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"Als wenn es die Hater interessieren würde, wenn sie gesperrt würden."

Bis Montagnachmittag hatte Sopsi, 21, mit Gamern nicht viel am Hut. "Ich spiele höchstens mal Mario Kart", sagt die Bayerin. Am nächsten Tag hatte sie #GamerleaksDE ausgelöst, eine Hasswelle brach auf Twitter über sie herein. Beschimpfungen, Drohungen – im Sekundentakt.

Begonnen hat alles mit einem Tweet: Ein Nutzer machte sich über weibliche Genitalien lustig, auf ziemlich geschmacklose Weise. Sopsi saß in der Straßenbahn, fuhr zur Arbeit, als sie den Tweet sah. Sie beschloss, zurückzuschlagen. Sie retweetete den Ursprungspost, schrieb dazu:

Ich kotze euch Männern so hart ins Gesicht, ihr elendigen Volltrottel.

Sopsi will ihren richtigen Namen nicht nennen. Montagnachmittag griff der Rapper Gio ihren Tweet auf. Ihm folgen Tausende Gamer. Seitdem schreiben Sopsi vor allem junge Männer, die offensichtlich auf Computerspiele stehen. Sie drohen Sopsi mit Vergewaltigung, behaupten, sie würden ihren Wohnort herausfinden.

Dann eilte eine Gruppe von Gamern zur Hilfe. Sie wollen anonym bleiben. Ihre Anzahl ist unbekannt, ihr Alter auch. Männer und Frauen. Es handelt sich um Online-Gamerinnen und -Gamer, und solche, die vor Jahren spielten und jetzt nicht mehr.

Sie solidarisierten sich mit Sopsi, verteidigten sie. Und sie riefen #GamerleaksDE ins Leben. Das Ziel: Der breiten Öffentlichkeit zeigen, wie häufig Sexismus, Rassismus und Diskriminierung in der Gamerszene sind.

Es reagierten viele. Sehr viele. Die Nutzerinnen und Nutzer erzählten, was sie sich anhören müssen, wenn sie spielen:

"Du siehst scheiße aus", "Schlampe", "Du bist ne Frau, dir hör ich nicht zu, du musst schon mehrfach 'Titten' sagen."

Aber wie fing alles an? Wie kam es zu dem Hashtag und was will die Gruppe erreichen?

Die Gruppe nennt sich GamerLeaksDE, wie der Hashtag. Wir haben sie kontaktiert, über einen Messenger haben sie uns unsere Fragen beantwortet – anonym. Wir nennen die sprechenden Personen A, B, C und D. 

In den vergangenen Tagen kam es zu heftigen sexistischen Anfeindungen gegen Sopsi und andere Frauen. Diese sollen vor allem von einer Gruppe ausgegangen sein, schreibt ihr. Ihr habt Gesprächsmitschnitte online gestellt: Sind die von dieser Gruppe?

A: Die User, die da zu hören sind, waren nur wenige von sehr vielen, die sich sexistisch äußerten und äußern – aber sie sind Teil einer Kerngruppe. Diese Gruppe ist hauptverantwortlich für die immer neuen Anfeindungen und das gegenseitige Supporten und Abfeiern dieser Attacken.

B: Diese Gamer belästigen besonders viele Menschen. Deshalb war es uns wichtig, sie als erstes an den Pranger zu stellen.

Wie kam es dazu, dass ihr euch zusammengefunden habt?

A: Zunächst solidarisierten sich viele von Sopsis Followern unabhängig voneinander mit Ihr. Einige recherchierten zu denjenigen, die Sopsi fortlaufend beleidigten.

Irgendwann gründete ein User eine Gruppe für Direktnachrichten und lud andere User ein, die sie unterstützten. Wir tauschten Infos aus über die, die sie anfeindeten. Dann verlagerten wir die Gruppe auf einen Instantmessenger. Wir wollten vor allem die vulgären Beleidigungen und Bedrohungen stoppen.

