Wie eine linksextreme Organisation die FFF-Proteste unterwandert

Angenommen, man studiert in Gelsenkirchen, sorgt sich um die Umwelt und will etwas tun. Auf der Seite von "Fridays for Future" klickt man auf "Ortsgruppe" und "NRW", scrollt bis "Gelsenkirchen" und bekommt den Link zu einer WhatsApp-Gruppe angezeigt. Man trittt bei.

Fünf Klicks – so schnell gerät man in eine WhatsApp-Gruppe, deren Organisatoren wahrscheinlich vom Verfassungschutz beobachtet werden.

Die offizielle Gelsenkirchener Ortsgruppe von "Fridays for Future" wird von "Rebell" betrieben, der Jugendorganisation der linksradikalen Splitterpartei MLPD.

Im Jugendzentrum Ché, das zur Organisation gehört, finden jeden zweiten Samstag die offiziellen Vorbereitungstreffen für die Freitagsdemos statt. Eine halbe Stunde Busfahrt entfernt liegt die Parteizentrale der MLPD.

Warum beobachtet der Verfassungsschutz MLPD und Rebell?

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland und ihr Jugendverband Rebell werden vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie maoistisch-stalinistisch ausgerichtet sind.

"Mittels gezielter ideologischer Schulungen soll den Jugendlichen dabei die politische Arbeit einer streng maoistisch-stalinistisch orientierten Partei vermittelt werden", heißt es im letzten Verfassungsschutzbericht.

Die linksextreme Partei ist klein, der Verfassungsschutz vermutet etwa 2800 Parteimitglieder, zur Europawahl holte sie etwa 0,03 Prozent der Stimmen. Rebell soll sogar nur 150 Mitglieder haben.

Als bento der Gelsenkirchener WhatsApp-Gruppe beitritt, kommt nach wenigen Minuten diese Warnung: 

Ein User hat gesehen, dass bento neu dabei ist, schickt eine private Nachricht und verweist auf den Instagramaccount @gfridaysforfuture.ge.

Hinter dem Account steckt eine zweite Ortsgruppe von "Fridays for Future" in Gelsenkirchen. Sie nennt sich "überparteiliches" Fridays for Future, distanziert sich von MLPD und Rebell – und ist auf der bundesweiten Webseite nicht aufgeführt.

Seit Monaten tobt zwischen den beiden Gelsenkirchener "Fridays for Future"-Gruppen ein Streit.

Er steht für eine ganz grundsätzliche Frage der Bewegung: Darf sich eine radikale Partei für den Umweltschutz engagieren – und dafür das Logo der Freitagsdemos verwenden? Oder muss sich "Fridays for Future" distanzieren?

Nicht nur in Gelsenkirchen gibt es Ärger mit der MLPD. Medien berichteten im September in Mülheim und Recklinghausen von Auseinandersetzungen um MLPD-Fahnen auf Demos. In Witten hatten MLPD-Vertreter im Mai Flyer an die Schüler verteilt – zum Unmut der Organisatorinnen und Organisatoren. In Bochum sprach die Polizei MLPD-Vertretern bei einer Demo sogar einen Platzverweis aus. (Ruhrnachrichten)

Das Problem: "Fridays for Future" ist nicht hierarchisch organisiert. Sprecherin Carla Reemtsma sagt: "Grundsätzlich kann jeder machen, was er oder sie möchte."

Wer eine Gruppe gründen will, findet auf der Website ein PDF mit Anleitungen. Wer wolle, könne sich außerdem bei der "Regionalgruppenbetreuung" melden. Eine inhaltliche Selbstverpflichtung für neue Gruppen findet sich auf der Website nicht. Nur die Forderungen der Bewegung.

Bei mittlerweile mehr als 700 Regionalgruppen habe es nie Probleme gegeben, sagt Carla. Auch nicht von rechts. Den Konflikt in Gelsenkirchen sollten die Gruppen unter sich lösen, findet sie.

„Wir können da nicht viel machen.“
Carla, Sprecherin von "Fridays for Future"

Wie kam es zum Streit in Gelsenkirchen?

Alles begann am 15. März, nachdem Greta Thunberg erstmals einen internationalen Streik angekündigt hatte. Celina Jacobs, 18, sagt: "Eine Woche vor der Demo saßen wir zusammen und haben gesagt: Das kann doch nicht sein, dass in Gelsenkirchen nichts passiert."

Mit "wir" meint Celina den MLPD Jugendverband Rebell, in dem sie sich seit fünf Jahren engagiert. Die Rebell-Mitglieder haben daraufhin Flyer vor Schulen verteilt und eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Celina hat sich von einem MLPD-Mitglied erklären lassen, wie man eine Demo anmeldet. "Wir wollten das nur initiieren – und dass dann möglichst viele Leute mitmachen, damit der Umweltkampf vorankommt."

Ein Video auf der Facebook-Seite der WAZ zeigt die Auftaktkundgebung. Und den ersten Zoff.

