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Wieviel Zukunft hat die Bewegung?

Sedat Kaya hatte noch keine einzige "Fridays for Future"-Kundgebung besucht, da gehörte er schon zu den Organisatoren. Anfang des Jahres las der 22-Jährige eine Whatsapp-Nachricht: Die wöchentlichen Planungstreffen der Hamburger Ortsgruppe waren mitterweile zu groß, zu viele Schülerinnen und Schüler wollten mitmachen, das Team brauchte einen neuen Ort. Sedat kannte einen. Weil er schon dabei war, kam er gleich selbst zum Treffen. Und wurde als einer von drei volljährigen Teilnehmenden plötzlich zum Anmelder des nächsten Klimastreiks am 1. Februar. Seines ersten.

Seit dem Planungstreffen in den Räumen von Sedats deutsch-türkischem Kulturverein ist viel passiert. Sedat ist inzwischen voll dabei. Diskutiert täglich mehrere Stunden in Chat-Gruppen, telefoniert mit Gleichgesinnten, organisiert neue Treffen. 

Sedat im Streik-Plenum an der Uni. 

(Bild: Jannis Große / bento)

Anfang der Woche hängte er mit Mitstreitenden 150 Plakate an der Uni Hamburg auf. Mitten im Regen. Sedat ist in keiner Partei; dass Umweltpolitik ihn bis vor kurzem nicht sonderlich interessierte, sagt er selbst. Jetzt ist er mittendrin. 

„Ich habe mich geschämt, als ich gesehen habe, was die Schülerinnen und Schüler seit Wochen alleine auf die Beine stellen. Ich frage mich immer: Was habe ich in dem Alter eigentlich gemacht?“
Sedat

An diesem Freitag ist er mit anderen jungen Menschen an mehr als 1600 Orten in über 100 Ländern zusammengekommen um für mehr Klimaschutz streiken. Der Mega-Streik wurde seit Wochen weltweit vorbereitet (bento). Von Schülern, neben dem Unterricht. 

Die Frage ist nur: Was kommt nach dem Mega-Streik? 

Damit der Bewegung nicht die Luft ausgeht, muss sie nach dem 15.3. auch Menschen mobilisieren, die bislang höchstens als Zuschauer zu den Kundgebungen kommen. Eltern. Lehrinnen und Lehrer. Vor allem aber Studierende wie Sedat. Bislang ging praktisch jede große Jugendbewegung von den Hochschulen aus. 

Plakate auf dem Campus der Uni Hamburg

Die Studierenden sind oft idealistisch genug, um große Pläne für die Zukunft zu schmieden. Gleichzeitig haben sie in vielen Fällen bereits genügend praktisches Know-How, um eine funktionierende Bewegung auf die Beine zu stellen.

Dass die aktuelle Gegenbewegung zum Klimawandel auch ohne dieses bewährte Muster groß geworden ist, wirft neue Fragen auf:

  • Werden sich die Studierenden einer Bewegung von Teenagern anschließen?
  • Wie sieht es mit anderen potentiellen Verbündeten aus?
  • Was passiert, wenn Schülerinnen und Schüler auf diskussionsfreudige Studierende, gestandene Wissenschaftler oder erprobte Aktivisten treffen?
  • Kurz gesagt: Wohin soll sich die Klimastreik-Bewegung überhaupt entwickeln?

Auch Jakob Blasel stellt sich diese Fragen oft. Anfang Dezember stieß der 18-Jährige die Bewegung mit einer Whatsapp-Nachricht aus seinem Jugendzimmer in Kiel mit an. Inzwischen gehört er in Deutschland zu den bekanntesten Gesichtern von "Fridays for Future" – neben der 22-jährigen Luisa Neubauer und natürlich Greta Thunberg, 16, mit deren spontanem Streik vor dem schwedischen Parlament im vergangenen Sommer alles begann.

Jakob auf der "Fridays for Future"-Demo in Berlin.

(Bild: Getty Images/Omer Messinger)

Seit Monaten lebt Jakob wie im Ausnahmezustand, dabei sollte er gerade eigentlich vor allem für sein Abi lernen, das in gut zwei Wochen beginnt. Anfangs wollte sein Vater noch mit ihm über Zeit-Managment sprechen. Inzwischen haben die Eltern akzeptiert, wie wichtig die Bewegung ihrem Sohn geworden ist. Wenn er auf dem Weg zu Treffen ist, lernt er jetzt oft im Zug. Das Internet funktioniert dann ja eh nicht, sagt Jakob. Dennoch spürt er gerade manchmal seine Grenzen.

„Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich meiner Verantwortung nicht gerecht werde. Manchmal denke ich, ich brauche einen Assistenten.“
Jakob

Die Klimastreik-Bewegung hat immer wieder neue Hindernisse überwunden. Politiker bezeichneten die Schulstreiks wochenlang als Schwänzerei. Im Internet wurde das Privatleben von Jakob und Luisa durchforstet, um die beiden wegen ihrer Flugreisen vorzuführen. 

Doch die "Fridays for Future" sind immer noch da. 

Mit der Zeit ist aus dem Schülerprotest ein festeres Bündnis geworden. Immer noch spontan und meist von unten geplant, aber mit mehr Erfahrung. Früher organisierten sich die Schüler vor allem auf Whatsapp und Telegram. Dort, wo sie sonst Hausaufgaben und Youtube-Videos teilen. Inzwischen sind manche Orga-Teams auf Slack gewechselt. Eine Büro-Software, mit der sonst Start-ups ihren Alltag organisieren. 