Als einzelne User immer frecher wurden, wollten wir sie natzen (ärgern, Anmerkung der Redaktion). Es war amüsant und gleichzeitig erschreckend, wie sicher sie sich fühlten und wie leichtsinnig sie mit privaten Daten umgingen.

C: Eine Freundin fragte dann, ob es ausreiche, die nur zu melden. Als wenn es die Hater interessieren würde, wenn sie gesperrt würden.

Ich dachte mir: Okay, sie hat Recht. Also gaben wir den Eltern von einem der Typen Bescheid, die den ganzen Hass verbreiteten. Die ausfindig zu machen, war leicht, die Typen gingen leichtsinnig mit ihren Daten um. Einer von uns gab sich als Journalist aus und schickte den Eltern Screenshots. Die Bilder zeigten, wie sich ihr Sohn im Internet aufführt. Aber von den Eltern kam keine Antwort.

B: Anfangs ging es eigentlich darum, die Tweets von Leuten zu melden und Twitter zur Löschung zu zwingen. Dann stellten wir aber fest, dass wir mehr tun sollten: ein Zeichen setzen und einer breiteren Masse zeigen, was eigentlich falsch läuft.

Welche Erfahrungen habt ihr persönlich in der Gamerszene gemacht?

C: Ich habe das Spiel "Rocket League" gemeinsam mit einem Freund gespielt. Da war das echt krass: Wir wurden die ganze Zeit von irgendwelchen Leuten beleidigt. Dann fingen auch wir an, uns schlecht zu benehmen, wir fanden das witzig.

Einmal wurde ich für 24 Stunden gesperrt. Ich hatte einen Jungen als "Hurensohn" beleidigt, der sich ganz normal verhalten hatte. Ich wollte ihn triggern. Einfach so, zum Spaß. Die Community ist einfach toxisch. Ich schäme mich im Nachhinein.

D: Ich zocke seit 2001 und würde nicht behaupten, dass die Umgangsformen in der Szene jemals anders gewesen sind. Gaming ist heutzutage kein Nischenhobby mehr, sondern im Mainstream angekommen. Nationalistische, rassistische und sexistische Sichtweisen waren in der Szene immer weit verbreitet und daran hat sich auch bis heute nichts verändert – die Szene ist nur noch größer geworden.

A: Manche von uns waren sogar professionell und semi-professionell im E-Sport unterwegs, andere haben mit der Szene kaum bis gar keine Berührungspunkte. Uns zu unterstellen, wir hätten keine Ahnung, ist daher Blödsinn. 

Das Problem sind nicht Games an sich, sondern, dass die Gaming-Szene von sehr jungen Leuten dominiert wird. Die fangen teilweise mit zehn, elf oder zwölf Jahren an zu spielen. Für manche sind die Internetfreunde die einzigen sozialen Kontakte. Von denen bekommen sie Bestätigung für ihr Verhalten. Weil es ja "witzig" ist. So reproduziert es sich.

Es ist wie auf dem Pausenhof, nur ohne Einflussnahme oder Kontrolle von außen, ohne Regeln, die sich in anderen sozialen Medien auch erst langsam etablieren.  

Wie verhaltet ihr euch in Spielen, wenn jemand sexistisch oder rassistisch angegeangen wird – gerade die Männer unter euch?

D: Es ist natürlich etwas schwierig, eine Diskussion über diskriminierende Sprache während eines Spiels anzufangen. Aber bei mir im persönlichen Umfeld versuche ich, es immer deutlich anzusprechen und klarzumachen, dass sowas gar nicht mehr geht.

A: Die User, mit denen ich regelmäßig spiele, kenne ich persönlich und sie haben eine ähnliche Einstellung zu diesen Themen wie ich. Spiele ich zufällig mit Fremden und sie benehmen sich daneben, was eigentlich immer auf mindestens einen zutrifft, sage ich klar, dass das scheiße ist oder frage: “Findest du das jetzt witzig, oder was?”

