Bild: Andre Lenthe / imago images
Wir haben den Nordkongress der Bewegung besucht, mit Kursen von "RWE-Sturz" bis "Lobby-Arbeit"

Für die Millionenstadt Hamburg sind es wenige Demonstrierende an diesem Freitag: Nur rund 300 junge Menschen ziehen mit "Fridays for Future" durch die Straßen des südlich gelegenen Stadtteils Harburg. Kein Wunder, könnte man meinen, es sind ja Ferien. Doch die Aktivistinnen und Aktivisten sind aus ganz Deutschland angereist. An diesem Wochenende trifft sich "Fridays for Future" zum zweiten Mal zu einem Kongress.

Luisa Neubauer, 23, war nur kurz zum Beginn der Veranstaltung am Donnerstagabend da. Nach ihrer Rede im Audimax der Technischen Universität verschwindet die bekannteste deutsche Klimaaktivistin und überlasst das Feld den noch Jüngeren. Rund 300 haben sich für das Wochenende angemeldet, mehr als die Hälfte von ihnen sind unter 18.

Nach mehr als einem Jahr voll Schulstreiks will sich "Fridays for Future" mit ihnen neu erfinden – zumindest ein bisschen.

Lou (18): "Es gab im letzten Jahr so viele Momente, wo man gesehen hat, wie stark die Bewegung ist – aber auch sehr viele Rückschläge durch politische Entscheidungen."

(Bild: Fabian Schmidt / bento)

Längst wird in mancher Großstadt nicht mehr jeden Freitag gestreikt, in vielen kleineren Städten war das noch nie der Fall. "Eine Demo zu organisieren ist viel Aufwand. Es braucht allein schon wahnsinnige Kapazitäten, jeden Freitag eine Bühne mit Lautsprechern zu organisieren und aufzubauen", sagt Lou, die in Hannover zum Orgateam gehört. 

„Die Klimakrise ist ein Marathon, da müssen wir auch in den nächsten Jahren stark agieren können.“
Lou

Das gehe nur, wenn Fridays for Future eine nachhaltige Bewegung sei, ergänzt die 18-Jährige.

Manche der früheren Organisatoren seien mittlerweile ausgestiegen oder machten nun weniger, sagt Lasse (18) aus Bremen – zu viel Stress. Manche seien kurz vor dem Burnout gewesen, weil sie so viel Zeit in die Klimabewegung gesteckt hätten. Die Arbeit ist nervenzehrend, stundenlang werde in Telefonkonferenzen geredet, "aber nicht wirklich mit Inhalt". 

Gegen Ermüdungserscheinungen bei "Fridays for Future" soll nun der Kongress helfen. Für viele der Teilnehmenden steht an erster Stelle der persönliche Austausch – man kennt sich ja nur aus Telefonkonferenzen oder hat sich nur einmal beim Sommerkongress vor vier Monaten gesehen. 

Doch vor allem wollen die Jugendlichen arbeiten.

Die Kongresstage sind gefüllt mit Workshops und Diskussionsrunden. Über allem steht die Erkenntnis, dass man beim Klima nicht weiterhin bloß auf die Bundespolitik Druck ausüben kann – hier wurden die Demonstrierenden hauptsächlich enttäuscht (bento). In einem Workshop geht es deshalb darum, Beziehungen zu Europaabgeordneten herzustellen, um sie an das Pariser Klimaabkommen zu erinnern. 

In anderen Runden wird auf Lokalpolitik gesetzt: Einige Städte haben bereits aufgrund der Bewegung den Klimanotstand ausgerufen – 2020 sollen weitere folgen, wenn es nach den Aktivistinnen geht. In NRW und Bayern sind zudem in diesem Jahr Kommunalwahlen, hierfür sollen "Fridays for Future"-Gruppen in kleineren Städten vorbereitet werden. 

„Wir sind bisher eine krass urban organisierte Bewegung. Wir wollen das verändern und mehr aufs Land gehen“
Lou

Landwirtschaft sei beispielsweise ein sehr wichtiges Thema – aus der Großstadt könne man dabei bisher nicht gut mitreden. Doch es gibt auch Ansätze, die Probleme noch direkter am Kern anzugehen: Die Aktivisten wollen Finanzinstitutionen dazu bringen, Kohlekonzernen kein Geld mehr zu geben und – ganz einfach – "RWE, Uniper und Co. in die Knie zwingen", heißt es im Programm. 

An großen Ideen mangelt es "Fridays for Future" also noch nicht. 

Gerade in der Anfangszeit hatten viele der Organisatoren der Schülerdemos allerdings schon politische Vorerfahrungen, heute wollen viele Jugendliche vorne mit dabei sein, die sich vor "Fridays for Future" kaum für Politik interessiert hatten. Wegen der großen Zahl an neuen Interessenten geht es daher häufig auch bloß darum, Wissen aus dem vergangenen Jahr weiterzugeben: Wie schreibt man eine Pressemitteilung, wie spricht man mit Politikerinnen und Politikern?

2020 sei das Jahr, in dem endlich etwas bewegt werden müsse, hört man immer wieder auf dem Kongress. Es wird auch eine Belastungsprüfung sein für "Fridays for Future". 

