Bild: Leon Janauschek
Leon wurde in Uganda erst bitter enttäuscht – und hat es dennoch geschafft.

Leon, heute 21, weiß noch genau, wie er sich an jenem Tag im Juni 2013 fühlte, als er auf dem Flughafen von Kampala landete. Uganda, endlich, nach 16 Stunden Flug. Er hatte gerade sein Abitur in Oldenburg gemacht.

Er hatte den Schulstress hinter sich gelassen, gepackt, und freute sich auf das, was vor ihm lag: Kinder in einer Grundschule unterrichten, ein Jahr lang, Volunteer Service. Hilfe für die, die nicht das Glück hatten, in eine westliche Industrienation geboren worden zu sein. Ein Stück ändern in der Welt, Gutes tun, auch fürs eigene Gewissen.

Drei Jahre später sitzt er in einem Café, oben im vierten Stock eines großen Kaufhauses, schaut über die Dächer Bonns, wo er mittlerweile Politik studiert – und erzählt von seinen Erfahrungen.

Ein Blick in Leons Fotoalbum – seine Eindrücke zum Klicken:
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Sein erster Eindruck von der Grundschule in der Hauptstadt Kampala war gut, sagt er. Sein Chef sei sympathisch gewesen, das Schulgebäude habe gut ausgesehen.

Neben Leon sitzt Yoshi, seine Freundin, eine ehemalige Englischlehrerin aus Taiwan. Auch sie kam zum Freiwilligendienst nach Afrika, weil sie helfen wollte an einem Ort, weit weg von Wohlstand. In Uganda lernten sie sich kennen und verliebten sich, so erzählen es die beiden.

Und sie lernten, dass das mit der Hilfe manchmal nicht so einfach ist.
(Bild: Leon Janauschek)

Nach einiger Zeit vor Ort wurde Leon misstrauisch: Die afrikanischen Lehrer an seiner Schule waren unmotiviert. Es gab kein Essen für die Kinder, die Kreide fehlte, abends aber schmiss der Chef Strandpartys, es wurde viel getrunken.

Bald darauf erzählte ihm ein ugandischer Freund, dass die Lehrer kein Gehalt bekommen würden – obwohl die großzügigen Spender aus Großbritannien die Gehälter längst überwiesen hätten. Auch versprochene Laptops seien demnach nie in der Schule angekommen. Einmal hätten die britischen Geldgeber 20.000 Dollar überwiesen – wenig später habe Leons Chef ein neues Auto gehabt.

Leon hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache, das alles kam ihm nicht richtig vor.

Wo blieb das Spendengeld?

Einen Beweis dafür, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging, fand er allerdings nicht. Leon saß die restliche Zeit ab – und flog nach einem Jahr zurück nach Hause. Planlos, desillusioniert.

(Bild: Leon Janauschek)

Zurück in Oldenburg saß er mit seinen Eltern am Küchentisch und sagte: "Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll."

Seine Mutter sagte, er solle studieren. Aber Leon wollte nicht, hing zu Hause rum, ohne Plan. Nur an eines dachte er: zurückzugehen nach Uganda. Dort etwas verändern, etwas bewegen.

Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll
Leon zu seinen Eltern

Er überlegte, wie es wäre, eine eigene Hilfsorganisation zu gründen – eine, bei der er sich sicher wäre, was mit den Spendengeldern passieren würde. Mit seinen ugandischen Freunden Sam und Ronald hatte er schon oft darüber nachgedacht.

Er ging ein paar Monate arbeiten, als Paketträger Geld verdienen, dann packte er seine Sachen und kaufte ein Ticket. Dieses Mal ohne Rückflug.

Hilfsorganisationen in Uganda

In Uganda engagieren sich eine ganze Reihe privater Hilfsorganisationen – viele vor allem in der Entwicklungsarbeit, in der Aids-Bekämpfung und im Umweltschutz. Die Regierung reglementiert allerdings viel, nicht jede NGO kann unabhängig arbeiten. Viele Hilfsgelder werden abgezweigt: Im Korruptionsranking von Transparency International liegt Uganda nur auf dem 139. Platz – von 168 Staaten.

