Bild: dpa/Pablo Albarenga

Sie retten Menschenleben im Mittelmeer, kämpfen gegen den Klimawandel, verteidigen die Kunstfreiheit – und am Ende kommt jemand wie Christian Lindner und sagt: "Das ist eine Sache für Profis." So läuft es seit Monaten, wenn junge Menschen politisch aktiv werden und plötzlich Gehör finden.

Es scheint fast, als gäbe es ein deutschlandweites Utopieverbot, von dem nur noch nicht alle gehört haben. Als müsste man jungen Menschen regelrecht austreiben, an eine andere Zukunft zu glauben.

Dieses Utopieverbot steckt in vielen Köpfen, nicht nur in dem von Christian Lindner. Immer wieder und wieder wurden in den vergangenen Monaten junge Menschen dafür angegriffen, dass sie es wagten, öffentlich für oder gegen etwas einzustehen. Als Schülerinnen und Schüler damit begannen, gegen den Klimawandel zu streiken, wurden sie wochenlang als "Schulschwänzer" verspottet und sollten mit Negativeinträgen ins Zeugnis bestraft werden (bento). 

Als Tausende junge Menschen Protest-Mails gegen die EU-Urheberrechtsform verschickten, wurde das von deutschen EU-Abgeordneten als Fake-Kampagne diffamiert – so, als sei es einfach nicht möglich, dass junge Menschen wütende E-Mails schreiben (bento). 

Und die ehrenamtlichen Seenotretter von "Jugend rettet", "Seawatch" und "Mission Lifeline" wurden inzwischen so oft als "Schlepper", "Taxi nach Europa" und "Kriminelle" bezeichnet und auch juristisch verfolgt, dass man erst gar nicht mehr weiß, wo man mit Beispielen anfangen soll (bento). 

Diese Angriffe kommen nicht von irgendwoher. 
Vor gut einem Jahr forderten junge Politikerinnen und Politiker unter dem Hashtag #diesejungenleute, endlich ernstgenommen zu werden.

Seitdem hat die Diskussion, die hier begann, weite Kreise gezogen. Doch für Menschen unter 30 hat sich bislang wenig verändert. Inzwischen werden auch die jungen Menschen öffentlich verspottet, die noch nicht einmal in einer Partei oder Jugendorganisation aktiv sind. Das große Utopieverbot, so scheint, schwebt heute über allen, die noch keine grauen Haare und immer noch Ideen von einer besseren Welt haben. Hört endlich auf damit, ist die ständige Message.

Ob es um linke Ideen (Ungerechtigkeit bekämpfen), liberale Ideen (Kunstfreiheit schützen) oder konservative Ideen (Erde vor Klimawandel bewahren) geht, spielt offenbar keine Rolle mehr. 

Wenn junge Menschen sich zu Wort melden, werden sie mit einer Aggressivität behandelt, die man sich im Umgang mit Waffenexporten oder Dieselfahrzeugen nur wünschen könnte. 

Es geht nicht mehr ums Belächelt-werden, es geht längst darum, ob sich unsere Generation in dieser Gesellschaft zukünftig noch zu Hause fühlt. Ob sie noch glaubt, sinnvoll an demokratischen Veränderungen mitwirken zu können. Oder ob wir uns gleich den "Sachzwängen" ergeben und auf den Klimawandel warten können. Dass wir gegen Babyboomer und Senioren in der Minderheit sind, ist ohnehin längst klar. Selbst der Bundesjugendring warnt inzwischen vor den Folgen dieser verrückten Politik. Denn:

Wir leben in einer Welt, in der Klimaschutz und das Wahlrecht ab 16 immer noch verrückte Utopien sind, der Bau eines neuen Flugzeugträgers aber als Zukunftsprojekt für Europa gilt. 

Die drei Lektionen, die unsere Generation für ihr Engagement derzeit erteilt bekommt, sind immer die gleichen:

1 Ihr habt keine Ahnung!

Vor allem in der Diskussion um die geplante EU-Urheberrechtsreform und den dazu gehörenden Artikel 13 wird oft so getan, als hätten die meist jugendlichen Kritiker in Wahrheit einfach keine Ahnung. Befürworter wie der CDU-Europaabgeordnete Axel Voß wiederholen fast täglich, wie groß das Interesse von Facebook und Google sei, die Diskussion zu beeinflussen. Das stimmt natürlich. Nur sagt das nichts darüber aus, wie gut junge Menschen informiert sind. Kompetenz ist keine Altersfrage. Tatsächlich wird über kaum ein Thema seit Monaten so krass im Netz diskutiert. Und warum hört man dieses Argument eigentlich nie, wenn Politiker entgegen aller Fakten die Autoindustrie verteidigen? Sachzwängen und Altersnachweise sind kein Argument. 

