Wir haben uns umgehört – von Indien bis Uganda.

Vanessa Nakate hat viel zu tun. Am Freitag findet der fünfte globale Klimastreit von "Fridays for Future" statt – Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt wollen ihren Protest auch in Zeiten von Corona sichtbar machen. Auch in Uganda, der Heimat von Vanessa. "Die meisten haben gerade echt andere Sorgen", sagt sie am Telefon, "aber wir müssen weiterhin vor den Gefahren der Klimakrise warnen". 

Die 23-Jährige gehört zu den bekanntesten Gesichtern der "Fridays for Future"-Bewegung in Afrika. Im Januar war sie Mitglied einer Delegation auf dem Weltwirtschaftsform in Davos – und wurde international bekannt, als sie als einzige Schwarze aus einem Pressefoto geschnitten wurde (SPIEGEL). "Ihr habt nicht nur ein Foto gelöscht. Ihr habt einen Kontinent gelöscht", twitterte Vanessa damals.

"Fridays for Future" verlagert seinen Protest ins Netz

Nun will sie dafür sorgen, dass ihr Kontinent beim globalen Klimastreik wahrgenommen wird. Und zählt ihre digitale Strategie auf: "Ich habe einen Podcast gestartet, in dem ich andere Aktivisten interviewe, ich poste regelmäßig Fotos und TikTok-Videos aus meinem Garten, die mich mit Streikplakaten zeigen. Und für den globalen Streiktag organisiere ich gerade einen Zoom-Call mit Jane Fonda." Die Hollywood-Schauspielerin engagiert sich seit Jahren für den Klimaschutz. Vanessa hofft, durch ihre Berühmtheit ein bisschen Aufmerksamkeit für die Sache zu bekommen. 

"Fridays for Future"-Aktivistin Vanessa Nakate aus Uganda: "Wir werden stärker aus dieser Pandemie hervorkommen."

(Bild: Vanessa Nakate)

Ein bisschen Aufmerksamkeit: Das wünschen sich gerade viele junge Klimastreiter. (SPIEGEL) Seit dem Erstarken von "Fridays for Future" im Jahr 2019 demonstrierten Aktivistinnen und Aktivisten jeden Freitag auf der Straße. Viermal gab es bereits globale Streiktage, zuletzt im September vergangenen Jahres mit weltweit zwei Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. "Das ist erst der Anfang", sagten Organisatoren damals. (Guardian)

Mit dem Beginn der weltweiten Coronakrise ist diese Sichtbarkeit erloschen. In Deutschland reagierte "Fridays for Future" zunächst rasch und sagte etwa den zur bayerischen Kommunalwahl geplanten Generalstreik ab, obwohl es damals noch kein Kontaktverbot gab (bento). Seither haben viele Länder Ausgangssperren verhängt oder verbieten Großdemonstrationen. 

Die offiziellen "Fridays for Future"-Kanäle weltweit laden nun Fotos mit Protestplakaten hoch, organisieren Videokonferenzen unter Aktivisten oder Interviews mit Wissenschaftlerinnen. Der deutsche Ableger plant für den globalen Streiktag auch wieder auf die Straße zu gehen: Aktivistinnen und Aktivisten sollen ihre Protestplakate an zentralen Stellen abgeben, diese würden dann in mehreren Städten zu einem mahnenden Schilderwald aufgebaut, heißt es von den Organisatoren.

Protest und Schwung in Indien

Auch Joel Kyndiah grübelt, wie er den Protest in seiner Heimat aufrecht erhalten kann. Mit gut 100 aktiven Mitgliedern ist "Fridays for Future" im Milliardenstaat Indien verschwindend klein, doch die einzelnen Aktivistinnen und Aktivisten seien umso umtriebiger. Seit einem Monat ist Indien komplett abgeriegelt, Straßenproteste seien wegen der Ausgangssperre nicht mehr möglich, sagt Joel, "unser Protest ist nun sehr viel konstruktiver und aktivierender". Seit man digital streike, "ist mehr Schwung in unsere Bewegung gekommen", sagt der 17-Jährige. 

"Fridays for Future"-Aktivist Joel Kyndiah in Indien: "Aktivismus ist mehr als Demonstrieren."

