Bild: dpa / Paul Zinken
"Bis zu 450 Euro für Demoteilnahme geboten"

Am Samstag haben Zehntausende Menschen in ganz Deutschland gegen die Urheberrechtsreform der EU demonstriert. (SPON) Die Organisatoren sprechen mittlerweile sogar von 200.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. (Twitter)

Die meisten Protestierenden haben selbst Plakate gebastelt oder gemalt. Viele von ihnen sind sehr jung, manche erst 13 oder 14. (bento)

Zeitgleich erscheint in der "Bild"-Zeitung ein Artikel, in dem der CDU-Politiker Daniel Caspary den Verdacht äußert, dass Demonstranten von US-Internetkonzernen gekauft worden seien. (Bild)

Hier das komplette Zitat:

Nun wird offensichtlich versucht, auch mit gekauften Demonstranten die Verabschiedung des Urheberrechts zu verhindern. Bis zu 450 Euro werden von einer sogenannten NGO für die Demoteilnahme geboten. Das Geld scheint zumindest teilweise von großen amerikanischen Internetkonzernen zu stammen. Wenn amerikanische Konzerne mit massivem Einsatz von Desinformationen und gekauften Demonstranten versuchen, Gesetze zu verhindern, ist unsere Demokratie bedroht.
Daniel Caspary (CDU)

Was meint Daniel Caspary damit?

Das war zunächst unklar, Caspary nannte keine Belege für seine Behauptung. Julia Reda, die für die Piraten im EU-Parlament sitzt und seit Monaten gegen Artikel 13 kämpft, vermutete, dass Caspary mit der "sogenannten NGO" die Organisation "European Digital Rights" (Edri) meint.

Edri übernimmt nach eigenen Angaben Reisekosten von bis zu 450 Euro für Aktivistinnen und Aktivisten, die EU-Abgeordete treffen und sie um ihre Stimme gegen Artikel 13 bitten wollen. (Edri)

Inzwischen hat Caspary sich auf Twitter geäußert und klargestellt, dass er nie gesagt habe, "alle Demonstranten seien gekauft". Er habe großen Respekt vor Menschen, die für ihre Meinung auf die Straße gehen.

Darunter verlinkt er einen "FAZ"-Artikel (€), der über die Reisekostenübernahme durch Edri und ein Kollektiv names "Create Refresh" berichtet, das deutschen Youtubern für Artikel 13-kritische Beiträge Geld geboten haben soll. Über "bezahlte Demonstranten", von denen Caspary im "Bild"-Interview gesprochen hatte, steht in dem Artikel jedoch nichts.

Einige Politiker sind sauer über Casparys Anschuldigungen. Kevin Kühnert (SPD) sagt, solche Vorwürfe kämen sonst von Rechtsradikalen und spricht von "durchgebrannten Sicherungen"

Auch aus der eigenen Partei bekommt Caspary harte Kritik, zum Beispiel von den beiden CDU-Bundestagsabgeordneten Ronja Kemmer und Thomas Jarzombek.

Und die Demonstrierenden selbst? Sie wehren sich gegen die Anschuldigungen.

Die Youtuberin Pandorya schreibt, dass sie für "KEIN Geld der Welt" ihre Angst vor Menschenmassen überwinden würde, für den Protest gegen die CDU jedoch schon.

Manche sind "fassungslos"

Youtuber LeFloid hatte am Morgen vor der Demo bereits scherzhaft vermutet, dass die CDU ähnliche Vorwürfe erheben würde. Danach kann er Casparys Äußerungen kaum fassen.

Andere reagieren mit Humor. Und fragen, wo sie denn ihr Demogeld abholen könnten. 

Unter www.sogenannte-ngo.de kann man tatsächlich ein Formular ausfüllen und Demogeld beantragen.

Das ist natürlich nur ein Scherz, der sich über Casparys Aussagen lustig macht. Hinter der Seite steckt das "Zentrum für Digitalen Fortschritt D64", ein netzaktivistischer Verein, der der SPD nahe steht

Am Dienstag entscheidet sich, wer den hart geführten Kampf um die Urheberrechtsreform für sich entscheidet. Dann stimmt das EU-Parlament über den Entwurf ab. 


Gerechtigkeit

Vorschlaghammer und nette Omis: Wir haben für euch versucht, den SPD-Europawahlspot zu verstehen
Sag mir, was soll das bedeuten?

Bald ist Europawahl. Und es geht um wichtige Fragen: Wie gehen wir mit Geflüchteten um? Wollen wir Uploadfilter? Wollen wir überhaupt noch gemeinsame Sache machen – und was machen wir mit denen, die aussteigen? (SPON)

Und: Wie gehen wir mit der erstarkenden Rechten um?

Laut Umfragen will jeder zehnte Deutsche AfD wählen (ARD und ZDF). Auch in anderen EU-Staaten werden rechte Parteien stärker. (Politico)

Das ist gefährlich für die Demokratie – und eine Challenge für die anderen Parteien. Oder eine Chance: Im aktuellen politischen Klima könnten sie klar Stellung beziehen.

Oder auch nicht. Wie die SPD.

Die hat gerade einen kitschig-kryptischen Wahlwerbespot vorgelegt.