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Am 15. März wollen sie weltweit Millionen Teenager auf die Straße bringen.

Als Jakob Blasel am 10. Dezember die WhatsApp-Nachricht verschickt, ahnt er nicht, was sie auslösen würde. Im Haus seiner Eltern in Kiel liegt der 18-Jährige im Bett; gerade hat ein Freund ihm geschrieben, dass nun auch erste Schülerinnen und Schüler in Kiel und Berlin streiken wollen – gegen den Klimawandel, oder besser gesagt: gegen Politiker, die untätig bleiben, statt die Welt zu retten.

"Teilen, Weiterleiten, Teilen", überschreibt Jakob die Nachricht. "Schüler*innen streiken diesen Freitag wieder für das Klima." Und: "Seid ihr dabei?" Jakobs Gedanke: Die Streiks müsste man größer aufziehen, mehr als nur eine Handvoll Leute zusammentrommeln. Die Nachricht geht zunächst an ein paar Freunde, die er von Greenpeace kennt, auch bei der Grünen Jugend in Kiel ist er Mitglied.

Jakob auf der Demo in Berlin.

(Bild: Getty Images/Omer Messinger)

Für jede Stadt, in der Streiks geplant werden, fügt er in der Nachricht einen Link zu einer eigenen regionalen WhatsApp-Gruppe hinzu. Erst Köln, später Hamburg, dann Dutzende andere Städte. So sollen sich die Schülerinnen in ihren Städten untereinander vernetzen und verabreden. Noch am selben Tag wird die Nachricht immer länger, unzählige Leute teilen sie. Sie geht viral, ohne dass es die meisten Erwachsenen merken.

Drei Monate später gehen jeden Freitag Zehntausende Schüler auf die Straße statt zur Schule. Sie haben so die größte Klima-Diskussion seit Jahren angestoßen. Inspiriert hat sie die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg.

Sie sitzt seit Monaten jeden Freitag vor dem Parlament in Stockholm. Dass in Deutschland inzwischen so viele Schülerinnen streiken, liegt wohl auch an Jakobs Nachricht.

„Ich habe die Bewegung so ein bisschen mit ins Leben gerufen.“
Jakob Blasel

Und während Erwachsene nun fragen, wie lange die Kinder die Schule wohl noch schwänzen wollen, planen die Schüler schon den Mega-Streik.

Am 15. März wollen sie auf der ganzen Welt demonstrieren und die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Die Schüler hoffen darauf, dass Millionen Teenager protestieren. Längst ist eine Bewegung entstanden, die viele Leute aufgerüttelt hat. Die Frage ist, ob die Bewegung auch eine Zukunft hat.

  • Schaffen die Schülerinnen es, weltweit gemeinsame Forderungen aufzustellen und sie durchzusetzen?
  • Können sich Hunderttausende junge Menschen übers Internet so organisieren, dass sie genug Druck ausüben?
  • Oder zerstreiten sie sich und verschwinden danach wieder in der Versenkung, wie schon viele Protestwellen vor ihnen?

Das sind selbst für professionelle Aktivistinnen und Aktivisten große Aufgaben. Bei FridaysForFuture kümmert sich unter anderem David, 14 Jahre alt, mit seinen Eltern lebt er in einem kleinen Ort bei Turin. Aus seinem Kinderzimmer chattet er mit Aktivisten aus aller Welt – über Telegram, WhatsApp und Discord. Am 15. März wollen Schülerinnen aus mehr als 40 Ländern streiken.

David, 14, lebt in Norditalien und ist einer der Schüler, die die Bewegung global vernetzen.

Weil David programmieren kann, hat er einen Bot gebaut, der die vielen verschiedenen Messenger der Bewegung miteinander verknüpft. Ohne solche Hilfsmittel wäre es kaum möglich, alle miteinander zu vernetzen. Auch so ist es schwierig genug. David ist fast den ganzen Tag online. Jeden Sonntagabend telefoniert er mit Aktivistinnen aus anderen Ländern. Einige wenige sind über 18. Die meisten sind Schülerinnen.

Mit den anderen schreibt er Protokolle, stimmt ab, wie sehr die Schüler die Nähe zu Umwelt-Organisationen wie Greenpeace zulassen wollen. Die Entscheidungen, die sie treffen, werden auch über den Erfolg der Bewegung entscheiden.

„Für mich ist der Protest das aufregendste Abenteuer meines Lebens.“
David

Als er die Gletscher in den Alpen persönlich schrumpfen sah, reichte es ihm. Seitdem denkt er darüber nach, was er tun kann, um das Klima zu retten: "Jeder sollte daran arbeiten, dieses Problem zu lösen", sagt er.

„Der Klimawandel ist die größte Gefahr für das Leben auf diesem Planeten.“
David

Auch Jakob opfert gerade seine gesamte Freizeit – und noch ein bisschen mehr. Jüngst hat er vergessen etwas zu essen; der Tag in Berlin war so stressig, zwischen der Live-Schalte ins Fernsehen und dem Schreiben einer Rede blieb nicht viel Zeit. In einem Monat schreibt Jakob Abi, statt zu lernen, tritt er jetzt bei "Hart aber fair" auf.

Genau darin sieht Simon Teune eine der größten Gefahren für die Protestierenden. Er arbeitet als Protestforscher an der TU Berlin. Die besonders Engagierten könnten jetzt so viel schuften, dass sie möglicherweise irgendwann überfordert sein könnten, sagt er.

