Bild: Jan Petter/bento
Wir haben Schülerinnen und Schüler wieder getroffen und gefragt, ob sie noch dabei sind.

Vor knapp einem Jahr standen sie zusammen, froren und riefen Parolen, die inzwischen jeder kennt: "Wir sind hier, wir sind laut..." Politiker warfen ihnen damals vor, die Schule zu schwänzen. Heute macht das niemand mehr. "Fridays for Future" hat in den vergangenen zwölf Monaten Hunderttausende Menschen auf die Straßen gebracht. Im November wurde das Klimaschutzgesetz verabschiedet. Und am Mittwoch wurde Greta Thunberg vom Time-Magazin schließlich zur "Person des Jahres" gekürt.

Knapp ein Jahr später sind viele Demonstrierende von den Ergebnissen dennoch enttäuscht. Einige "Fridays for Future"- Ortsgruppen kündigten an, diese Form des Straßenprotestes zunächst nicht weiter fortzuführen. Das soll aber nicht das Ende des Klimaprotestes sein, es soll neue Aktionen geben, schreibt beispielsweise "Fridays for Future" Berlin: 

Wie denken junge Menschen, mit denen in Deutschland damals alles begann, heute? Anfang des Jahres trafen wir in Hamburg zahlreiche Demonstrierende, die sich der Klimakrise entgegenstellen wollten. Sechs von ihnen erzählen jetzt, wie sich ihr Leben seitdem entwickelt hat. 

Renée, 19, lebt jetzt in Japan 

Ich kann gerade nur auf Whatsapp schreiben, wie es mir geht. Ich mache ein "Work and Travel" in Japan. Man kann sich wahrscheinlich schon denken, dass ich zur Zeit nicht mehr sehr aktiv bin. Seit ich im Sommer hier angekommen bin, habe ich nichts von "Friday for Future" mitbekommen.

Die Leute hier haben eine komplett andere Einstellung: Die Schule ist wichtiger als der Klimawandel. Überhaupt scheint es nicht viel Umweltbewusstsein zu geben, wenn man sich den ganzen Plastikmüll anschaut. Für die jungen Leute hier ist die Schule das wichtigste, um später an die Uni zu kommen und einen guten Job zu ergattern.

Ich habe gehört, dass die Schultore während der Unterrichtszeit sogar geschlossen sind, damit die Schüler das Schulgelände nicht verlassen. Selbst wenn es die Japanerinnen und Japaner wollten, gäbe es hier also eher keinen Klimastreik.

Luca, 18, arbeitet manchmal 60 Stunden für FFF

(Bild: Jan Petter/bento)

Ich bin immer noch sehr aktiv bei "Fridays for Future". Wenn die Schule zu Ende ist, gehe ich oft direkt zum nächsten Treffen. Auch in den Pausen mache ich meist noch etwas für FFF: Termine planen, etwas organisieren, E-Mails beantworten. In manchen Wochen war ich 60 Stunden unterwegs.

Durch die tägliche Zusammenarbeit über so lange Zeit sind einige sehr intensive Freundschaften entstanden. Anfang Oktober bin ich mit drei Leuten zusammengezogen, die ich im März noch nicht kannte. Vor dem Klimastreik war mein Leben relativ langweilig, ich war ein sehr schüchterner Typ. Das hat sich ziemlich geändert. Durch die neuen Erfahrungen fallen mir Referate leichter. Ich kann jetzt besser damit umgehen, wenn jemand einen dummen Spruch macht. 

Manchmal ist es schwierig abzuwägen, ob ich meine Zeit eher für die Schule oder FFF nutze. Im nächsten Jahr mache ich mein Abitur. Meine Eltern machen sich ein bisschen Sorgen. Das Thema Klimaschutz ist mir aber einfach so wichtig, dass ich den Aktivismus nur selten zurückstellen kann. Ich bin durch das Jahr bei "Fridays for Future" sehr gewachsen, glaube ich. Vielleicht war es das wichtigste Jahr in meinem Leben.

Milad und Alexander, beide 18, sind beide raus

Milad: Die Demo am 20. September war meine letzte. Es war die mit Abstand größte bisher, aber ich hatte das Gefühl, dass es nicht mehr nur um den Klimaschutz ging. Es waren auch viele linksradikale Gruppen wie die Antifa dabei. Durch die Massen kam mir auf einmal vor wie im Roman "1984" von George Orwell. Ich habe mich dort nicht mehr wohlgefühlt.

Ich studiere inzwischen Kognitive Informatik. Gleich in einer der ersten Vorlesungen hat uns der Professor gezeigt, wie man mit Künstlicher Intelligenz die Route von Flugzeugen optimieren kann. Auch das ist eine Form von Umweltschutz.

