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Und warum sich "Fridays for Future" erst mal keine Sorgen ums Geld machen muss.

Die Bewegung "Fridays for Future" startete einst als Protestaktion von Schülerinnen und Schülern. Und Kritiker unkten: Die Sommerferien überstehen die Klimakids niemals! Nun sind Schulferien und Semesterpausen rum – und "Fridays for Future" gibt es immer noch.

Aber etwas ist anders: Plötzlich geht es nicht mehr um Schwänzen oder Nichtschwänzen. Im Sommer zeichneten sich erste interne Krisen ab. Medien mahnten die intransparenten Finanzen der Bewegung an. Auf einer Konferenz in Lausanne soll Greta Thunberg kritische Journalisten einfach vor die Tür gesetzt haben (Welt). Und öffentlich stritten Vertreterinnen und Vertreter der Bewegung darüber, ob "Fridays for Future" eigentlich noch wegweisend genug ist. 

Auch in Deutschland fordern einige Mitglieder einen radikaleren Kurs ("Kapitalismus abschaffen") oder sind unzufrieden mit der vielen Aufmerksamkeit, die vor allem Greta Thunberg und die deutsche "Fridays for Future"-Vertreterin Luisa Neubauer bekommen (bento).

Rutscht "Fridays for Future" also gerade in die erste Krise? 

Wie sollten junge Bewegungen mit radikalen Kräften in ihrer Mitte umgehen? Und wie mit Geld? Mit genau solchen Fragen beschäftigt sich die Bewegungsforscherin Sabrina Zajak. Wir haben mit ihr über die Zukunft von "Fridays for Future" gesprochen. 

"Fridays for Future" sind sich gerade uneinig über ihre Haltung: Greta Thunberg plädiert für eher moderate, allgemeine Parolen wie "Klimagerechtigkeit für alle" (Buzzfeed), andere fordern einen Umsturz des Kapitalismus. Zeichnet sich da eine Spaltung ab?

"Das ist total normal. Bewegungen, die wachsen, entwickeln ihre Strategien weiter. Und es ist ja gut, dass sich einige die Frage stellen: Was hat das alles mit der Ökonomie zu tun? Unterschiedliche Meinungen und Stimmen sind sinnvoll für eine Bewegung." 

Aber was ist mit extremen Stimmen? In Gelsenkirchen weigerten sich die Schüler, gemeinsam mit der Jugendorganisation der MLPD und in Anwesenheit derer Fahnen zu demonstrieren (WAZ). Muss sich "Fridays for Future" da abgrenzen?

"Das ist der große Konflikt, den offene Bewegungen haben. Das Prinzip einer Demonstration ist, dass alle daran teilnehmen dürfen. Gleichzeitig gibt es Kräfte, die man nicht teilhaben lassen will. Die Grenze ist die Frage: Sind Gruppen dabei, die Offenheit begrenzen wollen? Oder die radikalisieren, so dass andere Schaden nehmen? Eine Bewegung, die erwachsen wird, muss sich damit auseinandersetzen."

Warum ist "Fridays for Future" in Deutschland eigentlich so erfolgreich? Als Greta Thunberg in Berlin war, jubelten ihr Tausende zu. Als sie in New York vom Boot stieg, nur ein paar Hundert.

"Bewegungen kommen ja nicht aus dem Nichts. Der Erfolg hängt vom Umfeld ab. In Deutschland trifft 'Fridays for Future' auf einen Resonanzboden, die Gruppe ist eingebettet in eine lange Tradition von Umweltbewegungen und verbunden mit einer grünen Partei im Aufwind. Und es gab sehr präsente Mobilisierungsthemen: Ende Gelände, Kohleausstieg, Energiewende. Das hat sich wechselseitig verstärkt. In den USA gibt es andere Probleme und andere Themen." 

Im Vergleich mit anderen Bewegungen der deutschen Geschichte – der Friedensbewegung, Occupy oder den TTIP-Protesten – ist "Fridays for Future" aber doch eine sehr kleine Bewegung. Warum ist sie so mächtig?