(Bild: Joel Kyndiah)

Die Klimaschützer bieten wöchentlich mehrere Webinare und Livekonzerte im Stream an, wollen Interessierte gleichsam bilden und unterhalten. Tausende klicken regelmäßig rein. "Aktivismus ist mehr als Demonstrieren", sagt Joel, "Bildung gehört auch dazu." Wenn die Ausgangssperre etwas Positives habe, dann, dass nun viele Klimaschützerinnen und Klimaschützer auf aller Welt bei Online-Konferenzen voneinander lernen können.

Lokale Allianzen und Online-Schulungen statt viel Krawall

Für seine Heimat zielt Joel nun darauf, Lokalregierungen zum Handeln zu bewegen. Für die Zeit nach Corona hat er angeregt, Regenwasser-Sammelstellen einzurichten und den Schulbus-Betrieb auszubauen. Joel kommt aus Shilong im Nordosten von Indien. Die Region ist von der Klimakrise besonders betroffen: Hier und im Nachbarstaat Assam wird Tee angebaut, große Gebiete sind Regenwald. Doch die Temperaturen steigen, die Monsunzeiten verkürzen sich – "unsere Wälder sind bedroht", sagt Joel. 

Für den globalen Streiktag planen Joel und seine Mitstreiterinnen unter anderem einen Twittersturm: "Wer in Zeiten des Lockdowns wahrgenommen werden will, muss die Algorithmen erschüttern. Genau das haben wir vor."

Generell hat sich "Fridays for Future" ins Netz verlagert. Von Mexiko bis zu den Philippinen laden die Mitglieder Protestfotos unter den Hashtags #FightEveryCrisis und #DigitalStrike. Der eigens gegründete Twitter-Account @fff_digital sammelt die Aktionen. Bislang folgen nur knapp 2000 Nutzerinnen und Nutzer dem Kanal. Das ist verschwindend wenig: Allein der deutsche FFF-Twitterkanal hat 130.000 Follower, Greta Thunberg gar vier Millionen.

Zumindest global betrachtet entfaltet der digitale Protest damit längst nicht mehr die Wirkung der Demonstrationen: Die Klimakrise ist vielerorts aus den Schlagzeilen verschwunden, Politik und Wirtschaft denken über die Lockerung von CO2-Grenzwerten nach, um die Industrie nach Ende der Corona-Einschränkungen schneller wieder hochzufahren.

Die Klimaschützer setzen auf ein starkes Comeback

Auch Vanessa Nakate in Uganda befürchtet, dass es schon bald einen herben Rückschlag geben könnte. Ähnlich wie in Indien ist "Fridays for Future" in Uganda eher klein, nur an wenigen dutzend Schulen sind Mitglieder aktiv. Vanessa muss den Protest in ihrem Land daher irgendwie am Leben halten. Vor der Coronakrise standen sie und Mitstreiterinnen regelmäßig vor dem Parlament und hielten Streikplakate hoch. Mittlerweile gibt es Ausgangssperren, der öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt. 

Videocall mit "Fridays for Future"-Mitgliedern aus aller Welt: "Die Welt darf nicht in ihren alten Trott geraten"

(Bild: Vanessa Nakate)

Und der digitale Protest sei nicht leicht zu organisieren. Viele Jugendliche hätten kein Handy, sagt Vanessa, "in Uganda sind Smartphones ein besonderes Privileg." Und selbst wer eins habe, könne sich nicht immer Guthaben leisten, um Fotos oder andere Aktionen im Netz zu posten.

Doch auch wenn gerade alles nicht so gut laufe, glaubt Vanessa nicht, dass "Fridays for Future" am Ende ist. "Wir dürfen nicht zulassen, dass nach Corona die Welt in ihren alten Trott gerät", sagt sie. Die Klimaschutzbewegung sei einfach mehr denn je gefordert, Politik und Wirtschaft auf die Finger zu schauen.


Gerechtigkeit

Inklusion: Warum die Maskenpflicht zum Problem für Hörbehinderte wird
Wir haben mit dem hörbehinderten TikTok-Star Cindy über ihre Angst gesprochen.