In Uganda überraschten ihn Sam und Ronald: Sie hatten es ebenfalls geschafft, etwas Geld aufzutreiben und ein Büro in Kinaawa, einem kleinen Dorf südwestlich von Kampala, zu mieten.

Hier wollten die drei den Plan, über den sie schon so oft gesprochen hatten, verwirklichen: eine eigene Hilfsorganisation gründen.
(Bild: Leon Janauschek)

Doch mit den Plänen kamen auch Probleme.

Keiner kannte sich gut in der Gegend aus, keiner hatte Kontakte in der Gemeinde – und sie hatten kaum Geld. Sie hatten keine Ahnung davon, wie man eine Hilfsorganisation betrieb – nur, wie man es nicht machen sollte. Sie kamen sich naiv vor – und trotzdem waren sie froh, frei zu sein.

Nach drei Wochen kam Yoshi dazu – die Rettung. Sie war schon lange begeistert von der Idee, etwas Eigenes zu schaffen. Sie hatte in den christlichen Gemeinden ihrer Heimat Taiwan Geld für das gemeinsame Projekt gesammelt, sechs Monate lang, mit viel Erfolg: 6000 Euro.

So stand ihre Hilfsorganisation plötzlich.

Sie überlegten sich einen Namen. "Madufafa – making a difference in Uganda face to face". Sie bedruckten ein Schild und hingen es draußen ans Büro.

Sie holten sich Tipps bei Nachbarorganisationen, verteilten Fragebögen, um zu verstehen, was die Menschen, denen sie helfen wollten, wirklich brauchten.

Die Leute waren skeptisch, hatten schlechte Erfahrungen mit NGOs. Leon, Yoshi und die zwei ugandischen Freunde gaben nicht auf. Und erfuhren so, dass es in der Gemeinde ein ernstes HIV-Problem gab.

Nach weiteren Wochen stand ihr erstes Projekt: Sie boten kostenlose HIV-Tests für die Leute aus der Gemeinde an. 150 kamen.

Mit Ärzten organisierten sie kostenlose Zahnbehandlungen, Impfungen, Tuberkuloseuntersuchungen. Irgendwann hatte Leon die Idee, ein Patenschaftsprogramm auf die Beine zu stellen, weil viele Familien sich die Schulbildung für ihre Kinder nicht leisten können.

(Bild: Leon Janauschek)

Sie gingen in die Familien, sprachen mit den Menschen, prüften, wer bedürftig war. Keine leichte Aufgabe – wie beurteilt man schon, wer arm und wer wirklich arm ist.

Das Projekt lief an, langsam fanden sie Paten.

Und hatten gleich ein neues Ziel: Die Familien sollten sich selbst finanzieren können. Sie gründeten ein Programm, das zinslose Minikredite vergibt, die Familien investieren können. "Die größte Herausforderung ist, einen Weg zu finden, Familien zu unterstützen, aber ihnen gleichzeitig nicht die Verantwortung zu nehmen", sagt Leon.

Als nächstes wollen die vier Freunde die Arbeitslosigkeit in der Gemeinde reduzieren und ein Ausbildungszentrum gründen. Um die Finanzierung dafür kümmern sie sich gerade.

Seit sie mit der Arbeit für Madufafa begonnen haben, sind anderthalb Jahre vergangen. Inzwischen hat Madufafa zwei Angestellte. Die Organisation finanziere sich nur durch Spendengelder, der Großteil komme aus taiwanesischen Kirchengemeinden, erzählt Leon. Alles fließe in die Arbeit. Er will es besser machen als sein voriger Arbeitgeber, sagt Leon.

Es gehe ihm nicht um Selbstverwirklichung. Der Frust über die vergebenen Chancen bei seiner alten Organisation und deren Hierarchie trieben ihn an.

Inzwischen hat die Gruppe mehr als 1000 Menschen auf HIV getestet, durch ihr Patenschaftsprogramm können 31 Kinder wieder zur Schule gehen, vier Frauen haben ein regelmäßiges Einkommen.

Seit zwei Semestern studiert Leon in Bonn. Politik.

Das Projekt betreiben er, Yoshi und die beiden ugandischen Freunde noch immer. In den Semesterferien fliegt er immer für einige Wochen hin. Schauen, wie es vorangeht.


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