Bild: Stella Könemann
Wie hat er das geschafft?

Irgendwo in einem grauen Gebäude in Virginia, in einem kahlen Raum, stand Marcus Bullock vor drei weißen Männern und war nackt. Er hatte sein schwarzes T-Shirt ausgezogen und seine Jeans, er hatte die Sachen gefaltet und auf den Stuhl gelegt. Er hatte die Uhr abgeben, die ihm seine Mutter vor Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte und die Air Jordans, die er vor wenigen Monaten in einem Sportladen im Nordosten Washingtons geklaut hatte.

Die Polizisten sagten ihm, er soll sich an die Wand lehnen. Sie tasteten ihn ab. Dann bekam Bullock einen orangenen Overall, und er freute sich, denn der Overall war groß und Bullock hatte ziemlich breite Schultern für ein Kind. So erzählt Marcus Bullock die Geschichte seiner Inhaftierung.

(Bild: Reuters)

Es war warm draußen, eine angenehme Laune des März 1996, als er mit 15 Jahren in einem Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt wurde.

Es ist nicht so, als wäre das nicht zu erwarten gewesen. Bullock war der typische amerikanische Gefangene: Er war schwarz und männlich und jung.

(Bild: Stella Könemann)

Fast 20 Jahre später, Mitte Oktober, ist Bullock 34 Jahre alt, er sitzt auf einer Parkbank in Washington. Menschen laufen vorbei, die Sonne ist schon untergegangen, es ist kalt.

Bullock trägt nur ein kurzärmeliges Hemd, er ist ein Bär. Fast 1,90 Meter, bestimmt 120 Kilogramm. Seine Haare sind kurz rasiert, genau wie sein schwarzer Drei-Tage-Bart. Bullock hat eine sanfte Stimme und ein rundes Gesicht, er ist weich, seine Hände, seine Bewegungen. Wenn er lächelt, strahlen seine Zähne weiß.

Bullocks Geschichte ist eine gar unwahrscheinliche. Er ist raus gekommen, raus aus Kriminalität und aus der Armut. Zum Gespräch ist Bullock mit einem schwarzen BMW x6 gekommen, und seine Frau ist gerade zum zweiten Mal schwanger.

(Bild: Stella Könemann)

Bullock wuchs bei seiner Mutter auf, die selbst noch jung war, als sie mit Bullock schwanger wurde. Sein Vater saß im Gefängnis, als Bullock geboren wurde, und als er wieder rauskam, hatte er kein Interesse mehr an seinem Sohn. Seine Mutter arbeitete, jeden Tag zehn Stunden oder mehr, sie machte nebenbei den Haushalt und erzog zwei Kinder. Doch es reichte trotzdem oft nicht für die Miete, und so zogen sie um, wohl mehr als zehn Mal, schätzt Bullock.

Mit zwölf Jahren beging Bullock seine erste Straftat. Er war nach Northeast Washington gezogen, eine üble Gegend, in der es kaum Geschäfte gibt und viel Langeweile. Dort ging er zur Schule und spielte Basketball, ziemlich gut. Michael Jordan war gerade in die NBA zurückgekehrt, und alle seiner Mitspieler hatten Air Jordans, die Schuhe der Legende, also wollte Bullock auch welche. "Meine Mutter war zu arm, um mir diese Schuhe zu kaufen. Also musste ich andere Wege suchen und habe angefangen, mit Drogen zu dealen", sagt Bullock.

Er war gut. Bald konnte er sich seine Air Jordans kaufen.

Mit 14 raubte er ein Auto, die Polizei erwischte ihn, Bullock floh. Am nächsten Tag wurde er bei einer anderen Straftat gefasst. In der Verhandlung nannte ihn der Richter Dr. Jekyll und Mr. Hyde und verurteilte ihn nach Erwachsenen-Strafrecht, was Richter in den meisten US-Bundestaaten machen können, wenn sie die Straftaten für schlimm genug halten. Vor allem schwarzen Jugendlichen passiert das immer wieder.

Bullock ist ein Verkäufer. Er sagt, er sei schon immer einer gewesen. Es gab Tage, erinnert sich Bullock, da gab ihm seine Mutter kein Essen mit. Dann verkaufte er gebrauchte Lunch-Tickets oder Süßigkeiten an seine Mitschüler, er wusste, dass sie im Sommer mehr Schokolade essen als im Winter.

