Was denken sie über den gescheiterten Friedensvertrag?

Mit einer ganz knappen Mehrheit (50,21 Prozent) haben sich die Kolumbianer am Sonntag gegen den Friedensvertrag zwischen der Regierung und den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) entschieden. (bento) Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos will trotzdem nicht aufgeben und verhandelt derzeit weiter (SPIEGEL ONLINE).

Vier junge Kolumbianer erzählen uns jetzt, was das für sie bedeutet. Und wie es sich anfühlt, in einem Bürgerkriegsland zu leben:
(Bild: Privat)
Hernán Borrero, 26

Der Krieg in meinem Land macht mich fertig: Jeden Morgen lese ich in der Zeitung, wie die Rebellen der Farc ganze Dörfer vernichten. Wenn ich auf die Straße gehe, betteln Menschen um Geld: Es sind Vertriebene vom Land, denen die Farc ihr Zuhause genommen hat.

Ich lebe und studiere in Baranguilla, der viertgrößten Stadt des Landes. Hier sind die Menschen in Sicherheit. Doch die Gewalt trifft uns alle, auch uns Privilegierte in der Stadt: Es ist psychische Gewalt.

Am Sonntag habe ich für den Friedensvertrag gestimmt, weil wir alle müde sind vom Krieg. Ich war mir so sicher, dass sich die Mehrheit der Kolumbianer für den Frieden aussprechen wird. Doch dann: dieses Ergebnis!

Als meine Mutter und ich davon erfuhren, haben wir geweint. Es ist einfach nur schrecklich, dass so viele Menschen Nein zum Frieden gesagt haben.

Im Slider: Wie Kolumbianer nach der Abstimmung verzweifeln
Viele Menschen verzweifelten daran. Denn die Abstimmung hätte einen 52 Jahre dauernden Bürgerkrieg beenden können.
Was sagt die Regierung?
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Wenn man sich die Abstimmungsergebnisse anschaut, sieht man, dass diese Wahl nicht diejenigen entschieden haben, die der Krieg wirklich betrifft – nämlich die Bevölkerung auf dem Land. Diese Entscheidung hat die ignorante Bevölkerung in der Stadt getroffen, die nicht unmittelbar betroffen ist. Der rechte Flügel hat es geschafft, viel Angst vor den Sozialisten zu versprühen.

Ich schäme mich für dieses Ergebnis. Die internationale Gemeinschaft muss denken: Die Kolumbianer sind dumm. Und sie haben ja Recht.

(Bild: Francisco Betancourt)
Mariandrea Cortés Durán, 25

Ich bin Journalistin in der Hauptstadt Bogotá und habe gegen den Friedensvertrag gestimmt. Denn: Dieser Vertrag ist unfair und gefährlich für die Zukunft des Landes.

Der Vertrag macht viel zu viele Zugeständnisse an die Farc:

  • Die Rebellen hätten die Unsummen an Geld, die sie durch Erpressung, Entführung, Menschen- und Drogenhandel eingenommen haben, nicht zurückgeben müssen.
  • Die Farc hätte Tausende von entführten Kindern nicht freilassen müssen.
  • Und: Die Rebellen hätten Mitbestimmungsrechte im Parlament erhalten. Und vielleicht hätten sie eines Tages auch regierungsfähig werden können.

Atheistisches und marxistisches Gedankengut hätte das Land einnehmen können. Und das hätte unsere Freiheit, den Glauben und unsere Familien stark beeinflusst.

Jetzt gibt es die Möglichkeit zu neuen Verhandlungen.

Nur weil ich Nein zum Friedensvertrag sage, heißt das nicht, dass ich gegen den Frieden bin. Denn auch ich habe Krieg erlebt: Mein Großvater wurde enteignet und musste seine Farm verlassen, seine Rinderzucht und sein Land. Ein Onkel wurde von den Rebellen entführt – als er sich befreien wollte, töteten sie ihn. Viele Freunde meiner Familie wurden Opfer von Bombenanschlägen in Bogota und in anderen kolumbianischen Städten. Gott sei Dank ist es hier mittlerweile nicht mehr so schlimm.

Trotzdem: Die Ablehnung des Friedensvertrags ist das Beste, was Kolumbien passieren konnte. Jetzt gibt es die Möglichkeit zu neuen Verhandlungen, die Kolumbien eine Chance auf echten Frieden geben können!

(Bild: Privat)
Santiago Restrepo, 30

Jeder Kolumbianer ist auf die ein oder andere Weise Opfer von Gewalt der Farc: Als ich klein war, durfte ich nie allein irgendwo hingehen. Fahrradfahren und Inline-Skaten lernte ich in unserer Garage und nicht auf der Straße. Früher lebte ich in einer kleinen Stadt, wo wir immer damit rechnen mussten, dass in unserer Nachbarschaft eine Bombe explodiert.

Trotzdem sehe ich mich nicht als Opfer des Konflikts: Nicht im Vergleich zu denen, die im Krieg alles verloren haben.

Am Ende stimmte ich für den Friedensvertrag und wusste gleichzeitig, dass es keine richtige Lösung gibt.

Ich bin Berater in Bogotá und ich muss zugeben: Ich war unschlüssig, wie ich abstimmen soll, bis ich vor der Wahlurne stand. Im Friedensvertrag gab es so viele Punkte, die mir zu risikoreich vorkamen: Die Zugeständnisse an die Farc, zum Beispiel.

Andererseits fand ich es gut, dass die Farc endlich politische Teilhabe bekommen könnte. Am Ende stimmte ich für den Friedensvertrag und wusste gleichzeitig, dass es keine richtige Lösung gibt.

Für mich bedeutet das Ergebnis des Referendums vor allem eines: Ungewissheit. Die Regierung hat mit ihren Kampagnen das ganze Land polarisiert. Meine Familie, meine Freunde, das ganze Land in zwei Teile geteilt.

Jetzt ist das Land vor allem eines: gespalten. Ich will versuchen, weiterhin beide Seiten anzuhören. Und ich will alle dazu ermutigen, das Ringen nach der richtigen Lösung nicht aufzugeben.

(Bild: Privat)
Santiago Charria, 25

Mich stört an dem Krieg am meisten, dass wir uns nicht frei im ganzen Land bewegen können: Meine Mutter und mein Großvater wurden einmal auf einer Reise nach Popayan im Süden von den Rebellen gekidnappt und einige Stunden festgehalten. Mein Vater entkam einem Bombenanschlag nur ganz knapp, als eine Granate unweit von ihm in einem Bankgebäude explodierte. Verwandte haben aus Angst das Land verlassen.

Die Kolumbianer sind nicht bereit, zu vergeben.

Ich bin Chemieingenieur und lebe in Cali, der drittgrößten Stadt des Landes, und ich habe am Sonntag für den Friedensvertrag abgestimmt, weil ich glaube, dass unsere Generation endlich ein friedvolles Land verdient. Wir haben seit über 50 Jahren versucht, die Farc zu bekämpfen – jetzt brauchen wir eine neue Strategie!

Das Ergebnis macht mich traurig: Denn es zeigt mir, dass die Kolumbianer nicht bereit sind, zu vergeben. Es zeigt mir, dass der Stolz größer ist, als der Wunsch nach Frieden. Wenn wir so weitermachen, werden wir niemals in einem dauerhaften Frieden leben.


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