Bild: bento/Philipp Awounou

André Bauchs wöchentlicher Rollentausch beginnt mit seiner Kleidung. Uniform aus, Trainingsshirt an, Trillerpfeife um den Hals, fertig. Dann ist er nicht mehr der Justizvollzugsbeamte Bauch – oder wie er selbst sagt: der mit dem Schlüssel.

Dann ist er Coach Bauch. Der Trainer des einzigen Gefängnis-Footballteams Deutschlands: der Black Devils Herford.

Bauch, klein, stämmig, ist Justizbeamter mit 20 Jahren Football-Erfahrung. Seit 17 Jahren arbeitet er im Jugendgefängnis in Herford. 300 Straffällige aus ganz Deutschland sind dort inhaftiert, vom Straßenkriminellen bis zum Schwerverbrecher.

"Football kann schwierige Charaktere zusammenbringen", sagt Bauch, der die Black Devils 2009 gründete und Unterstützung von einer Gefängnispädagogin erhält. Im Optimalfall, sagt er, helfe der Sport den Gefangenen, nicht wieder auf die schiefe Bahn zu geraten.

Dass Bewegungsangebote Straffälligen helfen können, ist keine neue Erkenntnis. In vielen Gefängnissen wird Fußball, Basketball oder Tischtennis gespielt. Ein Football-Programm aber gibt es nur in Herford.

13.30 Uhr, Trainingsbeginn.

In der Mannschaftskabine, einem kleinen Kellerraum der JVA, rasseln Football-Helme. Das Team, heute 14 Mann, zieht sich um, nebenher wird angeregt geplaudert. Häftlingskleidung aus, Trainingsshirts an, Helm unter die Arme, fertig. Aus Gefangenen werden Black Devils.

Auf dem Weg Richtung Innenhof lassen die jungen Männer nicht nur ihre Häftlingskleidung zurück, sondern auch ihre Vorgeschichten. Ihre Fehlentscheidungen. Ihre Straftaten. "Es ist wichtig, den Menschen zu sehen. Nicht das, was er verbrochen hat", sagt Bauch.

Die Haftakten seiner Spieler interessieren ihn nicht, er will unvoreingenommen sein. Ob Eierdieb oder Mörder, hier könne jeder mitmachen.

Verbrecherisch wirkt er nicht gerade, dieser witzelnde Haufen Testosteron, der sich da in der prallen Mittagssonne warmläuft. Seitgalopp, Armkreisen, Beine überkreuz. Es könnten die Amateurkicker vom Stadtpark sein. Nur den Stacheldraht muss man sich wegdenken. Und die Kameras. Und die Mauern.

Mit jeder gelaufenen Runde werden die Sprüche leise, das Schnaufen lauter. Einer verliert langsam den Anschluss. "Hast du einen dicken Bauch, oder was?", ruft Coach Bauch.

"Nein, aber dicke Eier!", die Antwort.

Gelächter

"Der Anfang der Haftzeit ist am schwersten", sagt Elias. Als er das erste Mal einen der schwarz schimmernden Helme mit dem roten Teufelssymbol trug, war er 16. Heute ist er 19. Mit 22 wird Elias* ihn vielleicht noch immer tragen. Raubdelikte brachten ihm eine lange Haftstrafe ein.

Seine prägendsten Jugendjahre wird Elias deshalb in einer Gefängniszelle verbringen, neun Quadratmeter groß. "Ich habe wenige Erinnerungen an einzelne Tage, weil hier immer dasselbe passiert", sagt er. "Draußen macht man mal dies, mal das. Hier drin ist jeder Tag gleich – außer der Freitag."

Der Freitag. Football-Tag. Der Tag, an dem Elias mit Helm und Schulterpolstern über den Innenhof stürmt – und in Gedanken noch viel weiter. "Beim Football fühlt es sich an, als wäre ich für kurze Zeit nicht inhaftiert", sagt er.

So ganz wie draußen ist es dann aber doch nicht. Die Black Devils trainieren auf dem roten Tartanplatz im Innenhof. Kein weicher Rasen, jeder Aufprall schmerzt. Und wo bei anderen Jugendlichen die Eltern am Seitenrand stehen, lasten auf den Devils die Blicke ihrer pöbelfreudigen Knastgenossen. Viele der Insassen schauen durch ihre vergitterten Zellenfenster auf das Spielfeld.

Bauch stört das nicht, er kennt es nicht anders. Seit fast zehn Jahren trainiert er die Black Devils, jeden Freitag, bei fast jedem Wetter. Heute sind einige Neulinge an Bord, deshalb stehen Football-Basics auf dem Programm.

Loslaufen. Pass fangen. Hinten anstellen. "Nicht abbremsen!", brüllt Bauch. "Du musst durchsprinten!"