"Das kann man nicht vergleichen. Das Besondere an 'Fridays for Future' ist die wahnsinnige Breite in Deutschland. Es gab keine andere Demonstration, die an so vielen Orten gleichzeitig stattgefunden hat. In Dörfern, kleinen und mittelgroßen Städten. Selbst Occupy war nicht so breit verankert." 

Woher kam das?

"Durch die besondere Struktur der Mobilisierung: die Schule. Dadurch waren auch alle sehr jung. Dagegen ist die Friedensbewegung ein Riesenkonglomerat. Nicht nur an Individuen, sondern auch Organisationen: Gewerkschaften, Dritte-Welt-Bewegungen. Alle gesellschaftlichen Großgruppen sind vertreten. 'Fridays for Future' ist bisher eine Grassroot-Bewegung. Aber die große Mobilisierung kommt noch: mit den Streiks am 20. September. Da sind Gewerkschaften, Greenpeace, Amnesty und auch neuen Gruppen wie 'Earth Strike' und '350.org' dabei." 

Ist es überhaupt sinnvoll für eine Bewegung, so groß zu werden? Je mehr Menschen im Boot sind, desto schwieriger ist es doch, einen Konsens bei den Forderungen zu finden.

"Proteste funktionieren über ihre Masse. Je mehr mobilisiert werden, desto mehr wird über die Themen gesprochen. Gerade im Bereich Klima- und Umweltpolitik gibt es ja nicht nur eine Lösung."

Aber auf der Agenda ist der Klimaschutz doch schon, selbst in der Bundesregierung. Ist es da nicht sinnvoller, als Bewegung konkrete Forderungen zu haben? Damit sich auch etwas tut?

(Lacht) "Naja. Bewegungen schaffen Bewegung. Deswegen heißen sie ja so. Sie üben den Druck aus, mobilisieren. Und so lange sich nicht genügend bewegt, hält das an. Die Unzufriedenheit mit dem, was alles bisher noch nicht erreicht wurde, hält sie in Gang. Es ist zwar schön, gemeinsame Forderungen zu haben – aber das Wichtige ist das Mobilisieren als solches. Der politische Prozess."

Es gab Kontroversen darüber, ob die Bewegung transparent genug mit ihren Finanzen umgeht. Wie wichtig ist das für den Erfolg?

"Natürlich ist Transparenz wichtig. Bei Greenpeace würde ich sagen: 'Passt mal auf, ich will eure Bücher sehen. Was macht ihr mit dem Geld?' Das ist eine Riesenorganisation, die wahnsinnig viel Geld verwaltet. Aber 'Fridays for Future' sind eine Basisbewegung von jungen Leuten, das sind keine Finanzbuchhalter. Ich glaube also, das ist kein Problem, sondern ein Lernprozess, der noch kommen wird."

A propos Professionalisierung: Wird 'Fridays for Future' überleben, wenn die Schülerinnen von heute an freitags morgen nicht mehr frei machen können – weil sie feste Jobs haben?

"Es wäre ja Wahnsinn, wenn die sich überhaupt so lange halten (lacht). Eigentlich ist es schon wundersam, das sie sich über das Sommerloch retten konnten. Mobilisierung langfristig an einem bestimmten Tag aufrechtzuerhalten ist extrem schwer. Es erfordert Aufwand, Energie und Ressourcen. Das wird unweigerlich abnehmen und ist ganz normal bei allen Bewegungen, die regelmäßig demonstrieren. 

Es heißt aber nicht, dass die Bewegung nicht weiterlebt. Man hat dann politisierte junge Leute, die vielleicht in guten Jobs sind. Ihr Leben entwickelt sich weiter, aber anders, als wenn sie nicht an 'Fridays for Future' teilgenommen hätten. Das Bewusstsein, dass sich etwas tun muss, bleibt."

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