Das war das, was mir am meisten wehgetan hat. Dass ich meine Mutter so enttäuscht habe

Bullocks Mutter sagte ihm immer, dass etwas aus ihm wird, und Marcus Bullock liebt seine Mutter. "Das war das, was mir am meisten wehgetan hat. Dass ich meine Mutter so enttäuscht habe", sagt er.

Seine Mutter verließ ihn nicht. Jeden Tag im Gefängnis rief ein Wächter alle Insassen zusammen, sie mussten sich in einem Raum aufstellen. Dann wurden die Namen deren aufgerufen, die Post bekommen haben, Bullocks fast jeden Tag. Seine Mutter schrieb ihm und seine Schwester. Er telefonierte jeden Tag mit seiner Mutter, in dieser Zeit hatte sie monatlich eine Telefonrechnung von 700 Dollar und aß abends manchmal nichts, so erzählt Bullock es.

"Zum Überleben brauchst du Liebe. Und die gibt es im Gefängnis nicht. Also brauchst du sie von außen", sagt Bullock.

Als er 2004 entlassen wurde, hatte das Internet die Welt zu einer anderen gemacht. Bullock kam nach Hause zu seiner Mutter, setzte sich an dem Computer und googelte das erste Mal in seinem Leben. Er suchte Arbeit, hatte fast 30 Bewerbungsgespräche, doch niemand wollte einen Vorbestraften ohne Schulabschluss.

(Bild: Getty Images / Mario Tama)

Die meisten Afroamerikaner mit dieser Vorgeschichte begehen irgendwann wieder eine Straftat. Und landen wieder im Gefängnis. Bullock fand einen Job, nach fast einem Jahr Suche: Am Wochenende arbeitete er in einem Geschäft für Heimwerker, zwei Autostunden von seiner Wohnung entfernt. Zwei Jahre später machte er sich als Maler selbstständig.

Er hatte eine Frau kennengelernt und nur noch wenig Zeit Andy zu schreiben, seinem Freund aus dem Gefängnis, lebenslänglich. Dabei wusste Bullock doch, wie wichtg es ist, Post zu bekommen, es hatte ihm selbst so geholfen.

Aber musste es unbedingt ein Brief sein?

Bullock suchte nach etwas neuem, rief bei App-Entwicklern an, bei einem amerikanischen Wochenmagazin, dessen mobile App ihm gefiel. Er wurde überall abgewiesen, ohne Geld, Erfahrung und Schulabschluss.

Bullock zeigt auf die Straße. "Ich weiß, dass ich zehnmal härter arbeiten muss als jeder, der hier über die Straße fährt. Das ist in Ordnung für mich, ich schaffe es trotzdem", sagt er.

Er hatte die Veränderungen um die Jahrtausendwende nicht miterlebt, im Knast gab es nur alte Bücher und Gewichte, kein Internet.

Doch Bullock gab nicht auf, er telefonierte, jeden Tag nach der Arbeit schrieb Mails, viele sind nie beantwortet worden, aber dann schrieb er halt noch mal.

(Bild: Stella Könemann)

Irgendwann fand er drei Entwickler: Sie programmierten eine App, Flikshop. Leute können sich die App runterladen, ein Foto machen und einen Text dazu schreiben. Mit inzwischen vier Mitarbeitern druckt Bullock dann eine Postkarte mit dem Text und dem Foto aus und schickt es zum Gefängnis.

99 Cent kostet eine Karte, 80.000 Nutzer nutzen Flikshop inzwischen. Frauen, die ihren Männern Bildern ins Gefängnis schicken und Mütter, die ihr Essen fotografieren. Für manche Männer ist es die einzige Chance, ihre Kinder aufwachsen zu sehen, denn in den meisten Gefängnissen können die Insassen nicht ins Internet (The Daily Dot).

Leben kann Bullock von seiner App noch nicht. Seine Malerfirma sorgt weiter für sein Einkommen, abends und in jeder Pause sucht Bullock nach Investoren, die bereit sind, Geld in sein Unternehmen zu stecken. Es ist schwierig, aber nicht mehr so schwierig wie am Anfang, denn Bullock hat jetzt gezeigt, dass er es kann.

Ein Bus fährt vorbei. Bullock macht ein Foto und schickt es Andy. “Er hat seit 20 Jahren keinen Bus mehr gesehen. Das wird ihn freuen”, sagt er.