Erst gab es nur die "dringende Empfehlung" der Bundesregierung, jetzt kommt sie doch: die Maskenpflicht. Ab Montag müssen Menschen in allen Bundesländern einen sogenannten Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn sie einkaufen gehen oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Auch selbstgenähte Masken und über Mund und Nase gebundene Schals oder Tücher erfüllen die Vorgaben. In einigen Ländern wie Sachsen gilt die Pflicht schon seit dieser Woche. (SPIEGEL)

Die Maskenpflicht soll die Verbreitung des Coronavirus weiter verlangsamen, für manche ist sie aber ein Problem. Zum Beispiel für Cindy Klink. Die 22-Jährige ist TikTok-Star, über 550.000 Accounts folgen ihr. 

Vor Kurzem erzählte sie weinend in einem Video, warum sie solche Angst vor der Maskenpflicht hat: Cindy ist seit ihrem dritten Lebensjahr stark hörbehindert. Deshalb ist sie aufs Lippenlesen angewiesen, um Menschen zu verstehen. Wenn aber Münder in der Öffentlichkeit von Masken verdeckt würden, sei sie quasi "verstummt": "Kommunikation ist dann bei mir nicht mehr vorhanden." Über 1,4 Millionen Mal wurde Cindys Video angeschaut, auch auf anderen Plattformen wird es geteilt. 

Wir haben Cindy – per Chat – interviewt und uns mit ihr über Masken, Inklusion und ihre Forderungen unterhalten.

bento: In Kürze gibt es in ganz Deutschland eine Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr. Was macht diese Nachricht mit dir?

Cindy Klink: Nur um es gleich klarzustellen: Ich bin nicht gegen die Maskenpflicht. Die Gesundheit geht selbstverständlich vor. Ich finde es aber wichtig, dass auch an die gedacht wird, für die Masken ein großes Problem darstellen. Entweder, weil sie nicht so einfach Masken tragen können, wie zum Beispiel Asthmatiker oder Autisten. Oder eben, weil sie Münder sehen müssen, um zu kommunizieren, wie ich und viele andere Menschen mit Hörbehinderung.

bento: Vor welchen Alltagssituationen hast du wegen der Masken besonders Angst?

Cindy: Vor allem vor Notfallsituationen. Ich traue mich gerade etwa kaum noch, zum Arzt zu gehen. Weil ich weiß, ich werde niemanden verstehen. Ich habe dort in den vergangenen Wochen schon unangenehme Situationen erlebt. Manche nehmen die Maske ab, sind dann aber gereizt und bringen sich ja auch selbst in Gefahr. Andere haben mir zwei Worte auf ein Blatt Papier geschrieben, um zu kommunizieren. Es gibt zwar Onlinedolmetscher, für die braucht man aber eine stabile Internetverbindung. Wenn ich irgendwo einen Unfall baue und kein Netz habe, habe ich Pech gehabt. In der Öffentlichkeit reagieren viele Menschen mit Unverständnis, wenn ich sage, dass ich nicht gut höre. Wenn alle eine Maske tragen, merke ich ja teilweise nichtmal, wenn ich angesprochen werde. 

bento: Wie fallen die Reaktionen auf dein Video aus?

Cindy: Der größte Teil ist positiv. Viele schreiben mir, dass sie gar nicht daran gedacht haben und bedanken sich oder wollen sogar selber umdenken. Aber etwa ein Drittel der Nachrichten oder Kommentare handelt davon, dass ich mich nicht so anstellen soll, dass es gerade andere Probleme gibt. 

bento: Wie gehst du damit um?

Cindy: Das verletzt mich und fühlt sich manchmal so an, als wäre ich ein Mensch zweiter Klasse. Aber ich führe mir dann vor Augen, dass viele einfach nicht wissen, wie es ist, in so einer Situation zu sein und deshalb nicht nachempfinden können, wie groß die Einschränkung ist. Gegenwind wird es immer geben. Umso wichtiger ist es für mich, Aufklärungsarbeit zu leisten. 

bento: Haben sich auch andere Betroffene bei dir gemeldet?

Cindy: Ja. Eine Frau schrieb mir, dass ihre gehörbehinderte Mutter seit 18 Tagen auf der Intensivstation liegt und mit niemandem dort kommunizieren kann, weil alle Masken tragen und die Münder verdeckt sind. Ihre Mutter sei sehr verzweifelt. Es tut mir im Herzen weh, das zu lesen. Auch andere Menschen mit Hörbehinderung haben sich gemeldet, viele teilen meine Angst vor dem Verstummen.