Bild: Waad al-Kateab
Wir haben mit Waad al-Kateab über den Alltag im Krieg und ihre Dokumentation "Für Sama" gesprochen

Auf dem Bett liegt ein Baby, wenige Monate alt, es wird gefilmt von seiner Mutter, sie singt ihm ein Lied vor. Plötzlich hört man dumpf eine Bombe explodieren. Das kleine Mädchen mit den langen Wimpern und den goldfarbenen Ohrsteckern reißt erschrocken die Augen auf und verzerrt den Mund zu einer Grimasse. Die Frau hinter der Kamera sagt mit weicher Stimme den Namen des Kindes: "Sama". Die Augen des Babys richten sich wieder auf die Mutter, es lacht und steckt seinen kleinen Fuß in den Mund. 

Die Frau hinter der Kamera ist Waad al-Kateab. Zwischen 2012 und 2016 filmte sie ihr Leben in Mitten des Kriegs in Syrien, die Geburt ihrer Tochter, ihren Widerstand gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad

Aus mehr als 500 Stunden Filmmaterial hat sie zusammen mit dem britischen Filmemacher Edward Watts einen Dokumentarfilm produziert, der seit Donnerstag in den deutschen Kinos läuft. Er zeigt das Leben einer Gruppe von Widerständlern, die trotz der Belagerung Aleppos die Stadt nicht verlassen wollten, bis sie schließlich im Dezember 2016 evakuiert werden musste (bento). Oder, wie Waad es nennt: Bis sie vertrieben wurden. Der Film heißt "Für Sama". 

Für mehr als 50 Preise war "Für Sama" schon nominiert, darunter auch für den Oscar in der Kategorie "Beste Dokumentation" und für den British Academy Film Award in derselben Kategorie, den Waad und ihre Familie in London auch entgegennehmen durften. Wir haben Waad bei der Deutschlandpremiere in Hamburg getroffen. 

Waad wirkt entschlossen und routiniert, wenn sie das Publikum in dem ausverkauften Filmsaal begrüßt. Sie hat eine klare Botschaft: "Das, was ihr gleich sehen werdet, ist keine Geschichte aus der Vergangenheit. Das passiert jetzt gerade, während ihr diesen Film seht, so oder noch schlimmer in Idlib." In der syrischen Provinz nahe der türkischen Grenze wird aktuell immer noch gekämpft, Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. (DER SPIEGEL)

Sama al-Kateab in den Trümmern von Aleppo. 

(Bild: Filmperlen)

"Für Sama" zeigt Kinder, die von Bomben getroffen wurden und ins Krankenhaus eingeliefert werden. Straßenschlachten ereignen sich, die Versorgung der Verletzten wird immer schwieriger, die Ressourcen werden knapp. 

Doch der Film zeigt vor allem auch: Alltag. Ältere Männer, die zwischen Trümmern Schach spielen. Kinder, die in einem Bombenwrack herumklettern, der mal ein Bus war. Und: Die Geburt von Sama. 

„Der Versuch, hier ein normales Leben zu führen, bedeutet Widerstand gegen das Regime.“
Waad al-Kateab

Wir haben mit Waad bei der Filmpremiere in Hamburg darüber gesprochen, warum sie mit ihrer Familie im besetzen Aleppo geblieben ist, wieso der Alltag so wichtig für sie war und wie es ihr damit geht, dass in Syrien immer noch gekämpft wird. 

bento: Waad, seit Monaten tourst du mit "Für Sama" durch die Welt, läufst über rote Teppiche und nimmst Preise entgegen. Der Film zeigt vor allem die letzten Monate der Belagerung von Aleppo im Jahr 2016. Wie geht es dir, wenn du diese Szenen immer wieder siehst?

Waad: Es beruhigt mich. Obwohl soviel Terror und Leid darin zu sehen ist. Es gibt mir das Gefühl, dass ich etwas Wichtiges geleistet habe. In den vergangenen neun Jahren hat das Regime versucht, uns zum Schweigen zu bringen, zu vertuschen, was in Syrien passiert. Zu wissen, dass all diese Menschen sich den Film anschauen, gibt mir das Gefühl, stark zu sein. 

bento: Bist du auch stolz? 

Waad: Ja, sehr. Meine größte Sorge war, dass ich den Film nicht fertig machen kann. Aber ich hab's geschafft. Und dass so viele Menschen den Film sehen wollen, zeigt mir, dass ihnen das Thema wichtig ist. 

bento: Warum war es dir so wichtig, euren Alltag zu zeigen? 