Lasse (18): "So eine Bewegung kann ganz schön schnell untergehen."

(Bild: Fabian Schmidt / bento)

Beim jüngsten globalen Klimastreik Ende November waren weit weniger Menschen auf die Straßen gegangen als die 1,4 Millionen zwei Monate zuvor. "Die Medienpräsenz nimmt ab", stellt Teilnehmer Lasse fest. Die Anti-AKW-Bewegung etwa habe es mit sich verändernden Konzepten und verschiedenen Aktionsformen geschafft, die Politik nachhaltig zu verändern. "Ich habe Angst, dass es nichts mehr bringen wird, wenn wir in zwei Jahren immer noch jeden Freitag demonstrieren."

Ob es "Fridays for Future" auch im kommenden Jahr noch geben wird, ist für ihn deshalb eine offene Frage. Auch aufgrund der unterschiedlichen Meinungen in der Bewegung: "Ich kenne Leute, die ausgestiegen sind, weil sie fanden, wir seien nicht radikal genug. Die sind dann zu 'Ende Gelände' gegangen." Auch heute gebe es noch Aktivisten in der Bewegung, die gleich den deutschen Staat ablehnten – "aber eben auch Pastorenkinder". Für all die verschiedenen Orientierungen eine gemeinsame Strategie auszuarbeiten sei sehr schwierig. (bento)

Eva (18) glaubt an die Zukunft von "Fridays for Future": "Es wird eine große Aufgabe, bin aber total davon überzeugt, dass wir es schaffen werden."

(Bild: Fabian Schmidt / bento)

Andere Kongressteilnehmerinnen sind hingegen der Meinung, dass die Bewegung noch nicht ihren Höhepunkt erreicht habe. "In meiner Ortsgruppe haben wir die Größe unseres Orgateams gerade erst verdoppelt und einen Strategieprozess für unsere Zukunft gestartet", sagt Eva (18). Sie ist für den Kongress extra vom Bodensee angereist. Dass die Politik sich auch nach einem Jahr des Protests noch kaum bewegt habe, treibe die Bewegung nur an, künftig noch mehr Druck auszuüben, glaubt sie.

Wie genau das aussehen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Es ist möglich, dass die Zeit der großen Demos vorbei ist – aber Fridays for Future könnte sich stattdessen als langfristiger Player etablieren. 

Einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischen Studentenbewegungen haben die Schülerinnen und Schüler bereits erkannt: Sie sind nicht allein in den Unistädten aktiv und können auch etwas auf dem Land erreichen. Die motivierten Jugendlichen in Hamburg stehen dieses Wochenende schon dafür bereit.


Gerechtigkeit

Österreich: Wie realistisch ist eine schwarz-grüne Regierung in Deutschland?
Wie Tilman Kuban (Junge Union) und Anna Peters (Grüne Jugend) über eine mögliche Koalition denken.

Österreich wagt ein politisches Experiment. Die konservative ÖVP und die Grünen kommen erstmals zu einer Bundesregierung zusammen (SPIEGEL). Für Kanzler Sebastian Kurz ist das eine innenpolitische Wende um 180 Grad. Zuvor hatte der 33-Jährige mit der rechtsradikalen FPÖ koaliert. Die Regierung ging unter der im vergangenen Mai von SPIEGEL und "Süddeutscher Zeitung" aufgedeckten Ibiza-Affäre zu Bruch, Neuwahlen standen an.

Die Wiener Hofburg wird in Österreich damit zum Versuchslabor für ein ganz neues Politbündnis – und könnte Deutschland ein Modell sein. 

Zwar gibt es hier bereits auf Landesebene schwarz-grüne Bündnisse – zuerst in Hamburg, dann in Hessen und Baden-Württemberg – doch auf Bundeseben scheuen sich Union und Grüne noch. 

Die Annäherung wäre schon allein eine pragmatische: FDP und SPD – beides einst klassische Koalitionspartner der Union – kreisen in der Wählergunst ober- und unterhalb der 10 Prozent. Die Grünen hingegen haben seit Monaten einen Höhenflug, aktuell kommen sie in Umfragen auf 21 Prozent der Stimmen (Wahlrecht). Die einst verhassten Ökos sind damit gegenwärtig die einzige Partei, mit der die Union Chancen auf eine Regierungsmehrheit hätte.

Doch wie realistisch ist eine schwarz-grüne Bundesregierung? Könnten sich auch hier Union und Grüne auf eine gemeinsame Politik einigen? Sind es vielleicht gerade die Parteijungen, die beim Allianzschmieden helfen können?

Anna Peters, Bundessprecherin der Grünen Jugend, steht einer schwarz-grünen Koalition aktuell skeptisch gegenüber. Ihr gehe es vor allem darum, gute Inhalte in einer Regierungsbeteiligung durchzusetzen: "Für uns bedeutet das, einen Politikwechsel hin zur sozial-ökologischen Gestaltung unseres Wirtschaftens und der Globalisierung anzugehen und den Rechtsruck wirksam zu bekämpfen."