Die erste Demo in Gelsenkirchen ist ein Erfolg. Mehr als 200 Schüler stehen im Halbkreis um Celina. Viele halten selbstgemalte Schilder, nur eine Flagge ist auf dem Video zu sehen: die rote Rebell-Fahne. Reihum sprechen Schüler in ein offenes Mikrofon. Dann tritt Celina nach vorn, in brauner Teddyplüschjacke, ihre Stimme hüpft vor Aufregung, aber ihre Worte klingen sicher, als hätte sie geübt.

„Um Kapitalismus zu überwinden, reicht eine lose Bewegung von Leuten nicht, die sich einmal in der Woche auf der Straße treffen.“
Celina auf der ersten "Fridays for Future"-Demo

Dann ruft Celina die Schüler auf, sich in "Rebell" zu organisieren. Erst gibt es Unruhe, dann Gegenrede: "Ich denke, es gibt verschiedene Ansätze, Klimaschutz anzugehen", sagt ein Schüler. Eine junge Frau sagt: "Fridays for Future möchte sich von allen Parteien distanzieren".

Jan Breitner, 17, ist ebenfalls auf der Demo im März gewesen. Er war mit Freunden dort, dafür bekamen sie eine Freistellung vom Schulleiter.

Als Celina gesprochen hat, wurden Jan und seine Freunde wütend.

"Wir dachten: Das geht nicht, dass eine Partei das vereinnahmt." In den Tagen  darauf haben sie eine zweite Whatsapp-Gruppe gegründet, einen Instagram- und einen Twitter-Account eingerichtet. Unter @FfF_GE mobilisierte die REBELL-Gruppe seit Mitte März für die Freitagsdemos. Unter @FfF__GE (mit einem Unterstrich mehr) taucht eine Woche später die zweite Gruppe auf. Mit diesem Post:

Die Ablehnung, die auf die Demo gefolgt ist, kann Celina nicht nachvollziehen. "Plötzlich hieß es, wir hätten die FFF-Demo instrumentalisiert und vereinnahmt. Das ist doch absurd."

Schon eine Woche später meldet die Gruppe um Jan eine eigene Demo an. Auch freitags – und nur ein paar Schritte von Celinas Demo entfernt. Noch heute gibt es zwei Demos in Gelsenkirchen. Oft um wenige Stunden versetzt.

Zweimal treffen sich die Schüler beider Gruppen, um sich zu versöhnen, können die Konflikte aber nicht beilegen. Die überparteilichen FFF-Schüler weigern sich, zusammen zu demonstrieren, solange die Rebell-Anhänger nicht auf ihre Fahne verzichten.

Celina spricht von "Lügen", "Hetze" und "Antikommunismus". Jan sagt, wenn sich die Routen der Demos kreuzten, habe es anfangs "Sticheleien" gegeben. Sogar die Regionalzeitung berichtet immer wieder über den Zoff: über offene Briefe und gegenseitige Ausschlüsse aus Whatsapp-Gruppen. (WAZ)

Rebell wirbt  indessen immer offensiver mit dem "Fridays for Future"-Schriftzug.

Auf Flyern und Postern, die auf der Webseite zum Download stehen, taucht immer häufiger #FridaysforFuture im Titel auf. In langen Texten wird dort beispielsweise erläutert, die Grünen würden eine antikommunistische Spaltung der Umweltbewegung vorantreiben, gemeinsam mit "Antideutschen und anderen Verteidigern der Profitwirtschaft".

Auf einem anderen Flyer werden junge "Umweltkämpfer*innen" zum "lebendigen Erfah­rungsaustausch 'Fridays for future – wie weiter?'" eingeladen – beim "interna­tionalen Pfingstjugendtreffen" der MLPD in Thüringen.

Poster auf der Rebell-Webseite.

In diesen Beiträgen zeigt sich, was an Rebell so hochproblematisch ist.

Die Texte sind gespickt mit dem dogmatisch-ideologischen Vokabular der MLPD, mit Geschichtsrevisionismus, Verschwörungstheorien und Verharmlosung von Diktaturen.

Im Beitrag "Umweltpolitik im Sozialismus – die fortschrittlichste ihrer Zeit!" werden die Despoten Stalin und Mao Zedong nahezu zu Umweltaktivisten stilisiert. Sie hätten "bis zum Ende um die Einheit von Mensch und Natur" gekämpft, heißt es.

"Im harten ideologischen Kampf führten die Arbeiter und Bauern mit Stalin auf ihrer Seite den Kampf um die Aufforstung der Wälder, die umweltverträgliche Bewässerung der Landschaft gegen gigantomanische Pläne der Bürokraten in Staats- und Wirtschaftsführung wie überdimensionierte Staudämme oder Atomkraftwerke."

Eine Lösung für den Konflikt in Gelsenkirchen ist nicht in Sicht.

