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"Kinder, geht zur Schule", heißt es aus der Politik. Das ist einfach nur scheinheilig.

Zehntausende Schülerinnen und Schüler demonstrieren gerade in ganz Europa für eine Politik, die den Planeten nicht zur Hölle werden lässt. Und was hören die Klimaschützer immer wieder? "Kinder, geht zur Schule!"

So hat es CDU-Politikerin Jana Schimke getwittert, so schallt es ihnen in Dutzenden Varianten entgegen. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, schreibt zum Beispiel:


Solche Sätze sind völliger Unsinn und einfach nur scheinheilig – aus diesen Gründen.

1 Schon lange fällt in Deutschland ziemlich viel Unterricht aus – und niemanden interessiert's.

Wie viele Stunden in Deutschland nicht stattfinden, weiß niemand ganz genau. Das liegt vor allem an den Bundesländern, die sich nicht die Mühe gemacht haben, eine bundesweite und einheitliche Statistik zu führen. Scheint also nicht so wichtig zu sein, das Thema.

Der Lehrermangel verschärft das Problem. Denn den haben viele Bundesländer auch verschlafen. Die Situation ist so krass, dass ein Oberstufen-Schüler vor Kurzem eine Petition startete: Er forderte, dass auch Lehrer-Fehlstunden auf den Zeugnissen der Schüler vermerkt werden. "Die Zeit" schätzt, dass bis zu fünf Prozent der Stunden ausfallen. Was sind dagegen die paar Fehltage von einigen Zehntausend Schülern?

2 Die Jugend ist angeblich so unpolitisch, aber wenn sie doch auf die Straße geht, ist es auch wieder nicht okay.

Seit Jahren läuft auf allen Kanälen dieselbe Leier: Die Jugend sei unpolitisch, empören sich vor allem Ältere. Jetzt demonstrieren Zehntausende Teenager, formen eine weltweite Bewegung. Es geht nicht um mehr Süßigkeiten in der Mensa oder weniger Studiengebühren. Gekämpft wird um den Planeten, auf dem wir alle leben. Also: zu unpolitisch oder bitte keine Demos am Freitag? Ihr müsst euch schon entscheiden.

3 Schulleiterinnen und Politiker stehen auf praxisnahe Bildung – hier ist sie.

Wer möglichst praxisnah unterrichtet wird, ist später seltener arbeitslos. Daran glauben unsere Bildungspolitikerinnen und -politiker ganz fest. Nach drei Wochen Klimastreik weiß jede Schülerin mehr über die Auswirkungen des Klimawandels und die Dynamiken in komplexen Protestbewegungen, als wenn sie die Stunden in der Schule verbracht hätte. In der Schule sollen Teenager zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heranreifen. Jetzt übernehmen sie ihre politische Verantwortung als mündige Bürger, Demokratieunterricht auf der Klimademo statt Wandertag im Wald. Wo ist das Problem?

Wenn in ein paar Jahrzehnten Städte unter Wasser stehen, sind die paar Fehlstunden auch egal.

Die Schülerinnen sind nicht dumm. Fehlstunden oder Klimaprotest – das ist Abwägungssache. Einige Schüler entscheiden sich gegen den Protest, einige dafür. Die Entscheidung der Schwänzer ist unbestreitbar nachvollziehbar: Der Kampf gegen die globale Erwärmung ist nach allen rationalen Maßstäben der wichtigste dieses Jahrhunderts. Die paar ausgefallenen Stunden werden die Schüler wahrscheinlich nicht das Abi kosten. Unterrichtsstoff kann man nachholen, die Weichen für eine klimafreundlichere Politik müssen jetzt gestellt werden, sonst ist es zu spät. Und wer noch nicht wählen darf, streikt eben.

Nun könnte man immer noch anmerken, dass die Schülerinnen und Schüler ja am Samstag streiken könnten. Da ist doch schulfrei!

Natürlich ist es generell nicht schlecht, zur Schule zu gehen. Aber Greta Thunberg, die die Proteste inspiriert hat, hat den Freitag natürlich bewusst gewählt. Wenn die Schüler die Schule nicht schwänzen würden, würde sich niemand für sie interessieren; das ist die bittere Wahrheit. Der Schulstreik hingegen triggert offenbar etwas in der deutschen Seele, vor allem Konservative haben das dringende Bedürfnis, für Ordnung zu sorgen.

Der Widerspruch tritt plötzlich zutage – und er ist wichtig: Bist du gegen die streikenden Schüler und ihre Forderungen – oder dafür? Ohne diesen offenen Streit versinkt die Frage wieder im technokratischen Klein-Klein, das Merkels Regierungsstil so einschläfernd macht. Insofern ist haben die Demonstrantinnen und Demonstrante viel richtig gemacht, wenn nun strenge Schulleiter, Bildungsministerinnen und CDU-Hinterbänklerinnen auf den ihnen rumhacken. Keep calm and strike on!


Fühlen

Ich habe einem Mann Nacktbilder geschickt, er hat sie weitergeleitet. Was soll ich tun?

Arzu, 19, fragt:

Ich habe einen blöden Fehler gemacht: Ich habe ein Nacktbild von mir an einen Mann geschickt, ich dachte, ich könnte ihm vertrauen. Konnte ich offenbar nicht, er schickte es an seine Freunde. 

Am nächsten Tag sprachen mich mehrere Leute darauf an und fragten, ob ich Bilder von meinen Brüsten rumgeschickt hätte, manche beleidigten mich auch ziemlich heftig, bezeichneten mich als "Schlampe". Ich weiß nicht, was ich nun tun soll. 

In meinem Bekanntenkreis machen mich total viele deshalb fertig. Ich verschicke sonst nicht so gedankenlos Fotos von mir, ich dachte eben einfach, ich könnte ihm vertrauen. Was soll ich nun tun?