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Eigentlich wollte FDP-Chef Christian Lindner am Dienstagabend bei seinem Besuch an der Universität Leipzig über das Thema "Westliche Werte unter Druck? Die neue Systemfrage" referieren. Doch die Veranstaltung verlief zunächst anders: Aktivistinnen und Aktivisten von "Fridays For Future" nutzten die Bühne, um Lindner für seine Klima-Politik zu kritisieren. Nun kursiert ein Video der Aktion im Netz – und die Protestierenden ernten in den Kommentaren dazu nicht nur Applaus.

Rund 30 Aktivistinnen stürmten das Podium, als Christian Lindner gerade seinen Vortrag beginnen wollte. 

Sie legten sich zu einem sogenannten "Die-in" auf den Boden – dabei tun Protestierende, als seien sie tot, um auf die lebensbedrohliche Gefahr des Klimawandels hinzuweisen. 

Ein Video hält die Aktion fest und zeigt auch die Reaktion von Christian Lindner. 

Dieser räumt zunächst ein, dass die Aktivisten ein berechtigtes Anliegen hätten und fordert sie zum Diskurs auf. Die Protestler verzichten jedoch auf das Angebot und verlassen den Hörsaal nach einigen Minuten wieder. Aus dem Publikum hört man gehässige Sprüche, die sich gegen die Protestierenden richten.

Nach der Veranstaltung warf Christian Lindner den Aktivistinnen auf Twitter vor, nur an stummen Gesten statt an Dialog interessiert zu sein. 

Eine Kritik, die nicht von allen geteilt wurde:

Wir haben mit Tim und Lea gesprochen, die am Protest teilgenommen haben. 

Tim gehört der "Fridays For Future"-Ortsgruppe in Leipzig an, ist 18 Jahre alt und hat gerade sein Abitur gemacht. Lea ist 23 und als Studentin der Uni Leipzig Aktivistin von "Students For Future".

Geht es euch nur darum, Aufmerksamkeit zu generieren, oder habt ihr konkrete Forderungen?

Tim: "Natürlich haben wir konkrete Forderungen. Zum Beispiel den Kohleausstieg bis 2030, oder die hundertprozentige erneuerbare Energieversorgung bis 2035. Man kann alle Forderungen auf unserer Website nachlesen. Christian Lindners Behauptung, wir seien nur an stummen Gesten interessiert, kann ich deshalb nicht nachvollziehen."

Warum habt ihr ausgerechnet die Lindner-Veranstaltung für euren Protest ausgewählt?

Lea: "Generell richten sich unsere Forderungen an die Politik. Christian Lindner ist schon seit langem an der Spitze seiner Partei und hätte so die Chance gehabt, sich aktiv für den Klimaschutz einzusetzen. Das hat er allerdings bis jetzt nie getan. Stattdessen hat er die Protestbewegungen ins Lächerliche gezogen. Mit seiner Politik arbeitet er explizit gegen die Abwendung der Klimakatstrophe, die unser Ziel ist. Deswegen ist Christian Lindner ganz klar jemand, an dem wir uns reiben."

Christian Lindner hat bei dem Auftritt und später in einem Tweet kritisiert, dass ihr nicht mit ihm diskutiert habt. Warum habt ihr euch dafür entschieden, stumm zu bleiben?

Tim: "Wir hatten uns vorher geeinigt, dass es bei der Aktion nicht um einen Diskurs geht. Wir wollten lediglich unseren Protest verdeutlichen und zeigen, dass er mit seiner Politik über Leichen geht."

Lea: "Lindner hat den Soziologen Jürgen Habermas zitiert, der einst die Theorie eines herrschaftsfreien Diskurses aufgestellt hat und uns zur Debatte eingeladen. Ein herrschaftsfreier Diskurs wäre im Rahmen dieser Veranstaltung aber nicht möglich gewesen: Lindner hatte die komplette Zeit die Macht über das Mikrofon und das Publikum stand uns von Anfang an feindselig gegenüber."

Was würdet ihr Christian Lindner nach der Aktion nun gerne noch sagen?

Tim: "Er muss endlich begreifen, dass der Klimawandel eine reale Bedrohung ist. Es geht hier nicht um Diskussionen, sondern um wissenschaftliche Fakten. Werden die Emissionen nicht gestoppt, haben wir noch neun Jahre Zeit, bis die Kipppunkte der globalen Klimakatastrophe erreicht sind und es kein Zurück mehr gibt. Handeln wir nicht, können die Menschen bald nicht mehr auf der Erde leben. Das sollte auch Lindner verstehen und die Klimagerechtigkeit deswegen als oberste Priorität ansehen."

Lea: „Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, es reicht nicht Politker*innen nur nett zu bitten. Was wir brauchen ist eine gesellschaftliche Bewegung, die einfordert, große Veränderungen einzuleiten, um die Klimakrise noch zu stoppen.“

Als ihr den Saal verlassen habt, rief jemand: "Verpisst euch, ihr Kommunisten". Was habt ihr dabei gedacht?

Tim: "Uns war schon klar, dass bei einer Veranstaltung, die von der Liberalen Hochschulgruppe organisiert wurde, mehrheitlich FDP-Anhänger vertreten sind. Deswegen hat uns der Gegenwind nicht überrascht. Angenehm war es trotzdem nicht."

Habt ihr das Gefühl, dass ihr mit eurer Meinung über das Klima in der Minderheit bei euren Mitschülern bzw. Kommilitonen seid?

Lea: "Auf keinen Fall. Generell erfahren wir sehr großen Zuspruch. Die Mehrheit hat verstanden, wie ernst die Lage ist – im Gegensatz zu Christian Lindner."

Wir werden nicht leiser werden, sondern lauter und radikaler.
Lea, 23

Gerechtigkeit

"Selbst mein Vater schickte mir sexistische Nachrichten" – als Frau am Steuer in Saudi-Arabien

Was für uns eine Selbstverständlichkeit ist, ist in Saudi-Arabien erst seit Kurzem Normalität: Frauen am Steuer eines Autos (bento). Lange galt das in dem Königreich als "unislamisch", viele Aktivistinnen kämpften daher für mehr Frauenrechte und Gleichberechtigung. Vor einem Jahr wurde das Fahrverbot für Frauen aufgehoben. 

Wir haben mit Lina*, 26, gesprochen, die gerade ihre ersten Fahrstunden in Riad, der Hauptstadt von Saudi-Arabien, absolviert.

Seit Juni 2018 dürft ihr im ganzen Land legal Autofahren. Was hast du gedacht, als du davon erfahren hast?

Es ist sexistisch, Frauen nicht fahren zu lassen, deswegen war es an der Zeit. Es ist unser gutes Recht. Taxis und Bahnen sind hier oft furchtbar, auch wenn an besseren Transportmöglichkeiten gearbeitet wird. Die Alternativen sind: Du musst entweder einen Fahrer haben, Uber nutzen oder dich von einem Familienmitglied durch die Gegend fahren lassen.

Aber nicht alle Frauen, die ich kenne, sind direkt losgegangen und wollten Fahrstunden nehmen. Sie hatten am Anfang eher Angst.

Warum hatten sie Angst?

Viele hatten Angst, dass es mehr Belästigungen durch Männer geben würde, weil unsere Gesellschaft fahrende Frauen nicht gewohnt ist. Dass sich Männer in ihrer Maskulinität bedroht fühlen würden, weil sie es gewohnt seien, am Steuer zu sitzen.