Derzeit hat Jakob oft 150 unbeantwortete WhatsApp-Nachrichten auf seinem Handy. Auch in Deutschland findet die Kommunikation der Schülerinnen fast ausschließlich über Messenger und Facebook-Gruppen statt. 

Proteste in Australien im November 2018.

(Bild: Getty Images/Mark Metcalfe)

In einer bundesweiten Gruppe, der jeder beitreten kann, werden die Schüler auf die mehr als 160 regionalen Gruppen verwiesen, die den Streik in der jeweiligen Stadt organisieren. Die Regionalgruppen wählen Delegierte; es gibt AGs, die sich um Presse, Website und Social Media kümmern.

Aber auch der Austausch über WhatsApp und Telegram hat Grenzen. In eine Gruppe passen nur 256 Menschen, mehr lässt WhatsApp nicht zu. Deswegen musste eine zweite bundesweite Gruppe aufgemacht werden, plötzlich war die deutsche Bewegung geteilt. Die Klima-Revolution in einer offenen WhatsApp-Gruppe zu planen, ist fast unmöglich. Je mehr Menschen dazukommen, desto größer wird das Chaos, desto mehr Trolle posten Schwachsinn.

Deshalb haben die Schüler bereits das Delegierten-System erfunden und kleinere Gruppen gegründet, in der nicht jeder posten kann; mit der Zeit werden weitere Spezialisierungen und Hierarchie-Ebenen hinzukommen müssen, wenn die Bewegung Entscheidungen fällen möchte. Immer wieder kommt es vor, dass Schüler gar nicht wissen, ob sie Delegierte sind. Nicht immer ist klar, wer was weitergeben muss.

„Wir wissen selber nicht ganz genau, wie wir strukturiert sind.“
Jakob

Dabei hilft der Bewegung bisher, dass sie ein klares gemeinsames Ziel hat.

Die Schüler sind nicht gegen ein abstraktes Konzept, sie müssen nicht lange diskutieren, was sie warum fordern sollen. Sie wollen die Erderwärmung begrenzen. Auf unter 1,5 Grad, so wie es auch Wissenschaftler fordern. Koste es, was es wolle. Darin sind sich alle einig. "Man kann das radikal nennen, aber es ist eigentlich Klarheit", sagt Jakob.

Ihre Argumente kommen an. Schließlich müssten die Teenager noch sehr lange unter Dürren, Stürmen und anderen Klimakatastrophen leiden.

Das leuchtet jedem ein, auch Politikern im Rentenalter. Passiert ist bisher trotzdem nichts. Deswegen wollen die Schüler mehr. Es reicht ihnen nicht, Hunderttausende deutsche Schülerinnen am 15. März auf die Straße zu bringen. Der Tag soll ein weltweites Ereignis werden, ein Event, von dem jeder hört. Kein Politiker und keine Politikerin soll es ignorieren können.

Der Tag ist wichtig für die Bewegung selbst. Es fällt leichter, auf ein konkretes Ziel hinzuarbeiten, als jeden Freitag vor sich hin zu streiken. Die Schüler wollen zudem ein globales Zusammengehörigkeitsgefühl herstellen, zumindest an diesem einen Tag. Das klingt ein bisschen größenwahnsinnig, aber wer Jakob zuhört, merkt, wie ernst es die Schüler meinen. Gerade hat er im Kino den Film "Bohemian Rhapsody" geschaut. Darin geht es um die Band Queen, vor allem um ihren Auftritt bei "Live Aid". "Vielleicht können wir ja so einen Moment kreieren wie beim 'Live Aid'-Konzert in den 80er-Jahren", sagt Jakob.

(Bild: dpa)

"Live Aid" war eine logistische Meisterleistung. Die besten Bands ihrer Zeit nahmen an dem Benefiz-Konzert teil, Fernsehsender übertrugen live. Ob die Schülerinnen so etwas hinbekommen, kann man bezweifeln. Oder man kann es voller Zuversicht versuchen. So wie Jakob. "Meine Generation hat noch nicht resigniert", sagt er. Es klingt wie eine Ansage.


Fühlen

Ich trinke keinen Alkohol – egal, wie oft du ihn mir anbietest!

In Deutschland trinken rund 96,4 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren Alkohol. (Quelle: Aktionswoche Alkohol)

Ich gehöre zu den restlichen 3,6 Prozent. Ich trinke keinen Alkohol – und dafür muss ich mich oft rechtfertigen. Aber wieso eigentlich? 

"Neugier liegt in der Natur des Menschen", denke ich mir oft, die paar Fragen überlebe ich schon. Wenn die Frage von Menschen kommt, die ich länger kenne, ist es in Ordnung. Wir kennen uns schließlich etwas länger und ich kann ihnen vertrauen, außerdem können sich daraus auch ziemlich interessante Gespräche entwickeln.

Der Spaß hört aber auf, wenn jemand der Meinung ist, ich müsse um jeden Preis Alkohol trinken und mich fast schon dazu nötigt, das zu tun. Wenn dann auch noch alle 20 Sekunden ein "Mach dich doch mal locker" oder ein "Ohne Alkohol kannst du keinen Spaß haben" kommt, ist der Abend gelaufen.

Was ich zu meinem Alkoholverzicht zu sagen habe, siehst du oben im Video.