Auch wenn ich nicht mehr dabei bin, ist mir das Thema Klimaschutz immer noch wichtig. Ich beschäftige mich mit "Zero Waste" und habe eine Wohnung gesucht, von der ich gut zur Uni laufen kann. Ich trenne fleißig meinen Müll und rede gerade meinen Eltern ein, dass ihr neues Auto einen Elektroantrieb haben soll. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin miteinander diskutieren können.

Alexander: Ich war auch schon länger nicht mehr bei "Fridays for Future". Es ist aber einfach eine Zeitfrage. Seit dem Herbst studiere ich Informatik in Aachen. Meine Freizeit verbringe ich jetzt eher am Computer. Ich programmiere viel und versuche, immer besser zu werden. 

Freitags bin ich jetzt im Hörsaal. In der Zeit, in der ich früher beim Klimastreik war, sind meine Pflichtveranstaltungen. 

Fabiola, 18, ist jetzt bei Extinction Rebellion in Den Haag

Mir war das Thema Umweltschutz schon immer sehr wichtig, auch wenn ich gerade nur noch wenig Zeit dafür habe, weil ich inzwischen in Den Haag studiere. Bei "Fridays for Future" war ich in letzter Zeit nicht mehr so viel. Dafür bin ich bei "Plant for the Planet" und "Extinction Rebellion" aktiv. Als der erste Klimastreik stattfand, habe ich mein freiwilliges ökologisches Jahr gemacht.

Jetzt lebe in einer neuen Stadt in einem anderen Land. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Manchmal ist es ziemlich stressig. Ich hoffe, dass ich nächstes Semester wieder mehr Zeit habe. Das Thema ist einfach zu wichtig und bislang hat sich in Deutschland ja trotz unseres Protests nicht viel bewegt. Die Klimakrise beschäftigt mich auch im Studium. Ich bin in einem Programm, das "Global Challenges" heißt. Das Haupfach nennt sich "Earth, Energy and Sustainability".

Lara, 20, organisiert bald ihre erste Demo in Dänemark

(Bild: Jan Petter/bento)

Ich habe ein bisschen gezögert, bevor ich im Sommer nach Dänemark gezogen bin, um hier European Studies zu studieren. "Fridays for Future" war mir so wichtig, dass ich mir überlegt habe, erst einmal ein Jahr nichts anderes zu machen. Man gewöhnt sich an die Verantwortung. Noch heute fahre ich zu den großen Demonstrationen in Hamburg, um den Lautsprecherwagen zu betreuen. Ich bin jetzt eine von den Erfahreneren und kann anderen helfen. 

Meine Mutter meinte einmal, dass jede Generation ihre Aufgabe habe. Ich glaube, die Klimakrise ist unsere Herausforderung. Das Thema spielt auch in meinem Alltag eine große Rolle. Ich ernähre mich fast vegan und habe durch die Bewegung viele Freunde gefunden. Manchmal denke ich, dass ich durch FFF mehr praktisches gelernt habe als durch 12 Jahre Schule.

Wenn ich alleine in meiner kleinen Wohnung bin, engt mich das inzwischen oft ein. Nach den großen Events spüre ich manchmal ein Gefühl der inneren Leere. Ich will raus und was machen. In Dänemark wird die Klimakrise oft eher klassisch diskutiert. Das heißt, man sitzt viel mit Politikern rum. Ich will deshalb mit einigen Kommilitoninnen und Kommilitonnen hier etwas neues auf die Beine stellen. Im Februar ist unsere erste Demo geplant.


Uni und Arbeit

Studium an einer privaten Hochschule: "Wenn ich das nicht schaffe, habe ich das ganze Geld umsonst investiert"
Welche Vorurteile stimmen – und welche nicht? Und worauf muss man bei privaten Hochschulen achten?

Das Studium an einer privaten Hochschulen ist teuer – viel teurer als an öffentlichen Einrichtungen. Das daraus resultierende Vorurteil: Gute Noten seien gekauft, der Anspruch an die Studierenden sei geringer, und sowieso bezahle ja alles Papa. Aber was ist dran an den Vorurteilen? 

Während im Jahr 2000 nur drei Prozent der Studierenden an einer privaten Hochschule eingeschrieben waren, erhöhte sich der Anteil bis 2017 auf etwa zehn Prozent (Statisches Bundesamt). Das kostet: Im privaten Bachelorstudium liegen die Studiengebühren im Durchschnitt bei 520 Euro im Monat (WELT), im Masterstudium bei etwa 720 Euro. An öffentlichen Hochschulen hingegen ist der Semesterbeitrag wesentlich geringer. An der Uni Hamburg lag er zuletzt bei 328 Euro, aufgerundet also bei 55 Euro pro Monat (Uni Hamburg).