"Wenn die bundesweite Orga sich distanzieren würde, das würde das Problem zwar nicht lösen, aber die Verwirrung über die zwei Gruppen beenden", sagt Jan, der Gründer der zweiten Gruppe. "Oder wenn es eine allgemeingültige Absprache gäbe: Wir sind auf den Klimaschutz fokussiert – wir wollen uns nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen."



Future

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul über seinen Triumph, das Lehramtsstudium – und seine Eltern
Wie ist es, 21 und schon Weltmeister zu sein?

Seit dem 3. Oktober 2019 kennt wohl so ziemlich jeder in Deutschland Niklas Kaul, zumindest jeder Sportinteressierte. Der 21-Jährige gewann den abschließenden 1500-Meter-Lauf der Zehnkämpfer bei der Leichtathletik-WM in Doha – und wurde Weltmeister. Eine Sensation, mit der vorher nur die wenigsten Experten gerechnet hatten. 

Niklas ist der jüngste Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten.

Eineinhalb Monate nach dem Erfolg hat ihn sein Alltag zurück. Er geht wieder in die Uni, studiert weiter Lehramt für Physik und Sport und hat mit dem Training für die neue Saison begonnen. 2020 stehen die Olympischen Spiele in Tokio an.

Trainiert wird Niklas von seinen Eltern, die früher selbst Leistungssportler waren. Er war schon in seiner Jugend sehr erfolgreich, siegte nicht nur in Deutschland, sondern wurde auch in mehreren Altersklassen Welt- und Europameister.

Wir haben mit ihm über seinen Triumph in Doha, starke Nerven, kaum vorhandene Freizeit und die Zukunft nach dem  Leistungssport gesprochen.

bento: Mit Anfang 20 probieren Leute eigentlich in allen Lebensbereichen viel aus. Hast du manchmal das Gefühl, dass neben Training und Uni etwas auf der Strecke bleibt?

Niklas: Wenn man Leistungssport auf meinem Niveau betreibt und nebenbei studiert, hat man nicht mehr viel Freizeit. Aber der Sport ist mein Hobby und ich verbringe dabei viel Zeit mit Leuten, die ich sehr, sehr gerne mag. Meine Trainingsgruppe fängt mich auf, wenn ich mal einen schlechten Tag hatte. Sie sind nicht nur Kollegen, sondern gute Freunde. Das ist quasi meine Art der Freizeit, auch, wenn andere Leute das vielleicht nicht so sehen würden.

bento: Wie ist das für dich, auf einmal der "König der Athleten" und von einem Tag auf den anderen einer der gefragtesten deutschen Sportler zu sein? 

Niklas: Komisch. Es ist ja nichts, was ich vorher hätte planen können. Ich muss etwas darauf achten, wie ich den ganzen Medienrummel mit dem Training und der Uni in Einklang bringe. Am Ende ist es immer noch das Wichtigste, dass der Sport funktioniert. Gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Tokio nächstes Jahr.

bento: Wie vereinbarst du die Profisport-Karriere mit dem Studium?

Niklas: In Mainz habe ich sehr kurze Wege, ich trainiere auf dem Uni-Campus. Ich brauche nur fünf Minuten vom Training zur Vorlesung. Das ist natürlich perfekt. Ich denke zwar auch in meiner Freizeit viel über den Sport nach, aber das Studium ist ein guter Ausgleich dazu. Ich glaube, dass mir das hilft – ich konzentriere mich nicht ausnahmslos auf den Sport, habe nicht die ganze Zeit den Anspruch, zwingend Profi zu sein. 

bento: Zum Start des jetzigen Semesters hast du mit dem Unipräsidenten und dem Bürgermeister die Erstsemester begrüßt. Wirst du auf dem Campus anders wahrgenommen als noch vor einem halben Jahr?

Niklas: Die Uni bleibt mein Rückzugsort. Gerade in den Vorlesungen bin ich ein Student wie jeder andere auch. Darüber bin ich sehr froh. Und genau so wollte ich das auch haben. Zwei Tage Wettkampf ändern nichts daran, wer ich bin.

bento: Deine Leistung bei der WM in Doha hat Aufsehen erregt. Dahinter steckt viel Arbeit. Kannst du dich überhaupt irgendwann mal ausruhen?

Niklas: Selten – während der Woche habe ich keinen trainingsfreien Tag, der ist am Sonntag. Aber ich habe über die Jahre ein gutes Zeitmanagement entwickelt. Egal, wie stressig mein Tag ist oder wie viel Uni und Training ich habe, mittags mache ich eine Dreiviertelstunde einfach nichts. Da liege ich im Bett oder auf der Couch und mache eine Mittagspause. 

bento: Das ist das ganze Geheimnis?

Niklas: Ich versuche die Sachen, die ich mache, gut zu machen. Deswegen arbeite ich in der Uni alles schnell weg, probiere, in den Prüfungen gut zu sein und Zweitversuche zu vermeiden. Weil das einfach Zeit spart. Ich habe mal den schönen Satz gehört: Die faulsten Studenten sind die, die beim Erstversuch viel lernen.