dagegen, die Folge zu wiederholen. (Queer.de)

Die "Lindenstraße" war früh dran, wenn es um die Darstellung von queeren Charakteren im Vorabendprogramm ging. 

Während 1997 auf RTL der Frauenknast ("Hinter Gittern") mit Walter startete, wurde in der "Lindenstraße" bereits die erste gleichgeschlechtliche Hochzeit gefeiert.

Zum Ende der "Lindenstraße" sagt WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn: 

"So sehr der Abschied auch schmerzt, können doch alle Beteiligten sehr stolz sein, denn sie haben mit der 'Lindenstraße' geschafft, was keiner anderen deutschen Serie gelungen ist: über Generationen hinweg mitten aus dem Alltag der Menschen heraus große gesellschaftliche und politische Themen abzubilden." 

Und das gilt auch für Themen aus der Lebenswelt queerer Menschen, wie die "Ehe für alle", HIV oder Adoption. Ganz ohne die Themen als außergewöhnlich oder klischeebehaftet darzustellen. (B.Z.)

Im Frauenknast verkörperte Katy Karrenbauer überwiegend das typische Klischee einer Kampflesbe. Selbst die Netflix-Serie "Queer Eye" spielt noch heute mit dem Vorurteil, Schwule hätten einfach den besseren Geschmack.

In der "Lindenstraße" sind Homosexuelle genauso langweilig, liebenswert, lustig oder scheiße wie jeder andere Mensch auch. 

Carsten Flöter ist einfach ein netter Arzt, der zufällig schwul ist. Und kein Schwuler, dem noch schnell irgendein Beruf zugeschrieben wird. Im Laufe der Sendung hat Carsten verschiedene Partner, ist lange verheiratet und adoptiert ein Kind. Wow, so alltäglich, dass es fast schon langweilig ist. 

Wer am Ende noch alles mit wem rumgeknutscht, wer wen verlassen, betrogen oder umgebracht hat – keine Ahnung. Fest steht, dass die "Lindenstraße" Schwule und Lesben in Deutschland sichtbar gemacht hat, als es noch als Ausnahme galt.