Waad: Den meisten meiner syrischen Freunde war immer völlig klar, warum ich ein Massaker filme, aber nicht, warum ich uns beim Fußballspielen aufnehme, beim Essen oder Kartenspielen. Bis im Juli 2013 unser Freund Gaith auf der Straße getötet wurde. An dem Tag schauten wir uns abends einige meiner Aufnahmen vom Vortag an, als Gaith noch am Leben war. Für fünf Minuten haben wir alle vergessen, dass er getötet wurde. Wir haben gelacht und uns über die Szenen gefreut. Bis es uns wieder einfiel. Man denkt, der Alltag sei nicht so wichtig, aber er ist sehr wichtig. Weil er damals jeden Moment vorbei sein konnte. Die Szenen, die ich aufgenommen habe, kann uns niemand mehr wegnehmen. 

bento: Es gibt wenige Kriegsdokumentationen aus der Perspektive einer Frau. Was zeichnet diese Perspektive aus? 

Waad: Ich habe beim Filmen gar nicht darüber nachgedacht, dass meine Perspektive besonders ist. Ich denke, ich hatte Zugang zu Menschen und Orten, die ein Mann nicht bekommen hätte. Ich war schwanger im besetzten Aleppo und habe meine Tochter dort bekommen, ich kann verstehen, was Mütter und Schwangere durchmachen. Gleichzeitig waren mir andere Perspektiven verwehrt, ich konnte zum Beispiel nicht an der Front filmen, weil die Männer mich dorthin nicht mitnehmen wollten. 

Waad al-Kateab beim Filmen in Aleppo. 

(Bild: Filmperlen)

bento: Der Film ist deiner heute vierjährigen Tochter Sama gewidmet, die du während der Besetzung auf die Welt gebracht hast. Wie war das damals?

Waad: Das war natürlich eine sehr schwierige Zeit. Ich hatte immer Angst, dass ihr etwas passieren könnte. Irgendwann sind auch die Vorräte knapp geworden. Einmal habe ich ihr aus Versehen saure Milch zu trinken gegeben. Sie war zwei Wochen lang krank, wir konnten sie nicht richtig versorgen. 

bento: Du fragst dich im Film, ob Sama dir verzeihen wird, dass ihr in Syrien geblieben seid. Hast du darauf schon eine Antwort gefunden?

Waad: Noch nicht. Als wir Aleppo verlassen und in der Türkei gelebt haben, ist sie nachts oft aufgewacht und hatte Albträume. Es ist noch nicht abzusehen, was die Erlebnisse bei ihr für Spuren hinterlassen haben. Ich wollte durch den Film zeigen, wie wir diese Zeit erlebt haben, auf eine sehr ehrliche und authentische Art. Sama wird sich den Film irgendwann anschauen und ich glaube nicht, dass sie mir die Schuld für irgendetwas geben wird. Aber das werden wir erst wissen, wenn sie älter ist. Jetzt gerade ist sie sehr glücklich, dass sie einen eigenen Film hat und freut sich, bei den ganzen Preisverleihungen über den roten Teppich zu laufen.

bento: Wie gehst du mit all diesen Dingen um – Tod, Krieg, Trauer–, die du in Aleppo gesehen, gefilmt und erlebt hast? 

Waad: Bis jetzt noch gar nicht. Mein Ehemann Hamza sagt immer: Es heißt Posttraumatische Belastungsstörung. Mein Trauma dauert immer noch an. Erst haben wir den Film produziert, jetzt bin ich mit ihm auf Tour. In der Zwischenzeit wurden und werden in Syrien weitere Städte zerstört. Jetzt gerade in diesem Moment Idlib. Ich hatte noch gar keine Zeit mich damit auseinanderzusetzen, was ich gesehen und erlebt habe.

Im Krankenhaus in Aleppo im Jahr 2016. Im weißen Arztkittel sieht man Hamza al-Kateab, mit seiner Tochter Sama auf dem Schoß. 

(Bild: Filmperlen)

bento: Was ist passiert, nachdem ihr Syrien verlassen habt?