2 Haltet euch an die Regeln! 

Hilft das noch nicht gegen die Argumente junger Menschen, wird gerne auf Recht und Ordnung verwiesen. Lehrkräfte-Mangel und Tausendfacher Stundenausfall sind kein Problem, doch wenn Schülerinnen und Schüler Freitags zwei Stunden für den Klimastreik fehlen, wird daraus eine Staatsaffäre gemacht. Motto: Kann ja sein, dass mit der derzeitigen Klimapolitik die Welt untergeht, aber solange ihr eure Füße unter unsere Schulbänke stellt, herrscht Anwesenheitspflicht!

Die wiederholten Hinweise auf Straf-Einträge im Zeugnis sind deshalb nichts anders als eine unverhohlene Drohung. Auch im Umgang mit den freiwilligen Seenotrettern im Mittelmeer war das die Parole: Wir ändern nichts an unserer Politik und wenn ihr nicht aufpasst, verbaut ihr euch auch noch die Zukunft. Wir müssen hier nichts sagen, aber ihr müsst euch fügen. Dieses Argument ist autoritär und arrogant, weil es auf Stärke statt Argumente setzt.

Die bittere Erkenntnis: Wenn alte Menschen gegen die Menschenwürde hetzen, landen sie in Talkshows. Wenn junge Menschen gegen den Klimawandel streiken oder Menschenleben retten, werden sie bestraft und öffentlich gemaßregelt.

3 Überlasst das den Profis!

Das Lieblingsargument von Christian Lindner gegen den Klimastreik. Doch der Spruch war kein Ausrutscher. Schon davor hatte er so getan, als dürften nur Ingenieure über die menschengemachte Erderwärmung reden.

Das "Überlasst das den Profis"-Argument ist genau genommen das schlimmste aller Argumente für das Utopieverbot. Es ist noch schlimmer als die Schulschwänz-Kritik. Und eigentlich eine Bankrotterklärung für einen demokratisch gewählten Politiker. Denn während die Schulschwänz-Kritiker wenigstens noch sagen "Demonstriert doch, aber bitte nur dort, wo es keinen stört", akzeptiert das "Überlasst das den Profis"-Argument nicht einmal das. Nimmt man es ernst, dürfte es in Deutschland praktisch gar keine politischen Diskussionen auf der Straße mehr geben. Irgendein Profi weiß es bestimmt eh besser. Das ist bizarr und undemokratisch. Denn: 

Das Demonstrationsrecht ist für viele junge Menschen bislang ohnehin schon der einzige Weg, in den ersten beiden Jahrzehnten ihres Lebens politisch Einfluss zu nehmen. 

Dass die "Fridays for Future"-Aktivisten jetzt selbst auf die Hilfe von Zehntausenden Wissenschaftlern setzen, ist deshalb zwar ein verständlicher Appell an die Vernunft, aber leider auch ein Beweis für den Experten-Kult vieler Politiker und Medien. Noch besser wäre es, auch so gehört zu werden

Doch davon sind wir derzeit weit entfernt

Wer jung ist und sich gegen das Utopieverbot vieler Politikerinnen und Politiker wehrt, wird derzeit behandelt, als wäre er oder sie ein Spinner. Selbst dann, wenn es eigentlich nur darum geht, den Planeten vor dem Untergang zu bewahren.

Vielleicht wäre es für #diesejungenleute an der Zeit zu sagen: Die wirklich gefährlichen Spinner in diesem Land, das sind die ohne Ziele und Ideen für die Zukunft.


Fühlen

Wir haben Menschen nach ihrem Zuhause gefragt. Errätst du es?

Hamburg ist voller Menschen. Um genau zu sein: 1,8 Millionen Menschen. Da wird es doch viele Leute geben, für die Hamburg ein Stück Heimat geworden ist – oder? Ich bin durch die Straßen der Hamburger Innenstadt gezogen und habe Menschen gefragt: Wo fühlt ihr euch wirklich zuhause? Die Antworten haben mich überrascht.

Ist diese Stadt, das Tor zur Welt, für die Leute auch der Ort, an dem sie sich zuhause fühlen? Und falls nicht, wo ist er dann? Findet es in unserem Quiz heraus!