Bild: Merve Kayikci
Eine WG in Gießen hat mehr Bewohner als Zimmer - ein Besuch.

200 Euro brutto für ein großes Zimmer in einer 5-Zimmer-Wohnung in Bahnhofsnähe, mit Arbeitszimmer und Wintergarten, mitten in der Unistadt Gießen? Klingt nach einer Falle, ist aber: funktionales Wohnen. 

Das heißt: Niemand in der Wohngemeinschaft hat ein eigenes Zimmer. Stattdessen teilen alle Mitbewohner sich alle Zimmer. Die Räume werden nicht nach Personen aufgeteilt, sondern nach Funktionen – Schlafen, Arbeiten, Essen.

"FuWo", kurz für: Funktionales Wohnen

(Bild: Merve Kayikci)

Für viele klingt so was nach einem Albtraum aus der Zeit der 68er-Kommunen.

Aber für mich klingt es nach Zuhause. In meiner frühen Kindheit, als ich noch bei meinen Großeltern wohnte, waren wir zeitweise zu zehnt. Später, mit meinen Eltern und Geschwistern, wohnten wir zu siebt. Da konnte nicht jeder sein eigenes Zimmer haben. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, wir wären zu viele.

Im Gegenteil: Ich vermisse es, so viel Gesellschaft zu haben.

Mir fehlt die Vertrautheit, das Gefühl, immer jemanden um mich herum zu haben, die entspannte Selbstverständlichkeit im Umgang, die nur entsteht, wenn man sich wirklich gut kennt. Ist funktionales Wohnen die Antwort auf diese Sehnsucht?

Aika, 19, "Refugees Welcome Pulli" und nachlässiger Pferdeschwanz, holt mich am Gießener Bahnhof ab. Auf dem Weg zu ihrer WG erzählt sie, dass sie oft dort übernachtet hat, bevor sie richtig eingezogen ist. Ihre Schule war nämlich in Gießen und ihre Eltern wohnten außerhalb.

Dann stemmt meine zierliche Begleiterin die Eingangstür eines Mehrfamilienhauses mit einer Brechstange auf, so selbstverständlich, als würde sie eine Bierflasche öffnen. "Wir haben nicht genug Hausschlüssel für alle Mitbewohner", erklärt sie. Logisch.

Aika mit ihren Mitbewohnern. Sie wollen alle im Internet nicht erkennbar sein.

(Bild: Merve Kayikci)

Von ihren sieben Mitbewohnern begrüßen mich zwei aus der Küche und fragen, ob ich hungrig bin. Es duftet nach Paprikaeintopf, mediterran. In den Regalen stapeln sich Lebensmittel. Der Esstisch sieht allerdings zu klein aus für uns vier.

Also breitet Aika auf dem Boden des Wohnzimmers eine Picknickdecke aus. Der Raum ist riesig - und trotzdem voll: An den Wänden stapeln sich Bananenkartons mit Dingen wie Computer-Tastaturen, Kabeln, Klamotten. Nach und nach kommen immer mehr Mitbewohner an. 

Zahlen dazu, wie viele Menschen in so einer Konstellation in Deutschland leben, habe ich bei meiner Recherche nicht gefunden.

Es wäre auch schwierig, sie zu erheben, weil es keine genaue Definition und Bezeichnung dafür gibt. Blogeinträge und Anzeigen dazu begegnen mir aber immer öfter. 

Mehr als ein Drittel der jungen Erwachsenen leben in Deutschland in WGs, meist in einem Zimmer (Eurostudent). Laut wg-gesucht ist dieses Zimmer im Bundesdurchschnitt nicht einmal 17 Quadratmeter groß und kostet 389 Euro im Monat. In den 15 größten Studentenstädten sogar 400-650 Euro.

Während die Zahl der Studierenden in den letzten 20 Jahren fast um eine Millionen gestiegen ist, ist die Anzahl der Zimmer von Studierendenwerken gleich geblieben. Mittlerweile kommen daher nicht einmal zehn Prozent der Studierenden in einem Wohnheim unter (Deutsches Studentenwerk).

Kein Wunder, dass manche Menschen da nach alternativen Lösungen für effektiveres Wohnen suchen.

Aika hat zwar kein eigenes Zimmer, aber dafür eine ganze Wohnung. Sie zeigt mir, wie viel Platz für den Rest des Alltags frei wird, wenn die Betten alle in einem Zimmer sind. Während ich mich im Schlafzimmer zwischen Hochbetten drehe, denke ich allerdings auch an meine Schlafsaalerfahrungen in Hostels zurück. Stinkende, schnarchende Menschen. Lärm. Lichtschalter, die mitten in der Nacht an und ausgeschaltet werden. Snooze-Modus-Konzerte.

Bevor ich Aika fragen kann, wie man das aushält, erklingt eine Gitarre aus dem Wohnzimmer.  Auf einmal sitzen alle beisammen und musizieren. Sie wirken wie eine Familie - nur ohne Eltern, die aufräumen und einem sagen, wann Schlafenszeit ist.

Das Rückzugszimmer steht für alle zur Verfügung, die etwas mehr "Privatsphäre" brauchen.

(Bild: Merve Kayikci)

Das merkt man allerdings auch an anderen Ecken: Im Arbeitszimmer stehen noch mal mehr Regale mit Kisten, im "Rückzugszimmer" ein riesiger Wäscheständer. Selbst im Wintergarten wird gebunkert. Vor Kurzem hat eine der Mitbewohnerinnen die WG verlassen:

"Ich möchte nicht in einem Lager wohnen!" soll sie gesagt haben, bevor sie ausgezogen ist.