Als die Nichtregierungsorganisation Campact am Mittwoch ihre zwei Millionen Newsletter-Abonnenten auf die FFF-Übersichtsseite weiterleitete, brach der Server der Klima-Aktivisten kurzfristig zusammen. Die Seite war einen halben Tag nicht mehr erreichbar. Das Interesse am Klimastreik war einfach zu groß. Dazu kam noch ein Bug in der selbstprogrammierten Seite. Doch innerhalb weniger Stunden hatte ein ehrenamtliches Team das Problem gelöst. Schüler und Studierende arbeiteten zusammen. Solche Lösungen wünscht sich Jakob für die Zukunft öfter. 

„Wir müssen noch mehr Aufgaben abgeben und gerechter verteilen.“
Jakob

Anfang der Woche bekam die Bewegung neue Unterstützung. 12.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterzeichneten einen Appell der "Scientists for Future". Die Initative gaben der Schülerbewegung das, was vielen davor noch fehlte: Fachliche Expertise, die bestätigt, wie ernst die Lage inzwischen ist. Zuvor hatte FDP-Chef Lindner die Schüler noch verspottet und sie aufgefordert: "Überlasst das den Profis". Danach war die Antwort klar: "Wir sind die Profis und wir sagen, die junge Generation hat Recht." (bento

Die Zusammenarbeit mit den Experten ergab sich eher zufällig, sagt Jakob, doch für die Schülerinnen und Schüler war sie eine wichtige Unterstützung.

Studierende und Schüler beim Klimastreik.

(Bild: Getty)

Auch deshalb wäre es gerade ganz gut, wenn die Bewegung weiter wachsen würde, wenn zum Beispiel noch mehr Studierende dabei wären. Sedat arbeitet daran, dass dieser Plan aufgeht. Dass noch mehr junge Menschen den Klimastreik als ihre Sache begreifen. In der Hamburger Studierenden-Gruppe haben sich innerhalb weniger Tage über 100 Studierende gefunden, die täglich in einer Whatsapp-Gruppe schreiben, aber auch Flyer verteilen und Veranstaltungen planen. Sie treffen sich jetzt regelmäßig an der Uni, gehen aber auch zu den offenen Orga-Treffen der Schülerinnen. Offiziell sind sie eine Arbeitsgemeinschaft der bestehenden Gruppe. Bei den Streiks wollen sie gemeinsame Sache machen.

Die Studierenden machen bei den Schülerinnen und Schülern mit

In anderen Städten wie Berlin, Oldenburg, Düsseldorf, Marburg oder Halle entstehen gerade ähnliche Initiativen. Inzwischen vernetzen sie sich auch bundesweit. Als Teil der bestehenden Bewegung, das ist Sedat wichtig.

„Die Schüler haben viel geopfert. Sie sind oft viel entschlossener als wir. Dass sie immer noch so präsent sind, ist ein großer Erfolg.“
Sedat

Die Diskussionen unter den Studierenden drehten sich um dieselben Themen und seien doch oft anders, sagt Sedat. Als es in der Whatsapp-Gruppe um den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kapitalismus ging, konnten die Studierenden sich tagelang nicht einigen. Am Ende fanden sie erst in einer Basisversammlung einen gemeinsamen Nenner. Kritik an den Folgen der derzeitigen Wirtschaftspolitik gehört dazu, im Kern steht aber der gemeinsame Protest für Klimaschutz. Die Bewegung solle politisch, aber unparteiisch bleiben.

Manche Frage, die sich durch die neue Unterstützung von den Hochschulen stellt, ist aber auch ganz praktischer Natur: Wenn Schülerinnen und Schüler nicht zur Schule gehen, um fürs Klima zu streiken, ist es Protest, der provoziert. Wenn Studierende nicht zur Uni gehen, ist es dagegen ein bekanntes Muster – und ein Witz, den viele schon kennen. 

Doch wie könnte der Protest in Zukunft dann aussehen?

Jakob und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben bereits eine Idee. Es ist ein neues Ziel, über das sie öffentlich bislang nur mit wenigen gesprochen haben. Ende Mai finden von Schweden bis Griechenland Europawahlen statt. Die Klima-Aktivisten wollen das Datum nutzen, um bis dahin den Druck aufzubauen. "Es gibt bislang in ganz Europa keine einzige Partei, deren Programm ausreicht, um den Klimawandel zu stoppen", sagt Jakob. 

Gemeinsam mit Studierenden, Schülerinnen und Schülern will er hier ansetzen. Wenige Tage vor der Wahl soll es erneut einen globalen Streik geben, der dann auch die Menschen unter Druck setzt, die mit der Schule bereits fertig sind und wählen dürfen: Eltern. Wenn dann auch noch ein paar Azubis dabei wären, sei er zufrieden, sagt Jakob. Es klingt ein bisschen wie eine Drohung.


Fühlen

Hanna hat den Chat verlassen: Wann eine WhatsApp-Trennung gut ist

Eine Beziehung zu beenden, ist fast immer schwierig. Zusätzlich zu der emotionalen Last, gibt es auch noch einige Erwartungen daran, wie genau eine Trennung ablaufen sollte. 


Eine der offenbar allgemeingültigen Grundregeln: Wenn schon Schluss machen, dann auf jeden Fall im persönlichen Gespräch! Der unverzeihlichste Fehler wäre für viele Menschen eine schriftliche Notiz. 

Ich finde, das ist Quatsch: Manchmal kann eine Trennung per WhatsApp der bessere Weg sein.

Warum? Das erkläre ich oben im Video.