Was Bauch sagt, das sitzt. Meistens. "Manchmal mussten wir Einheiten abbrechen, weil die Jungs unkonzentriert waren oder die Stimmung zu hitzig wurde", sagt er. "Da gab es auch Momente, in denen ich mich gefragt habe: Warum machst du das hier eigentlich?"

Ans Aufhören habe er trotzdem nie gedacht. "Das könnte ich den Jungs nicht antun", sagt er. Lieber besinnt er sich an schlechten Tagen auf die Erfolgsgeschichten seines Programms.

Der Insasse aus der rechtsextremen Szene, der am Ende seiner Haftzeit jede Hautfarbe und Herkunft im Team akzeptiert hat. Der, den er nach Jahren draußen wiedersah – mit einem Devils-Tattoo. Oder der Häftling, der es von den Black Devils bis in die zweite Football-Bundesliga geschafft hat.

Und dann die kleinen Dinge. Der Überraschungskuchen von der Mannschaft, die Späße im Training. Das Wir-Gefühl. Bauch ist überzeugt: "Mit Football lässt sich die eine oder andere Schraube im Kopf drehen."

Wie sein Programm langfristig wirkt, weiß er allerdings nicht. Nur wenige Ex-Häftlinge melden sich noch bei ihm, von den meisten hört er nach der Entlassung nie wieder. Umso häufiger dafür von JVA-Kollegen. Manchmal bitten sie ihn, ihre Härtefälle ins Team zu nehmen. Die, mit denen sie nicht mehr weiterwissen.

Oft stimmt Bauch zu, mahnt aber zu Geduld. Veränderung passiere schließlich nicht von heute auf morgen, das sei ein Wandel mit der Zeit.

Dass Football ihn verändern könne, glaubt Antonio nicht. "Ich bin, wer ich bin", sagt er. Natürlich wolle er keinen Mist mehr bauen, wie das Betäubungsmittelvergehen, das ihn nach Herford brachte. Doch beim Football sei er vor allem, um zweieinhalb Stunden am Stück aus der Zelle zu kommen – länger als bei den anderen Sportprogrammen.

"Ich habe nie Football gespielt, ich kenne nicht mal die Regeln", gesteht er. Trotzdem habe ihn das Team aufgenommen "wie einen guten Freund". Im normalen Haftalltag sei das anders: "Sonst bin ich eher Einzelgänger."

Bauch teilt derweil in "Offense" und "Defense" ein. Eine der Gruppen coacht er selbst, die andere übernimmt Attila, 21. "Defense zu mir!"

Mit großen Gesten und klarer Stimme erklärt er den Neulingen das Einmaleins der Verteidigung. Cornerbacks, das sind die Passabfänger. Center, die drücken die O-Liner weg. Und die Linebacker sind immer da, wo der Ball ist. "Versteht ihr?" Nickende Helme. "Sehr gut."

In elf Monaten ist Attila draußen. Hoffentlich. Dann will er Sport studieren. Seine kriminelle Vergangenheit, die Raubdelikte, hinter sich lassen. Das Abi hat er schon.

Sein Teamkollege Elias steht kurz vor dem Abschluss seiner Maurerlehre, draußen will er "ganz normal arbeiten, wie jeder andere auch". Und Antonio? Der plant sein eigenes Taxi-Unternehmen. Träume haben sie hier alle - aber jetzt wird erst mal gezockt.

Offense gegen Defense, Devils gegen Devils. Einen anderen Gegner gibt es nicht. Über zwei Jahre ist es her, dass die Gefangenen einem Team von draußen gegenüberstanden. "Die Jungs sind oft nur ein paar Monate dabei, aber Football lernt man nicht von heute auf morgen. Wir sind einfach noch nicht spielfähig", sagt Bauch.

Also tacklen sich die Black Devils erstmal gegenseitig um. Raus mit der Wut und den Aggressionen. Ohne Ärger zu kriegen. Einer der Neulinge hat offenbar gut zugehört, nach einem Pass von Elias steht er genau richtig. Mit dem Helm voraus rennt er den Empfänger über den Haufen. Offense gestoppt. "Genau so, Digga!", brüllt Attila.

Ein paar Spielzüge später ist Schluss. Zweieinhalb Stunden Freiheitsgefühl, beendet mit einem Pfiff. Abmarsch Richtung Kabine, Richtung Alltag und Vorstrafenregister. Trainingskleidung aus, Gefängniskleidung an, Helm ins Regal, fertig. Jetzt sind die Häftlinge wieder Häftlinge. Und Coach Bauch ist wieder der mit dem Schlüssel.

Bis nächsten Freitag.

*Die Namen der Häftlinge wurden von der Redaktion geändert. 


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