Bild: Frank Brexel / imago, Arne Dedert / dpa, Montage: bento

Nach mehr als 20 Jahren drohen die Veranstalter des Fusion-Festivals mit dem Aus: Die Polizei will aufs Gelände – ohne großen Anlass, einfach so, mit einer "mobilen Wache". Beamtinnen und Beamten sollen zwischen Bühnen und Zelten patrouilleren, wie bei anderen Festivals dieser Größenordnung auch.

Nun lässt sich die Fusion kaum mit anderen Musikfestivals vergleichen. Man ist dort stolz auf ein friedliches Miteinander, ganz ohne polizeiliche Aufsicht. Das Ansinnen der Staatsmacht ist deshalb für sie eine Provokation. Wozu Polizei, wenn niemand sie gerufen hat?

Ein Problem war die fehlende Präsenz auf dem Gelände bislang offenbar nicht. Besucherinnen und Besucher sind zufrieden und Veranstalterinnen und Veranstalter glücklich. Auch die Polizei hatte bisher wenig auszusetzen: Jahr für Jahr zog sie eine positive Bilanz. Im Schnitt verzeichnete sie in den vergangenen Jahren 2,5 Gewaltdelikte – erstaunlich wenig für eine Massenveranstaltung mit rund 70.000 Menschen.

Am Dienstag wiederholten die Behörden auf einer Pressekonferenz ihre Forderung. Warum jetzt Polizei auf dem Gelände, wo es bislang auch ohne ging? Seit zehn Jahren ist Heiko Kärger als Landrat zuständig für die Fusion. Er sagt: "Die Zeiten ändern sich." Notre Dame habe auch Jahrhunderte nicht gebrannt, und nun sei es doch passiert. 

Der Vergleich ist genau so schräg wie er klingt. In den vergangenen Jahren waren Behörden mit dem Sicherheitskonzept stets zufrieden. Im Gegensatz zu anderen Festivals, bei denen sich das Geschehen vor einigen großen Bühnen ballt, verteilt sich das Publikum auf der Fusion auf eine Vielzahl von Spielstätten. Als die Fusion immer größer wurde, wurde eben mehr Sicherheitspersonal eingesetzt. 

Polizei und Behörden scheinen überhaupt nur ein Problem zu haben: Dass sie unerwünscht sind. Es geht ums Prinzip, wie eine Sprecherin des Neubrandenburger Polizeipräsidiums erläuterte. Die Fusion sei die einzige ihr bekannte Großveranstaltung, auf der die Polizei nicht vertreten sei. Man wolle auf dem Gelände frei agieren können, weil sich nur so Gesetzesverstöße effektiv verfolgen ließen. (rbb)

Eine Polizeiwache, nur weil das ja üblich sei? Das ist kein Argument. 

Es geht ums Prinzip: Wir leben nicht in einem Polizeistaat. Wir können zivilisiert miteinander umgehen und müssen nicht bei jedem kleinen Streit nach dem Staat rufen. Keine Sorge, niemand fordert ernsthaft rechtsfreie Räume. Aber die Fusion richtet sich nicht gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Sie ist wahrscheinlich das friedlichste Musikfestival überhaupt. 

Sollte jemand auf der Fusion dennoch die Polizei benötigen, will man Einsatzkräften den Zugang zum Gelände freimachen, versichern die Veranstalter.

Nils Hoffmann-Ritterbusch, der Polizeipräsident von Neubrandenburg, offenbart, worum es wirklich geht. Er fürchte die "Beteiligung politischer, in Teilen hoch gewaltbereiter Personen". Dabei feiern auf der Fusion einfach nur ein paar Leute friedlich herum. Der Oberpolizist will ihnen nur den Spaß vermiesen. Es geht einzig und allein um den Versuch der Einschüchterung. 

Das ist unwürdig. Einen solchen Übergriff der Polizei muss eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft ablehnen.

Am 16. Mai soll es ein letztes Gespräch zwischen Fusion-Veranstaltern und Behörden geben – danach wird über das Sicherheitskonzept entschieden und wohl auch darüber, ob die Polizei immer noch auf das Gelände will. 

bento per WhatsApp oder Telegram


Grün

Früher lästerten wir über "Ökos" – jetzt wollen wir selbst welche sein
Über die neue Coolness von Umweltbewusstsein

In meiner Klasse gab es ein Mädchen, sagen wir, sie hieß Line. Lines Familie war, was wir damals "Öko" nannten. Der Umwelt zuliebe trug sie unförmige Second-Hand-Klamotten, aß selbstgebackenes Vollkornbrot und fuhr in den Ferien zum Zelten nach Bayern. Zu Lines Geburtstagspartys wollte nie jemand gehen. Bei ihr zu Hause roch es seltsam, sie hatte keine Barbies und statt Gummibärchen bekamen wir Rosinen zum Naschen. Sie konnte nichts dafür, aber Line war ziemlich uncool.

Inzwischen habe ich den Kontakt zu ihr verloren. Doch dieser Tage denke ich manchmal noch an Line und ihre Familie. Weil es heute nicht mehr uncool ist, sich für die Umwelt zu interessieren. Im Gegenteil.

Millionen Menschen streamen den Song "Earth" von Rapper Lil Dicky, der gemeinsam mit Justin Bieber, Ariana Grande und weiteren Superstars gegen den Klimawandel ansingt. Influencerinnen und Influencer präsentieren ihre veganen Bowls mit regionalem Gemüse aus dem Bio-Supermarkt. Jede noch so schnelllebige Modekette hat mittlerweile auch nachhaltige Bio-Baumwolle im Sortiment.