Bild: Lino Mirgeler / dpa

Bei Unfällen ist es häufig so: Die Rettungskräfte und Polizeibeamten machen ihre Arbeit – und drumherum stehen Leute, die sich all das ansehen wollen. Manche stellen sich den Helfern dabei sogar in den Weg oder machen Fotos und Videos.

Aber was bringt Menschen dazu, bei schweren Unfällen alle Hemmungen zu verlieren? Welche Folgen hat Gaffen für die Opfer? Und wie kann man es verhindern

Das haben wir Ursula Gasch gefragt, Kriminalpsychologin und Traumatherapeutin.

Frau Gasch, woher kommt der Drang zu gaffen?

Diesem Verhalten liegen sehr menschliche Impulse zugrunde. Schaulust ist biologisch notwendig. Sie bestätigt uns in der eigenen Unversehrtheit: Uns wird klar, dass es uns im Vergleich zu den Opfern gut geht. Außerdem können wir durch die Beobachtung lernen - etwa, dass wir im Verkehr aufpassen müssen.

Klingt, als sei es gar nicht so schlimm.

Ich sehe im Gaffen nichts Gutes. Das bloße kurze Hinsehen ist tolerabel, Gaffen ist etwas anderes: Ein selbstvergessener Vorgang, bei dem sich die Person nicht von ihrer Beobachtung lösen kann oder will. Das ist wie ein Kick. Gaffen kann süchtig machen.

Unfall in Lingen (Niedersachsen): Wer darf das sehen?(Bild: dpa)

Warum?

Die Grundlage ist in der Neurobiologie zu verorten – genau wie bei Sucht. Um süchtig zu sein, brauche ich keinen Stoff, ich kann mein eigener Lieferant sein. Dazu reicht ein äußerer Impuls wie ein Unfall, an dem ich vorbeifahre. Der Anblick kann so überwältigend sein, dass er wie ein Flash wirkt. Dadurch wird Dopamin freigesetzt – und der Wunsch entsteht, das wieder zu erleben.

Wer ist besonders anfällig fürs Gaffen?

Wir alle. Für unterstimulierte Menschen kann es eine Gelegenheit sein, ihr Erregungsniveau zu erhöhen.

Das heißt, gelangweilte Menschen gaffen eher?

Das könnte man so sagen. Dennoch spielen noch viele weitere Faktoren eine Rolle: die Erziehung etwa oder die Selbstkontrolle. Nicht jeder Mensch mit Langeweile ist so verroht, sich seinen Kick auf Kosten anderer zu beschaffen.

Sichtschutzwände wie diese sollen Unfallstellen von neugierigen Blicken abschirmen(Bild: Daniel Karmann / dpa)

Was hat sich an dem Phänomen verändert?

Die Art und Weise hat sich gewandelt. Durch das Smartphone und soziale Netzwerke ist jeder Lieferant von Nachrichten geworden. Man kann seine Videos hochladen und bekommt dafür Likes - das ist ein zusätzlicher Kick. Außerdem berichten Einsatzkräfte, dass die Aggression größer geworden ist. Menschen, die gebeten werden, zur Seite zu treten, verhalten sich so, als würde ihnen das Recht auf einen guten Blick verwehrt.

Wir alle sind anfällig fürs Gaffen
Ursula Gasch

Welche Folgen hat Schaulust für die Opfer?

Aus meiner beruflichen Praxis weiß ich, dass es für sie extrem belastend ist. Man wird in einer ohnehin hilflosen Situation zu einem Objekt degradiert, das andere anglotzen. Das erhöht den Leidensdruck. Nachdem sie im Krankenhaus zusammengeflickt worden sind, müssen manche Unfallopfer daher in Therapie.

Und selbst wenn die Opfer während des Unfalls nicht mitbekommen, dass sie gefilmt werden, kann es noch Jahre später zu einer Retraumatisierung kommen, etwa wenn sie zufällig auf Videos von den Unfällen stoßen. Das gilt auch für die Angehörigen, da auch sie unter den Bildern leiden.

Was kann man gegen Gaffer tun?

Das Thema sollte nicht nur in der Schule, sondern auch im Erste-Hilfe-Kurs oder im Fahrschulunterricht behandelt werden. Die Löschzentren der sozialen Netzwerke sollten Gaffer-Videos entfernen. Um Gaffer zu identifizieren, kann ich mir auch Drohneneinsätze vorstellen.

Haben Sie da keine datenschutzrechtlichen Bedenken?

Das muss man natürlich genau prüfen. Aber in der Regel hat die Polizei kaum Kapazitäten, um die Gaffer vor Ort zu erfassen. Ein Drohnenvideo könnte man auch im Nachhinein auswerten. Mir geht es da um Effizienz.


Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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