Waad: Wir haben erst einmal eineinhalb Jahre in der Türkei gelebt. Dort ist auch meine zweite Tochter Taima auf die Welt gekommen. Ich habe erfahren, dass ich wieder schwanger bin, als wir noch in Aleppo waren. Weil Sama diese schlimmen Albträume hatte, wollten wir auch erstmal, dass sie etwas zur Ruhe kommt. Eigentlich wollten wir zurück nach Syrien, aber wenn wir zurückgegangen wären, wären wir nicht mehr rausgekommen. Nach eineinhalb Jahren haben wir dann beschlossen, in Großbritannien Asyl zu beantragen, was uns gewährt wurde. Seither leben wir in London. 

bento: Du sagst an einer Stelle im Film: "Ich hätte nicht gedacht, dass die Welt so etwas zulassen würde." Jetzt reist du mit deinem Film durch "diese Welt", die das zugelassen hat und immer noch zulässt, etwa Deutschland und die USA. Wie geht es dir damit?

Waad: Es macht mich wütend. Ich bin wütend auf Politiker, auf Menschen, die Macht haben, und etwas bewirken könnten. Neulich habe ich den Film vor Vertretern der UN gezeigt. Eine Frau sagte danach zu mir, wie großartig sie den Film fände und dass ich weitermachen und mich dafür einsetzen solle, dass viele Menschen ihn sehen. Sie hat mir Ratschläge gegeben. Ich habe ihr erst zugehört und dann gedacht: Ich bin nicht hier, damit sie mir sagt, was ich jetzt tun sollte. Ich möchte von ihr wissen, was sie jetzt vorhat zu tun, nachdem sie diese Bilder gesehen hat. Sie gehört zur UN. Sie sollte etwas tun. 

bento: Was macht es mit dir, dass in Syrien immer noch Krieg herrscht? 

Waad: Ich habe manchmal das Gefühl, es ging mir besser, als ich noch in Aleppo war. Dort habe ich wenigstens etwas tun können. Jetzt versuche ich nur noch, etwas zu bewirken. Versuche, anderen zu helfen. Andererseits weiß ich, dass meine Tochter gerade sicher zuhause in ihrem Bett liegt. Viele andere Kinder in Syrien oder in Griechenland sind immer noch in Gefahr. Das ist ein schrecklicher Gedanke. Ich versuche mich auf das zu konzentrieren, was ich jetzt habe. 

bento: Was hoffst du für die Zukunft?

Waad: Ich hoffe, dass Assad besiegt wird. Ich hoffe, dass er zur Verantwortung gezogen wird. Ich glaube, das ist der einzige Weg, damit wir heilen und mit unseren Leben weitermachen können. Es muss Gerechtigkeit geben. 

"Für Sama" läuft seit Donnerstag in den deutschen Kinos. 


Gerechtigkeit

Der Segen des sorgenfreien Heimwegs
Die meisten Männer haben nachts keine Angst vor Übergriffen. Bei vielen Frauen ist das anders. Das liegt auch an der Erziehung – und muss sich ändern.

Es war Sommer, vor etwa 13 Jahren. Ein paar Freunde und ich malträtierten einen Mückenschwarm im Park mit einer Dose Pfefferspray. Schauen, was passiert.

Neulich musste ich an diese Situation zurückdenken. Nicht, weil ich von einer Mücke gestochen wurde. Sondern weil das Pfefferspray ein Symbol für ein Privileg ist, das ich habe.

Wir hatten das Spray von einer Freundin geborgt, die es in ihrer Handtasche dabeihatte. Nix Ungewöhnliches, fast alle Mädchen in meinem Freundeskreis besaßen Pfeffersprays. Sie gaben ihnen Sicherheit. Wir waren 15 und lebten in einer Kleinstadt im Schwarzwald. 

Männer sind priviligiert. Sie verdienen mehr Geld, sind überproportional in Macht- und Führungspositionen vertreten, leisten weniger unbezahlte Arbeit (SPIEGEL). Ich weiß das, in meinem persönlichen Leben blieb das bisher aber eher abstrakt. Ich habe keine Führungsposition, keinen höheren Stundenlohn als Kolleginnen und keine Kinder, um die ich mich zu wenig kümmern könnte. Das Privileg des sorgenfreien Heimwegs begleitet mich dagegen direkt, seit Mädchen in meinem Alter anfingen, Pfefferspray in der Handtasche zu tragen.

Schlüssel zwischen den Fingern, keine Kopfhörer

Wenn ich mich nach einem Kneipenabend auf den Heimweg mache, sind meine größten Sorgen, dass ich 20 Minuten auf die S-Bahn warten muss oder dass ich meine Kopfhörer nicht dabei habe. Für viele Frauen und Trans*- oder nicht binäre Personen kommt es gar nicht infrage, nachts auf dem Heimweg laut Musik zu hören. Sie haben das Gefühl, wachsam sein zu müssen. Bereit zur Verteidigung.