Für wirkliche Diskussionen oder Aufklärungsarbeit bleibt da aber meist kein Platz. Aber viele entschuldigen sich oder halten die Klappe, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Spaß zu haben am Spiel.

Ihr schreibt, dass ihr über die "Täter" und ihr Umfeld recherchiert. Damit nutzt ihr Mittel, die auch in Hasskampagnen gegen einzelne Gamerinnen verwendet werden. Wie rechtfertigt ihr das? 

A: Wir sehen einen großen Unterschied darin, ob man Leute aus der Anonymität holt, weil sie sich ekelhaft verhalten, oder ob man Leute aus der Anonymität holt, um sich ekelhaft zu verhalten.

Was entgegnet ihr denjenigen, die Sexismus und Diskriminierung nur als "Trashtalk" abtun?

A: Wer sagt, Sexismus und Rassismus seien "Trashtalk" oder könnten "witzig" sein, der soll sich mit Menschen unterhalten, die von Sexismus und Rassismus betroffen sind. Die finden das in aller Regel nicht lustig, sondern verletzend und bedrohlich. Das sollte jeder nach #metoo und #metwo verstanden haben. Sexismus und Rassismus bleiben in erster Linie Sexismus und Rassismus, ob nun witzig gemeint, oder nicht. 

Bist du Gamerin oder Gamer? Hast du etwas ähnliches erlebt? Schreib uns eine E-Mail an fuehlen@bento.de

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Fühlen

Dieser Vater photoshopt seine Tochter in gefährlichen Situationen – und trollt alle Helikopter-Eltern
Schlechtester – oder doch bester Vater der Welt?

Wer kleine Kinder hat, kennt das: Die Großeltern sorgen sich, ob das Baby warm genug angezogen ist. Die anderen Eltern auf dem Spielplatz rollen mit den Augen, wenn sich der Nachwuchs eimerweise Sand in den Mund schaufelt. Und der ältere Herr in der U-Bahn gibt ungefragt Erziehungstipps, wie die oder der Kleine beim Ruckeln vorm Umfallen geschützt wird.

Dabei ist es okay, wenn in der Erziehung Dinge schief gehen. Hier eine Beule, dort eine Schürfwunde – perfekt.

Stephen Crowley ist so ein Vater, der das mit den Beulen perfektioniert hat. Der Vater aus Dublin ist Designer für ein Marketingunternehmen und bezeichnet sich auf Instagram als "schrecklichen Vater". Das dürfte an den Bildern liegen, die er dort postet.

Sie zeigen seine mittlerweile dreijährige Tochter Hannah immer wieder in Extremsituationen. Mal spielt sie mit Messern, mal reckt sie sich bei voller Fahrt aus dem Autofenster. 

Wer die Fotos von dem kleinen Mädchen sieht, denkt unweigerlich: "Oh mein Gott, rettet dieses Kind!"

Tatsächlich ist Stephen aber wohl alles andere als ein "schrecklicher Vater". Denn die Bilder sind nur gephotoshopt – als Zeichen gegen zu viel Ängstlichkeit. Denn hinter den Fotos steckt eine traurige Geschichte.

Also Hannah vier Monate alt war, erkrankte sie an der sehr seltenen Erbkrankheit HLH. Sie musste sechs Monate Chemotherapie im Krankenhaus über sich ergehen lassen, beinahe hätte sie es nicht geschafft. 

Stephen wollte aber nicht aufgeben – und auch die Verwandten nicht mit traurigen Krankenhausfotos demotivieren. Alle hätten "verzweifelt ein bisschen Humor nötig" gehabt, wie Stephen dem "New Yorker" erzählt. Also begann er mit den kleinen Extremsituationen.

So sind die Bilder ein Zeichen, dass man viele Momente im Leben lockerer sehen sollte – denn die wirklich düsteren sind oft nur näher als man denkt.

Das sind die besten, "schrecklichen" Fotos von Hannah und ihrem Vater:

1 Als Hannah ihre erste Fahrstunde nimmt.