Das Lebensmodell hat ihr allerdings gefallen. Deshalb hat sie eine zweite funktionale WG in Gießen gegründet – für Menschen, die funktional wohnen wollen, aber aufgeräumt. Aika bringt mich abends dorthin, weil es dort "etwas entspannter" sei. Sie bleibe selbst auch öfter dort, "weil es hier mehr Raum für individuelle Bedürfnisse gibt", erklärt sie mir in einem großen, nahezu leeren Raum der zweiten WG.

Morgens machen in der WG alle zusammen Yoga.

(Bild: Merve Kayikci)

"Das ist ein Meditationsraum", sagt sie. In der Mitte des Raumes hängt ein Gong von der Decke. Auf dem Boden ist eine große Yogamatte. Die Wände sind frei. Keine Regale. Keine Kisten.

Es gibt kein festes Konzept für funktionales Wohnen. Die meisten funktionalen WGs waren vorher normale WGs. In manchen teilen die Mitbewohner alles miteinander, in anderen haben sie ihre eigenen Schränke. Es gibt welche mit Kino-Raum, andere mit Coworking-Space.

Die funktionalen WGs sind so unterschiedlich wie jede andere WG-Form auch.

Genauso unterschiedlich sind auch die Methoden, auch mal Konflikte oder das Bedürfnis nach Privatsphäre zu lösen. Nur in den äußersten Fällen zieht jemand aus und gründet eine neue WG. In den beiden funktionalen WGs in Gießen sprechen die Mitbewohner viel im berüchtigten Plenum miteinander und tauschen auch mal den Wohnort von der einen zur anderen WG – je nach dem, wie die Bedürfnisse gerade sind.

Wenn der Rückzugsraum belegt ist, kann unter der Tür einen Zettel durchschieben – oder eine transportable Ampel an die Tür eines anderen Zimmers hängen. Wenn jeder gleichzeitig seine Ruhe haben will, gibt es auf jeden Fall ein Problem. Dann flüchten ab und zu mal Mitbewohner zum Partner oder zu den Eltern.

Julian, 22, hat so viel Nähe erst mal abgeschreckt. Er passt optisch nicht richtig zu den anderen. Er sieht zu ordentlich aus mit seiner Brille und dem adretten Pulli. Der Politikstudent hatte vor seiner WG-Suche noch nie etwas von solchen Wohnprojekten gehört.

"Ich fand den Gedanken irrsinnig", erinnert er sich. Jetzt wohnt er schon seit mehreren Monaten in der funktionalen WG.

"Mir ist das nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Deshalb bin ich zurückgekommen - und dann einfach geblieben. Seitdem habe ich mich nie wieder allein gefühlt.“ Vorher habe er oft täglich viele Stunden alleine in seinem Zimmer verbracht und Computer gespielt.

Ich denke an meine Schwestern, daran, dass es mir manchmal fehlt, die Schminksachen zu teilen und sich abends gegenseitig Nachrichten vorzulesen, obwohl wir schon im Bett liegen und das Licht aus ist. Und trotzdem könnte ich in dieser WG nicht wohnen. Zu fremd sind mir die Menschen um mich herum.

Viele Hochbetten für viele Menschen.

Mitten in der Nacht schleiche ich mich aus dem Zimmer und flüchte leise wie eine Einbrecherin aus der Wohnung. Eine Freundin von mir, die auch in Gießen wohnt, ist zum Glück noch wach und hat mir ihr Gästezimmer angeboten.

Ich fühle mich wie eine Verräterin, als ich draußen in das Taxi steige, und ich sorge mich auch darum, dass ich jemanden geweckt haben könnte. Nicht weil es schade um ihren Schlaf wäre. Sondern weil ich weiß, was die konsumkritische WG über mich denken würde, wenn sie das Taxi sehen.

Und genau das wäre für mich der größte Haken an so einer WG: Wie sehr kann man sich selbst treu sein und frei darin, wie man sein Leben gestaltet, wenn man auf so engem Raum miteinander wohnt und so wenig Intimsphäre hat?

Alle bekommen immer alles mit: Wann man nach Hause kommt, mit wem man telefoniert, was man gekauft hat.

Ich habe mich als Teenagerin davon befreit, mir in mein Leben reinreden zu lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob die menschliche Nähe und die günstige Miete, mir das Risiko wert wäre, mich wieder rechtfertigen zu müssen.

Bei meiner Freundin schlafe ich sofort ein. Bei ihr glänzt die ganze Wohnung und es riecht nach Lavendelöl. Mit ihr könnte ich mir vorstellen, in einer WG zu wohnen - ob das eine funktionale WG sein muss, weiß ich nicht. Sie hat einen total netten Freund - aber den will ich trotzdem nicht bei mir im Schlafzimmer haben.


Trip

Weg ohne Dreck: Potsdam, das gemütliche Gegenstück zu Berlin
Die Hauptstadt Brandenburgs ist eine Insel der Ruhe.

Ein paar Schritte aus der vollen S-Bahn, durch eine sonnenbeschienene Straße mit alten Backsteinhäusern, dann liegt auf einmal das Wasser vor mir. Die Enten und Fußgänger um mich herum schnattern, die Schiffe ziehen vorbei und der Lärm Berlins ist vergessen. Keine Stadthektik mehr, keine graue Betonwüste. Stattdessen Wasser, Bäume und Entspannung.